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Egbert Baqué Contemporary Art

The Marble Trail

Selket Chlupka



The Marble Trail #05, 2012, Lack und Acryl auf Leinwand, 200 x 155 cm

Wer rechten Sinn für den Zufall hat, der kann alles Zufällige zur Bestimmung eines unbekannten Zufalls benutzen – er kann das Schicksal mit gleichem Glück in den Stellungen der Gestirne als in Sandkörnern, Vogelflug und Figuren suchen. (Novalis: Neue Fragmente. Noten an den Rand des Lebens)

Zufall ist selber nur das Aufeinanderstoßen der schaffenden Impulse. (Friedrich Nietzsche: Nachlass)

Verästelte Landschaft in dunkle Nacht gefasst: dort krustierend wachsende Rotalgen, hier zähflüssige oder bereits erstarrte Lavaströme, dort unterirdische Wasserläufe in dolenartigen Senken – schlot- oder trichterförmig – mündend, dort Mangrovenbäume, deren Stelzwurzeln in schimmernden Schlamm greifen, von Nebel umgeben. Oder ein Antlitz, das grell aufblitzt, von zartwandigem Geäst verdeckt, vielleicht ein Märchenwald, vielleicht ein dunkler Abdruck – darunter sicher auch The Marble Trail, der in die Tiefe führt, einmal als gangbarer Weg, hier als moorastiger Pfad, dort nur als vage Spur in den Hintergrund – ein tausendfacher. Denn Selket Chlupka nimmt uns nicht an der Hand und zeigt uns den einen Weg, die eine Lesart, vielleicht das Schimmern des Mondes auf der Wasseroberfläche, wabernde Nebelschichten von der untergehenden Sonne schwach erleuchtet. Nein, Selket Chlupka zielt nicht auf archetypische Urbilder, die sich über Mythen/Märchen/Bilder in uns eingravierten und nach Entsprechung auf Leinwand suchen. Es ist diese ihr eigentümliche Arbeitsweise, aus der alles, gewollt oder nicht, als Möglichkeit entwächst und zum wilden Assoziieren und Sich-Verlieren einlädt.


The Marble Trail #01, 2012, Lack auf Leinwand, 150 x 120 cm

Nur wie? Um den Zauber zu nehmen, der sich dort ausbreitet, um die Arbeiten eben nicht als märchenhafte Nebel- oder Zauberwaldlandschaften gänzlich festzuschreiben, hilft ein Blick ins Atelier, den Selket Chlupka quasi in der Ausstellungsfläche leise mitverhandelt. Dort sehen wir dunkel grundierte Bilder, denen erst Cut-Outs aufgelegt und die dann mit Lack übermalt werden. Was unter der Cut-Out-Schablone geschieht, bleibt ungewiss. Lackschichten lässt die Künstlerin ineinander verlaufen, ornamentale Schlierenmuster, an Marmor erinnernd, entstehen, deren letztendliches Erscheinungsbild nur bedingt kontrollierbar ist. Das Cut-Out zeichnet sich förmlich selber auf die Leinwand, trifft auf diese, wohingegen die Bildspuren sich auf dem Cut-Out wiederfinden. Cut-Out und Leinwand: beide sind Kunstwerk und Werkzeug zugleich, sie sind jeweils Mittel zum Zweck und Sinn und Zweck, als wäre eben der Prozess der Entstehung gleichwertig zum finalen Bildprodukt und vom Betrachter kaum zu unterscheiden. Doch nicht nur das: beide sind schaffender Impuls – ganz im Sinne Nietzsches –, die im Aufeinanderstoßen nichts mehr Berechenbares, sondern eben Zufälliges hervorrufen. Ein Zufall, der gewollt, der inszeniert ist. So sehen wir Lacklinien über das Bild geträufelt, beinahe symmetrisch dieses überziehend. Doch auch hier vermuten wir die geführte Hand dahinter, eben jene von Novalis ersehnte Person, die rechten Sinn für den Zufall hat, die Lack aufträgt, bis er zum Stillstand kommt: ein Hin und Her zwischen Zufall und Kontrolle. Also ist The Marble Trail auch der Weg seiner Entstehung, auf dessen Spuren man sich begeben kann. Doch wie gesagt: er ist ein individueller, er ist auf den Betrachter angewiesen, der ihn begeht, als ob er alle Wege in sich trüge. Kevin Kuhn

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