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B3 Biennale

(Einspieldatum: 15.03.2004)

Und es werde Licht. . . - das Interview mit Reinhard Germer

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Licht ist in aller Munde. Lichtkunst in London ist das Gespräch des Tages in Berlin und Hochglanzmagazine über Licht liegen jetzt schon bei Zahnärzten aus. Aber was ist eigentlich Lichtplanung und was hat Licht mit Architektur zu tun?
Ein Lichtplaner macht Tageslichtmessungen, wirft mit Wattzahlen um sich und ist in der Lage, Oberflächen nach Reflexionsgraden auseinander zu halten. Aber Lichtplaner können auch ein Goethestandbild als Soldat am Straßenrand aufmarschieren oder melancholisch in die Ferne blicken lassen. Irgendwo zwischen diesen Polen ist das Berufsbild anzusiedeln.
art-in-berlin.de sprach mit Reinhard Germer, Lichtplaner, Lichtkünstler, Lichttechniker, in jedem Falle aber Lichtfachmann.

Stella Hoepner-Fillies: Herr Germer, was sind Sie von Beruf?

Reinhard Germer: Lichtplaner und Architekt. Wenn ich sage: "Ich bin Lichtplaner", sehen mich alle ganz groß an und wissen nicht, was das ist. Aber im Grunde genommen gehe ich an ein neues Projekt in der Lichtplanung auch nicht anders heran als an eine Architekturaufgabe. Ich setze mich mit dem Ort auseinander und mit seinen architektonischen Merkmalen.

Stella Hoepner-Fillies: Ihr Büro mediumlicht erarbeitet Tages- und Kunstlichtkonzepte. Sie beraten Architekten und Bauherren in allen relevanten Bereichen zum Thema Licht. Warum sind Fachplaner für Licht überhaupt nötig?

Reinhard Germer: Weil man langsam erkennt, was Licht eigentlich für eine Rolle spielt und was es für Qualitäten birgt. Wir führen zum Beispiel Tageslichtuntersuchungen in Büros durch, um festzustellen wie hoch der Tageslichtanteil gemessen an der Tageslichtgesamtzeit ist. Entsprechend der vorgegebenen Grenzwerte ermitteln wir, ob ein Raum überhaupt als Aufenthaltsraum genutzt werden darf oder eben nicht.

Stella Hoepner-Fillies: Ist das Ihre Hauptbeschäftigung?

Reinhard Germer: Nein. Wir analysieren gegebene, meist unbefriedigende Beleuchtungssituationen und bieten dann Problemlösungen an. Zum Beispiel empfehlen wir bestimmte Oberflächen, die bessere Reflexionseigenschaften haben. Oder wir stellen bestimmte Gläser vor, die eine bessere Transmission gewährleisten. Das bedeutet eine qualitative Aufwertung des Vorhandenen.

Stella Hoepner-Fillies: Wird die Qualität eines Gebäudes durch die Beleuchtung erhöht unabhängig davon, ob jemand es wahrnimmt?

Reinhard Germer: Ja, absolut. Aber für mich spielt der Aspekt, ob jemand meine Arbeit wahrnimmt oder nicht, eigentlich keine Rolle.

Stella Hoepner-Fillies: Ein sehr arroganter Standpunkt.

Reinhard Germer: Nein. So meine ich das nicht. Licht wirkt sehr subtil und wird oft nicht bewusst wahrgenommen. Selbst bei einer sehr schlechten Lichtplanung wird oft erst die Architektur verantwortlich gemacht und nicht das Licht. Lichtplanung ist eine sehr junge Disziplin und noch wenig in unserer Gesellschaft verankert. Die Eskimos beispielsweise unterscheiden viele Sorten von Schnee, während wir einfach nur "Schnee" wahrnehmen. Genauso ist es mit dem Medium Licht, die meisten Menschen haben noch keine sehr differenzierte Lichtwahrnehmung. Das ändert sich aber gerade zunehmend. Lichtplanung bedeutet, sich mit dem Raumeindruck und der Raumwirkung auseinander zusetzen. Licht begreife ich dabei als ein Arbeitsmaterial, wie es z.B. die Farbe für einen Maler ist.

Stella Hoepner-Fillies: Müssten nicht alle relevanten Aspekte zum Thema Licht architektur-inhärent sein? Bei einem Neubau war doch erst vor kurzem der Architekt tätig, hätte der nicht an alles denken müssen?

Reinhard Germer: Lichtplaner haben sich doch viel intensiver mit dem Thema auseinandergesetzt. Ich weiß heute sehr viel besser als früher (und ich war immerhin 5 Jahre lang Architekt), dass Grundrisse nach dem Sonnenverlauf und den Gewohnheiten der Bewohner strukturieren werden können. Mit Licht im eigentlichen Sinne beschäftigt sich im Grunde kaum ein Architekt.
Das Problem von Tageslicht ist, dass es eine sehr große Dynamik hat. Deshalb ziehen sich die Architekten an dieser Stelle oft heraus. Sie sagen: Wir planen für den kleinsten gemeinsamen Nenner. Und planen dann für die Südseite oder auch die Nordseite, manchmal sogar mit der thermischen Aufheizung von Fassaden. Aber sie bedenken selten den Sonnenverlauf, der ist viel zu dynamisch.

Stella Hoepner-Fillies: Sie beschäftigen sich auch mit Lichtplanung auf städtebaulicher Ebene. Können Sie Ihr Konzept für die Frankfurter Hochhäuser kurz vorstellen?

Reinhard Germer: Die Beleuchtungsidee hinter unserem Masterplan geht vom Städtebau aus. Frankfurt hat seine Hochhäuser nicht wie einzelne "Kirchtürme" über die Stadt verteilt. Man hat dort versucht, die Hochhäuser zusammenzufassen, unterscheidbare Gruppen zu bilden. Um diesen Clustergedanken zu stärken, haben wir uns entschieden jeder Gruppe eine eigene Lichtfarbe bzw. Atmosphäre zuzuordnen.

Als zweites stellte sich uns die Frage, wie können wir der ungeordneten, zum Teil völlig chaotischen Beleuchtung von Großstädten begegnen. Die Antwort ist eigentlich ganz einfach: Durch eine Lichtregie wird jeder einzelne Turm in einem bestimmten Zeitintervall gesondert angesteuert und beleuchtet. Auf einmal treten die Türme in Kontakt, in eine Art Dialog zu einander. Wenn der eine aufhört zu leuchten, fängt der nächste an. Aber unser Vorschlag wurde leider abgelehnt.

Stella Hoepner-Fillies: Im Grunde haben Sie die ganze Stadt geordnet?

Reinhard Germer: In Gedanken, natürlich.
Im Vorfeld des Projektes habe ich mir viele, schnell wachsende Städte angesehen, vor allen Dingen in China. Es ist unglaublich, was es dort für ein Potpourri, aus sich gegenseitig konkurrierenden Lichtfarben und Beleuchtungseffekten gibt. Von der Lichtverschmutzung ganz zu schweigen.

Stella Hoepner-Fillies: Sie experimentieren auch mit Lichtinstallationen und Lichtinszenierungen. Anfang letzten Jahres wollten Sie den Palast der Republik ganz neu ausleuchten. Was ist daraus geworden?

Reinhard Germer: Als Lichtplaner hat mich dieser Ort immer schon gereizt. Erich`s Lampenladen noch einmal aufleuchten zu lassen, diesen geschichtsträchtigen Ort, in der Mitte der Stadt, noch einmal ins öffentliche Bewusstsein zurückzubringen, auf eine moderne, unangepasste Weise. Der Palast der Republik steht in der Tradition der Volkshäuser, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts in ganz Europa entstanden sind. Nach Bruno Taut sollten das kristalline, nachts farbig leuchtende Bauten sein. Die Beleuchtungsidee zwang sich einem also förmlich auf. 2005 wird der Abriss kommen, einzig und allein um die Diskussion zu beenden. Stella Hoepner-Fillies: Halten Sie das für einen akzeptablen Umgang?

Reinhard Germer: So mit Geschichte umzugehen, sie einfach zu ignorieren, ist falsch. Für mich ist dies eine verpasste Chance für die Stadt. Ich bin nicht grundsätzlich dagegen den Palast abzureißen, wenn aber einem die Geschichte so ins Auge sticht, sollte man sich mit ihr auseinandersetzen.

Stella Hoepner-Fillies: Sie halten auch Seminare zu verschiedenen lichtrelevanten Themen ab. Unter anderem zum Thema Licht und Corporate Design. Was haben diese beiden Bereiche miteinander zu tun?

Reinhard Germer: Zum Glück hat Corporate Design immer mehr mit Licht zu tun. Im Moment beginnt das aber erst von Interesse für die Verkaufswelt zu werden. Die Stimmung eines Raumes gerät in den Mittelpunkt der Verkaufsstrategien. Hier spielt, oder sagen wir, hier müsste eigentlich Licht eine unglaubliche Rolle spielen.

Stella Hoepner-Fillies: Sie empfehlen also “Corporate Design” in Verbindung mit „Corporate Light“? Aber wird das nicht schon seit Jahren überall so umgesetzt?

Reinhard Germer: Nur bis zu einem bestimmten Grad. Es gibt selten eine Gesamtstrategie für die Lichtplanung in Unternehmen. Wenn ich zum Beispiel ins Kaufhaus des Westens gehe, sehe ich, wie katastrophal dort mit teuren Produkten umgegangen wird. Wie wenig bewusst der Raum ausgeleuchtet wird. Ganz zu schweigen von den Orientierungsmöglichkeiten, die man dort durch gut geplantes Licht erreichen könnte. Haben Sie sich dort auch schon mal verirrt?
Licht spielt außerdem eine immer größere Rolle in den sich entmaterialisierenden Verkaufswelten. Man kommt in einen modernen Shop und hat kaum noch Equipment: Die Tische schweben, nichts steht mehr fest auf dem Boden. Im Grunde genommen gibt es nur noch einen Raum, der eine bestimmte Atmosphäre vermitteln soll. Der Verkauf als Event wird immer wichtiger und die Umgebung (das Interieur) verschwindet. Das ist Licht pur.

Stella Hoepner-Fillies: Vielen Dank für dieses Interview.

Stella Hoepner-Fillies

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