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B3 Biennale

(Einspieldatum: 18.02.2004)

realarchitektur für Berlin - Das Interview

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"realarchitektur" haben die drei Architekten Andrew Strickland, Petra Petersson und Jens Casper ihr Büro genannt. Seit fast einem Jahr koloriert das Team die Berliner Architekturlandschaft. Sie bauen einen Bunker zu Wohnzwecken um - ein schwieriges Unterfangen bei fast zwei Meter dicken Betonwänden - und führen wieder theoretische Diskussionen über den gesellschaftlichen Stellenwert des Wohnens.
Drei Architekten im Gespräch darüber, woher Namen stammen und wie heute gewohnt wird.

Stella Hoepner-Fillies: Haben Sie sich "realarchitektur" genannt, weil Sie sich mit realen Gegebenheiten auseinandersetzen?

Andrew Strickland: Ich würde das inzwischen als das Hauptmerkmals des Namen ansehen, aber entstanden ist der Name eigentlich anders.

Jens Casper: Ursprünglich hat es eher etwas für uns selbst real gemacht.

Stella Hoepner-Fillies: Die Selbstständigkeit mit allen Nebenerscheinungen?

Jens Casper: Genau. Wir wollten ungefiltert Architektur machen, und. wir wollten die Dinge selbst in die Hand nehmen. Aber das hat sich dann gewandelt und inzwischen sind wir schon als Marke etabliert. realarchitektur ist jetzt mehr ein Versprechen an diejenigen, die sich an uns wenden.

Stella Hoepner-Fillies: Auf Ihrer Internetseite steht: "realarchitektur ist echt, nachvollziehbar und finanzierbar." Das ist natürlich nicht nur nett formuliert, sondern hat auch einen gewissen Klärungsbedarf. Warum stehen gerade diese drei Aspekte für Sie im Mittelpunkt?

Petra Petersson: Ein Teil der Erklärung liegt sicherlich darin, dass realarchitektur im Kontrast zur virtuellen Architektur steht. In den letzten Jahren ist viel virtuelle Architektur entstanden, die gar nicht realisiert werden sollte. Das waren eher Träume von etwas, als reale Architektur. Sehr vordergründig. Wir haben das Ziel reale Architektur zu schaffen
Und bei "echt" geht es darum, nicht nur ein Konzept am Anfang zu haben, sondern dieses Konzept bis auf die Baustelle zu tragen.

Andrew Strickland: Wir bauen wirklich und betrachten nicht nur die Theorie.

Jens Casper: Wobei theoretische Konzepte, Ideen, auch ein Teil der Realität sind.
"Echt" meint authentisch, insofern, als dass die Dinge, die Realarchitekturen, wirklich von uns als Autoren stammen.
"Nachvollziehbar" heißt, dass wir unsere Prozesse so transparent wie möglich gestalten wollen. Und "finanzierbar" bedeutet nicht, dass etwas billig ist. Finanzierbar soll genau das sein, auf was sich Bauherr und Architekt einigen.

Petra Petersson: Wir möchten den ganzen Prozess mit einem gewissen Realismus vorantreiben und wollen nicht nur die Planung machen, sondern Projekte bis zum Ende begleiten.
Und umgekehrt wollen wir immer wieder auf die Idee zurückgreifen.

Stella Hoepner-Fillies: Welche Projekte bearbeiten Sie gerade?

Jens Casper: Hauptsächlich beschäftigen wir uns im Moment mit dem Ausbau des Bunkers in der Reinhardtstraße und natürlich mit "Schneller Wohnen".

Petra Petersson: Wir realisieren auch noch eine Reihe kleinerer Projekte: Ausbauten und Umbauten in Berlin und Schweden. Außerdem befassen wir uns immer wieder mit Wettbewerben.
"Schneller Wohnen" ist ein längerfristiges Projekt mit ifau (Institut für angewandte Urbanistik, Berlin), das schon immer parallel zu allem anderen gelaufen ist und weiter läuft.

Andrew Strickland. Die Zusammenarbeit mit ifau ist ganz wichtig. Wir drei können jetzt über "Schneller Wohnen" nicht für alle sprechen, es sind eben noch mehr Leute beteiligt.

Stella Hoepner-Fillies: Was bedeutet "Schneller Wohnen" denn eigentlich?

Jens Casper: Angefangen hat "Schneller Wohnen" tatsächlich bei ifau. Das ist eine Gruppe von jungen Architekten, zum Teil mit Familie. Denen sich ganz real die Frage gestellt hat: Wenn ich mit einem Außenraum oder Garten leben möchte, muss ich dann an den Stadtrand ziehen oder nicht? Wir möchten das nicht. Es gibt ein ungenutztes Potential in jeder Stadt, Lücken im System. Diese Lücken kann man bespielen.
Das Kernthema des Projektes lautet: Existierende Räume aufzuzeigen und zu benutzen, nicht als Brachen sondern als Lebensräume, sie zeitlich begrenzt mit Wohnraum zu füllen.

Petra Petersson: "Schneller Wohnen" gab und gibt uns eine Plattform, um uns mit anderen Themen auseinander zu setzen. Zum Beispiel mit dem Thema "Wohnen". Anders wohnen oder auch: Wie wohnen andere Leute? Die eine Seite von "Schneller Wohnen" betrifft den Städtebau und die andere Seiten beinhaltet: Was ist Wohnen eigentlich? Was für Leute wohnen wie?
Ich bezweifele, dass für die tatsächlich vorhandene Gesellschaftsstruktur geplant wird. In meinen Augen hat sich die Gesellschaft gravierend verändert, jetzt wird sich auch die Form des Wohnens verändern.

Stella Hoepner-Fillies: "Schneller Wohnen" bedeutet Einfamilienhäuser auf brachliegenden Flächen im Zentrum der Stadt zu bauen, die auf eine durchschnittliche Lebensdauer von 10 Jahren angelegt sind?

Andrew Strickland: Ja, aber "Schneller Wohnen" beinhaltet auch: Kann ich kurzfristig Brachen nutzen? Ist ein Grundstück für kurze Zeit zu pachten und kann es temporär bebaut werden? Wie glaubwürdig ist eine kurzfristige Nutzung? Wie gehe ich mit einer Lebensdauer von 10 Jahren bei einem Haus um? Was heißt es, wenn ein Haus sich nach 10 Jahren amortisiert haben soll? Welche Baustoffe sind nach 10 Jahren wiederverwertbar? Das sind alles Themen von "Schneller Wohnen". Und auch: Was passiert eigentlich, wenn ich wieder gehe?

Stella Hoepner-Fillies: Das sind sehr viele Aspekte eines einfach klingendes Projektes. Wie arbeiten Sie mit diesem breiten Spektrum?

Petra Petersson: Wir haben mehrere Wettbewerbe dazu genutzt "Schneller Wohnen" weiterzubringen und einzelne Teilaspekte für uns zu klären.

Stella Hoepner-Fillies: Ein Wettbewerb führte letzten November zu einem Ankauf. Ist das WeberHaus+ im Rahmen der Bearbeitung von "Schneller Wohnen" entstanden?

Petra Petersson: Das WH+ ist der Status quo von "Schneller Wohnen" zu dem damaligen Zeitpunkt gewesen. Ein Fertighaus-Hersteller suchte nach einer Idee, und wir haben ihm unsere vorgestellt. Die war so gut und so innovativ, dass das Konzept angekauft wurde.
Das Ziel aller "Schneller Wohnen" -Wettbewerbe ist, herauszufinden, an welchem Punkt der Diskussion wir uns gerade befinden.

Jens Casper: Das Themenspektrum von "Schneller Wohnen" ist äußerst breit und weit. Gestern haben wir "Schneller Wohnen" am Strand diskutiert. Es entstehen Fragen nach dem Standort, Fragen nach der Konstruktion oder Fragen nach räumlichen Konfigurationen, es gibt unendlich viel Fragen. Und diese Wettbewerbe, es sind mittlerweile drei, dienen immer auch dazu, bestimmte Teilaspekte weiter zu bearbeiten.

Stella Hoepner-Fillies: An welcher Stelle befindet sich das Projekt jetzt?

Jens Casper: Ein Teil der beteiligten Architekten ist momentan damit beschäftigt, ein Konzept für einen Prototyp zu erstellen. Eine andere Gruppe befasst sich mit der thematischen Aufarbeitung, zum Beispiel mit einer Ausstellung über "Schneller Wohnen" oder auch über existierende Formen von schnellem Wohnen
Wenn ich mir ein Einfamilienhaus von der Stange kaufe, ist es in der Regel für die klassische Familie 2+2 zugeschnitten. Diese Konstellation löst sich aber immer mehr auf. Lassen Sie es nur einmal zwei Frauen und zwei Kinder sein, die zusammen wohnen wollen. Dann passt unter Umständen alles schon nicht mehr so richtig. Es existieren einfach viele verschiedene Wohn- und Lebensformen.
Petra Petersson: Unsere Arbeit beinhaltet einen sehr viel flexibleren Umgang mit allen Wohnformen und natürlich auch mit dem Städtebau.

Stella Hoepner-Fillies: Welche Aspekte sind es denn, die Sie am wichtigsten finden?

Andrew Strickland: Mir persönlich liegt der atmosphärische Aspekt sehr nahe: Der Gewinn für die Stadt, wenn man temporäre Nutzungen möglich macht.

Petra Peterson: Warum bleiben wir eigentlich in der Stadt? Warum gehen wir nicht aufs Land? Weil wir diese Öffentlichkeit der Stadt genießen. Und, wenn wir sie genießen, dann stellt sich die Frage: wie viel geben wir davon eigentlich zurück? Wie viel Öffentlichkeit sind wir eigentlich gezwungen zu geben und wie ziehen wir uns zurück? Aus diesen Fragen entstehen unterschiedliche räumliche Zusammenhänge.

Stella Hoepner-Fillies: Die Architektursprache ihrer "Schneller Wohnen" Häuser ist sehr unterschiedlich. Ist jede Formensprache denkbar?

Jens Casper: Der WeberHaus-Wettbewerb hat uns die Möglichkeit gegeben, einmal ein Haus aus Fertigteilen zu durchdenken. Mit allen Konsequenzen. Wenn es ein Containerhersteller gewesen wäre, hätte "Schneller Wohnen" eine andere Antwort gehabt.

Stella Hoepner-Fillies: Damit ist aber auch schon die Frage nach dem Baustoff beantwortet: Es hätte jeder sein können.

Petra Peterson: Es kann natürlich am Ende auch so sein, das nur ein Material möglich ist. Das wird dann gebaut.

Andrew Strickland: Das ist sowieso das Oberziel: Wir wollen das bauen.

Stella Hoepner-Fillies: Aber man rutscht ja nicht aus den planungsrechtlichen Grundlagen heraus, nur weil das Haus nicht länger als 10 Jahre stehen soll. Wie realistisch ist denn das Ganze? Können Grundstücke gefunden werden, können Grundstücksbesitzer überzeugt werden, ist es insgesamt auch finanzierbar?

Petra Petersson: Es ist natürlich ein Ziel, solch einen Eigentümer zu finden. Einen privaten Bauherrn, für den eine temporäre Nutzung mit der darin begründeten Aufwertung des eigenen Grundstückes attraktiv wäre.

Stella Hoepner-Fillies: Gibt es denn im Moment ein konkretes Bauvorhaben?

Jens Casper: Viele Leute kommen und wollen darüber reden. Es ist anscheinend ein spannendes Thema, was zeitlich genau richtig platziert ist. Die konkrete Realisierung steht noch aus, aber es gibt ein enormes Interesse an der Idee.

Stella Hoepner-Fillies: Vielen Dank für das Gespräch.

Stella Hoepner-Fillies

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