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B3 Biennale

(Einspieldatum: 13.03.2003)

Architekturportrait: Sankt Canisius

Die Sankt Canisius Gemeinde am Lietzensee ist erst 82 Jahre alt und hat dennoch im letzten Jahr bereits ihr viertes Kirchengebäude eingeweiht.
1943 wurde die erste Kapelle durch Fliegerbomben zerstört, am Tag des Mauerbaus 1961 musste dann das zweite Gebäude wegen Einsturzgefahr geschlossen werden. Und 1995 wurde auch das umgebaute dritte Gotteshaus durch Brandstiftung völlig zerstört. Nach sechs Jahren Wettbewerb, Planung und Ausführung konnte im Juni 2002 die neue vierte Kirche ihre Einweihung feiern.
Noch ist nicht alles fertiggestellt: eine Decke ist nicht gestrichen und der stadträumliche Vorplatz noch nicht angelegt. Außerdem wird die benachbarte Wohnbebauung mit Räumen für das Pfarrbüro und die Amtsgeschäfte der Gemeinde erst Mitte des Jahres Bezugs fertig sein, aber das eigentliche Haus Gottes steht schon. Und es ist, trotz rostiger Müllcontainer und regnerischem Berliner Märzwetter, nicht zu übersehen.



Auf einem rechteckigen Grundriss befindet sich im geschlossenen nördlichen Bereich der eigentliche Kirchenraum und rechts davon ein sogenannter "offener Raum" von enormer Größe. Beides ist in Sichtbeton ausgeführt worden und durch Lärchenholz verschalte Einbauten miteinander verbunden. Durch diese exponierte Lage und die spezifische Materialwahl beziehen der Eingang und eine eingestellte Marienkapelle so ihre übergeordnete Bedeutung.
Im Innenraum angelangt, wird der Besucher unerwarteter Weise halbkreisförmig am Tabernakel und der Tür zum Beichtstuhl vorbei auf den Altar zugeführt. Das Ende des Kreissegmentes liegt hinter der eigentlichen Altarwand und ist vollständig verglast, was zu einer asymmetrischen indirekten Beleuchtung der gesamten Apsis führt. Altar, Tabernakel und eine den Altar quasi fortführende Plastik im offenen Raum wurden von Guy Charlier aus Trier entworfen.Gegenüber der halbrunden Wand liegt die Schnittstelle zum "offenen Raum". Über die gesamte Tiefe des Kubus verglast und etwas abgesenkt öffnet sie den Kirchenraum in großzügiger Gestik zum außen liegenden Luftraum. Die Architekten des Neubaus Büttner, Neumann und Braun aus Berlin erweitern den Innenraum seitlich nach außen und nicht wie gewohnt nach oben.
Alles präsentiert sich in ausgewogenen Proportionen und wirkt sichtbar intellektuell durchdrungen.



Bis ins kleinste Detail scheint jeder Aspekt erfasst und bearbeitet zu sein, selbst die Rödellöcher am Beton sind von der amerikanischen Künstlerin Joan Waltermath dem Profanen enthoben und zum hundertfachen Kunstwerk ernannt.
Und darin begründet sich –zumindest architektonisch- eine Bemerkung am Rande: Vielleicht sind die Gestaltungsprämissen zu zahlreich gewesen, sie wirken wie ein "zu viel gewollt" inmitten ihrer Reduktion und des minimalistischen Ausgangspunktes.
Das Volumen des Kirchenraumes ist nicht klar genug strukturiert, seinem "goldenen Schnitt" und aller Einfachheit zum Trotz.

Kein wirklicher Kritikpunkt nach der wundervollen Ruhe, die diese Kirche um und in sich herum möglich macht, aber doch erwähnenswert.
Eine "Kirche am Weg" sollte nach dem erklärten Willen der Gemeinde hier entstehen, offen zu allen Seiten und mit der Möglichkeit sozusagen im Vorübergehen, Gott und seine Existenz im Alltag erfahrbar zu machen. Ganz sicher hat diese Arbeitsgemeinschaft von Architekten, Kirchenvertretern und Gemeindemitgliedern ihr hehres Ziel erreicht. Die hohen Besucherzahlen sprechen jedenfalls dafür.
Bleibt zu wünschen, dass die neuen Sparmaßnahmen der Katholischen Kirche Berlin nicht gerade diese Immobilie betreffen werden und, dass viele Jahre bis zur nächsten Einweihung ins Land ziehen.

Katholische Kirchengemeinde St. Canisius | Neue Kantstraße 2 | 14057 Berlin





Stella Hoepner-Fillies

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