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Parrotta - Contemporary Art - Project Space

»Pusteblume«

Steffen Osvath


Die fotografische Arbeit des jungen Stuttgarter Künstlers Steffen Osvath basiert auf gefundenen, aus dem Leben gegriffenen Fotografien. Meist sind es Schwarz-Weiß-Fotografien, wie sie jeder aus alten Schachteln auf dem eigenen Dachboden kennt, wo sie bewahrt und für die eigene Erinnerung oder die der Nachwelt aufgehoben sind. Jenen Fotografien jedoch, die von niemanden mehr aufbewahrt werden wollen, die ihre einstige Zugehörigkeit und ihren Ort verloren haben, nimmt sich Steffen Osvath an, wenn er sie nach Entrümpelungen auf Recycling-Höfen findet. Die Menschen auf den Fotografien sind Unbekannte, deren Schnappschüsse und Familienportraits Fragmente einer nicht mehr zu rekonstruierenden Lebensgeschichte sind. In ihrer Ortslosigkeit werden die von Steffen Osvath ausgewählten Fotografien umso anziehender für unseren Blick, der die gespürte zeitliche und emotionale Ferne zu überwinden und in die zuweilen familiäre Intimität einzudringen sucht. Doch verhindern Steffen Osvaths Übermalungen, Durchstreichungen oder Ausradierungen eine Einfühlung in die dargestellten Personen. Auch mit der Digitalisierung entrückt er seine Fundstücke ihrer ursprünglichen Materialität und Herkunft. Indem er die Augen löscht, Gesichter fortkratzt oder die Übergabe einer Pusteblume im Bild explodieren lässt, enthüllen die Fotografien ihre latente Unheimlichkeit. Die Wirkkraft der Fotografie lebt von der Illusion, die dargestellte Person sei echt, lebendig und doch belegt sie immer wieder aufs Neue die Unwiederbringlichkeit des Moments und die Ahnung des Todes.
Die gegenseitige Bedingtheit von Leben und Tod in der Fotografie wird für Roland Barthes mit jedem Druck auf den Auslöser von Neuem durchgespielt. In diesem Sinne hat Arnulf Rainer seine Übermalungen eigener fotografischer Portraits oder bekannter Persönlichkeiten, wie beispielsweise Friedrich Nietzsche, als eine ‚schrittweise Umnachtung’ und ein ‚allmähliches Eingehen in die Ruhe der Unsichtbarkeit’ beschrieben. Wie Arnulf Rainer interpretiert Steffen Osvath die vorgefundenen Fotografien mit individueller Geste neu, doch verlässt er sich dabei nicht auf die bedeutungsgenerierende Kraft des Künstlerportraits oder anderer Ikonen, sondern nimmt die Bedeutungslosigkeit als Ausgangspunkt. Er gibt den Bildern nicht, wie Arnulf Rainer sagt ‚ihr Geheimnis zurück’, sondern setzt die gesellschaftliche Auslöschung dieser als wertlos befundenen Fotografien ästhetisch fort, indem er sie weiter entwürdigt und damit auch die Unheimlichkeit des Umgangs mit ihnen reflektiert. Steffen Osvath wendet sich bei seiner Suche nach Fotografien gerade solchen Aufnahmen zu, die dem öffentlichen Blick nicht zugedacht waren. Es sind labile physische und psychologische Momente, die nach der künstlerischen Überarbeitung jedoch kaum mehr auf die Innerlichkeit der dargestellten Person verweisen, sondern vielmehr auf die gesellschaftlichen Gegebenheiten innerhalb welcher diese Fotografien entstehen und schließlich verloren gehen konnten.

Eröffnung: Freitag, 27. Juni 2008, ab 19.00 Uhr
Dauer der Ausstellung: 27. bis 19. Juli 2008
Öffnungszeiten: Donnerstag bis Samstag von 14.00 bis 18.00 Uhr

- English Version -

Dear Sir or Madam, dear friends,

you are cordially invited to the opening of Steffen Osvath’ »Pusteblume« (»Blowball«) at our Project Space in Berlin.

Opening: Friday, June 27th 2008, from 7 p.m.
Exhibition runs: till July 19th 2008
Hours: Thursday to Saturday from 2 – 6 p.m.

Project Space Berlin
Brunnenstr. 178-179
10119 Berlin
parrotta.de

We would be delighted to see you.
Sandro Parrotta and team

Steffen Osvath »Pusteblume/Blowball«

The photographic works of the young Stuttgart artist Steffen Osvath are based on pictures found and taken from real life. Most of them are black and white photographs as we usually find them in boxes in our attics, where they are retained and kept for our memory or posterity. However Steffen Osvath deals with those pictures nobody wants to keep anymore, which have lost their former belonging and place. He finds them on waste disposal sites after somebody’s home has been cleared out. The people on the photographs are strangers whose snapshots and family portraits are fragments of lives which cannot be reconstructed anymore. With their placelessness the pictures Steffen Osvath chooses attract our glance that tries to overcome the temporal and emotional distance we feel and sometimes to intrude into the familiar intimacy. But Steffen Osvath’s painting over, his crossing out or erasures prevent any identification with the person depicted. By the means of digitalization he also moves away his finds from their original materiality and provenance. By deleting eyes, scratching out faces or letting a blowball explode while it is handed over in the picture the photos reveal a latent eeriness. Photography’s effectualness lives on the illusion that the depicted person is real and alive, but it proves again and again anew the irrevocability of the moment and the anticipation of death. According to Roland Barthes the mutual conditionality of life and death in photography is acted out anew with every push on the release. On this note Arnulf Rainer has painted over his photographic self-portraits or those of famous personalities, like Friedrich Nietzsche e.g., described as a ‘step-by-step aberration’ and a ‘gradual entering into the calm of invisibility’. Like Arnulf Rainer Steffen Osvath reinterprets the found photographs with an individual gesture, yet he does not rely on the power of the artistic portrait or that of other icons to generate meaning, but takes meaninglessness as his starting point. To the pictures he does not return, as Arnulf Rainer put it, ‘their secret’, but proceeds the social obliteration of these photos that have been found to be worthless in an aesthetic way by debasing them even more and thus by reflecting on the eeriness of their handling. In his search for photographs Steffen Osvath specially turns to those pictures that were not meant to be seen by the public. It is this instable physical and psychological moment that however hardly manages to refer to the inwardness of the depicted person after the artistic revision, but rather to the social condition in which these photographs could emerge and get lost again.
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