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B3 Biennale

(Einspieldatum: 09.07.2003)

Ernst Ludwig Freud: Villa Frank

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Die Söhne berühmter Männer haben’s schwer

Sigmund Freud hatte sechs Kinder, seine Tochter Anna Freud ist zumindest in Psychologenkreisen berühmt, aber wer hat schon mal was von Ernst Ludwig, dem jüngsten Sohn Freuds, gehört?
Ernst Ludwig Freud war Architekt und hat bis zu seiner Emigration 1933 neun Häuser in und um Berlin gebaut. Als hätte er sich nicht entscheiden können, weist jedes Haus eine eigene Stilrichtung auf. Sicherlich gehört Freud nicht zu den Stararchitekten seiner Zeit, aber seine Bauten waren bekannt und geschätzt. Eines davon, das unbestreitbar Eindrucksvollste, steht in Geltow oben auf dem Franzensberg mit einem atemberaubenden Blick über den Schwielowsee.

Der langgestreckte Backsteinbau entspricht mit seinen ineinander geschachtelten Kisten ganz der Sprache der neuen Sachlichkeit. Die Fensteröffnungen sind in die Fassade eingeschnitten und mit dünnen Profilen strukturiert. Große repräsentative Räume im Erdgeschoss in Verbindung mit kleineren Schlafräumen im Obergeschoss waren dem einstigen Auftraggeber Dr. Frank auf den Leib geschnitten. Der Bankier lebte und arbeitete in Berlin und besaß in Geltow sein Wochenenddomizil, an dem er sich jedoch nicht allzu lange erfreuen konnte. Schon nach fünf Jahren wurde der Besitz 1935 "arisiert" und Dr. Frank emigrierte.
Geblieben ist sein Haus mit Schiffsgeländer und typischen Schuhkartonflair der 20er Jahre, eingebettet in eine großartige Gartenanlage mit Rondell und Gärtnerwohnhaus. Trifft es auch nicht jedermanns Geschmack, so kann sich doch kaum einer dem schlichten und ausgewogenen Anblick dieser Architektur entziehen. Wie sieht ein Haus aus, das nach siebzig Jahren den heute dort arbeitenden Polier ins Schwärmen bringt?



Noch vor drei Jahren befand sich der ganze Komplex in einem ruinösen Zustand: Der Garten verfallen, die Terrassen als Steinbruch für Marmorplatten benutzt und das Haus selbst von Vandalen verunstaltet.
Ein Bauherr aus Leipzig hat sich seiner erbarmt. Seit über zwei Jahren versucht er, den Verfall aufzuhalten und dem Haus sein altes Gesicht wiederzugeben. Es ist kein leichtes Unterfangen, den Auflagen des Denkmalschutzes gerecht zu werden und gleichzeitig seinen eigenen Vorstellungen vom Wohnen nahe zu kommen.
Heute befindet sich alles im Bau. Die Sichtachsen für den Seeblick sind wieder geschlagen, drei von vier Fassaden denkmalgerecht rekonstruiert, und eine Wohnung im Gärtnerhaus soll schon Ende März bezugsfertig sein. Die originale Holzvertäfelung aus dem Arbeitszimmer wird bereits vom Tischler aufgearbeitet, und der Whirlpool des neuen Besitzers ist sensibel in die Planung integriert worden.
Ernst Ludwig Freud fand mit diesem Haus nach vielen Verwirrungen seinen Stil, dem er auch in London treu blieb.

Stella Hoepner-Fillies

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