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B3 Biennale

(Einspieldatum: 09.01.2003)

Red, pink and orange | Das GSW-Hochhaus

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In der Kochstraße in Berlin Kreuzberg strahlt bereits seit drei Jahren ein Hochhaus der Gemeinnützigen Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft Berlin mbH seine aufsehenerregenden Farben über Berlin aus. An Aktualität hat es jedoch bisher nichts verloren.
Inmitten des alten Berliner Zeitungsviertels entstand zwischen 1989-1999 die zentrale Geschäftsstelle der GSW als Erweiterung eines bestehenden Bürohochhauses aus den 60er Jahren. Das damals noch relativ unbekannte Architektenduo Sauerbruch und Hutton gewann zusammen mit einem anderen Berliner Architekturbüro den 1989 ausgeschriebenen Wettbewerb, in dessen Folge ihr Entwurf um ein fundiertes ökologisches Konzept erweitert und bis zur Eröffnung 1999 realisiert wurde.

Der vielgelobte städtebauliche Ansatz liegt in der Einbeziehung aller vorhandenen architektonischen Bauformen. Stadt wird in ihre Elemente zerlegt und neu zusammengesetzt. So greift ein 110 Meter langer Flachbau an der Kochstraße die historische Bauflucht auf und weitet den Straßenraum, indem er sich zum Block hin wölbt.
Die 22 Meter hohe Berliner Traufkante dagegen wird am östlichen Ende der Anlage von der Höhe der "Pillbox" weitergeführt. Sie besteht aus drei aufgesetzten ovalen Geschossen, die mit grünengelben Aluminiumblechen verkleidet sind.
Darüber hinaus vervollständigt eine 85 Meter hohen Gebäudescheibe die Struktur der vorhandenen Punkthochhäuser der 60er Jahre. Alle Bestandteile dieses Ensembles stehen in engem Zusammenhang mit ihrer Umgebung, die Addition der Elemente bereichert jede einzelne Form um die positiven Merkmale der anderen. Ein äußerst selten zu besichtigendes Beispiel gebauter Stadt mit funktionierenden städtebaulichen Bezügen aus
mehreren Jahrzehnten der unterschiedlichsten Gestaltungsprämissen.
Weniger überzeugend sind dagegen einige Stellen ausgefallen, an denen sich die Elemente treffen. Das Foyer und der gesamte Sockelbereich können nicht mit der selben stimmigen Konsequenz überzeugen.
Innenräumlich wird der äußeren Vielfalt durch eine enorme Bandbreite an Nutzungsvarianten entsprochen. Alle Stockwerke des Hochhauses sind frei aufteilbar und versorgen nicht nur die GSW mit bedarfsgerechten Räumlichkeiten, sondern auch ihre unterschiedlichen Mieter. Ein Großraumbüro für die Entwurfsabteilung ist ebenso vorhanden wie der einhüftige Grundriss für die Chefetage oder mehrere Geschosse mit innenliegender Erschließung für entsprechend kleinere Büros.
Die architektonisch Ausformulierung der einzelnen Elemente eines Hauses wie Wand, Boden und Decke führen zu ruhig strukturierten Räumlichkeiten mit ablesbar gebliebenen Komponenten.Der Schwerpunkt des ökologischen Konzeptes liegt auf der Eingrenzung des Energieverbrauches. Es wird möglichst wenig Energie zugeführt. Daraus folgt im Winter unter anderem eine Rückgewinnung der Abwärme und im Sommer die Zufuhr von genügend Frischluft zur Kühlung.

 

Durch die geringe Tiefe des Hochhauses von etwas über 11 Metern, zweischalige Längsfassaden und eine aufwendige Querlüftung wird die natürliche Belüftung aller Arbeitsplätze gewährleistet. Frische Luft kommt durch die Ostfassade hinein und durchquert das Haus um in der 1 Meter tiefen Westfassade nach oben steigen zu können.
Das Segel auf dem Dach dient also ganz konkret der Luftsteuerung, es erzeugt oberhalb des Hauses eine Sogwirkung, die verbrauchte Luft aus der Fassade herauszieht.
Die vollständige Verglasung bei der geringen Tiefe ermöglicht auch eine natürliche Belichtung fast aller Bereiche.
Bisher hat dieses Konzept keinen strengen Winter überstehen müssen, es liegen also kaum verlässliche Zahlen vor. Aber, stimmen die Prognosen, liegt der Energieverbrauch bei rund der Hälfte eines herkömmlichen Hochhauses.
Alle diese technischen Be- Ent- und sonst wie Lüftungsmaßnahmen sind abstellbar. Jeder Benutzer kann Fenster öffnen, Sonnensegel setzten oder Lamellen verschieben. Gibt es keine manuellen Vorgaben entscheidet der Computer. Eine äußerst benutzerfreundliche Situation am Arbeitsplatz, die natürlich zu gutem Arbeitsklima und besonderer Vermietbarkeit beiträgt. Fast alle Flächen sind laut Auskunft der Besitzerin vermietet oder von ihr selber genutzt, im Gegenteil zu weniger attraktiven Bürokomplexen an renommierteren Stellen Berlins.

 

Trotz der relativ kurzen Zeit seiner Existenz ist dieses Hochhaus schon zu einem Orientierungspunkt im städtischen Gefüge avanciert. Der Wiedererkennungswert durch die Höhe aber auch durch die eigenwillige Farbgebung ist groß. Sonnenschutzelemente in unterschiedlichen Farbnuancen von rot, rosa und orange werden über die gesamte Westfassade verstreut und je nach Tageslichtsituation angeordnet. Ein überraschend harmonisches Mosaik der freundlicheren Art.
Seltsamer Weise kann das alles nicht die ewig Gestrigen von einem mutigeren Vorgehen bezüglich unserer Stadt überzeugen.

GSW
Gemeinnützige Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft Berlin mbH
Kochstraße 22
10969 Berlin
gsw.de

Stella Hoepner-Fillies

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