(Einspieldatum: 31.01.2006)

>Berlin Files< von Janet Cardiff und George Bures Miller in der daadgalerie

"If you had died that would have ruined my life" antwortet sie und lacht laut. Sie ist jung, blond und hübsch. Sie liegt mit rot geschminkten Lippen im Bett und lauscht einer männlichen Stimme, die von ihren Kindheitserinnerungen erzählt. Das Lachen hält an. Schnitt.
In der nächsten Szene läuft die junge Frau durch einen (Berliner) U-Bahntunnel. Sie trägt einen beigen, langen Mantel. Der Tunnel ist menschenleer. Alles ist über Kopf zu sehen. Man hört Schritte und Geräusche von allen Seiten. Das Bild wird schwarz und es ertönen Kirchenglocken.

Zwei Szenen aus dem vierzehn Minuten langen Film >Berlin Files< von Janet Cardiff und George Bures Miller von 2003. Beide Künstler stammen aus Kanada, sie leben und arbeiten dort und in Berlin. Cardiff (*1957) und Bures Miller (*1960) kollaborieren seit über zehn Jahren und waren mit ihren Werken bereits auf der Biennale in Venedig (2001), der Biennale in Sydney (2002 und 2004) und in Ausstellungshäusern wie z.B. der Whitechapel Art Gallery, London (2003) oder dem Portikus, Frankfurt (2003) vertreten. Nun ist ihr Film >Berlin Files< in der daadgalerie in Mitte zu sehen.

Eine verschneite Winterlandschaft mit auf einem Gewässer treibenden Eisschollen, ein Schlafzimmer, ein U-Bahntunnel, eine Karaoke Bar, eine Altbauwohnung mit Klavier, die nächtlichen Straßen Berlins – das sind die Orte, an denen >Berlin Files< spielt. Es sind alltägliche Orte, direkt aus dem Leben gegriffen und unspektakulär. Und dennoch lebt der Film von seinen Spannungsmomenten. Der Lichtkegel einer Taschenlampe tastet suchend eine Wand ab, ein Mann rennt rufend durch den tiefen Schnee, die Protagonistin blickt mit verweinten Augen in die Kamera, nachdem sie ein Telefonat beendet hat - es bleibt die Frage nach dem Warum. Man wartet darauf, daß sich die einzelnen Filmsequenzen zu einem Ganzen zusammenfügen, doch vergebens. Immer werden die fagmentarischen Szenen durch einen abrupten Schnitt beendet, die Leinwand wird schwarz, Geräusche oder Musik erschallen und ein neuer Abschnitt beginnt. Noch dazu wird der Film in Endlosschleife präsentiert - er hat weder Anfang noch Ende.

Janet Cardiff ist vor allem durch ihre "Walks" bekannt geworden. Diese bestanden aus Audiotouren, die sich die Künstlerin für eine bestimmte Location ausgedacht und aufs Band gesprochen hatte. So wurde der Besucher z.B. in >Missing Voice< (1999) wie bei einem Audioguide von der Stimme Janet Cardiffs instruiert und unterhalten. Für die Kunsterfahrung mußte der Besucher reale Strecken zurücklegen.

Auch in >Berlin Files< wird mit Realitäten gespielt. Dabei wird die Grenze zwischen Film und Leben mehr als einmal überschritten. Alleine die Geräuschkulisse und die Filmmusik, die einen überlaut von allen Seiten des Raumes entgegentönt, machen den Film regelrecht am eigenen Leibe erfahrbar. Auch fühlt man sich als Betrachter durch starke Nahaufnahmen fast schon im Film seiend. Beispielsweise besteht ein Teil der filmischen Handlung aus einer Diashow, die aber derart in Szene gesetzt wurde, daß sie einem als Betrachter wie die Realität erscheint.

Mit seinen Verweisen auf Filmgenre wie Krimi greift >Berlin Files< unsere von Film und Fernsehen geprägten Sehgewohnheiten auf, doch werden wirkliche filmische Handlungskomplexe nur angedeutet. Letztlich bleibt es der Phantasie des Betrachters überlassen, die einzelnen Sequenzen zuende zu denken.


>Berlin Files<
Janet Cardiff und George Bures Miller
27.01. - 11.03.2006

daadgalerie
Zimmerstr. 90/91
10117 Berlin
Tel. 030 - 20 22 08 25
Mo-Sa 11 - 18 Uhr
www.daad-berlin.de

Berliner Künstlerprogramm/DAAD
Markgrafenstraße 37, 10117 Berlin
Tel. 030 202 208 26

Stefanie Ippendorf

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