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Wa(h)re Kunst - Kunst, Kommerz und Markt: Kunstherbst Talk II

von Hannah Beck-Mannagetta (29.09.2006)


Wa(h)re Kunst - Kunst, Kommerz und Markt: Kunstherbst Talk II

Wa(h)re Kunst - Kunst, Kommerz und Markt, war der Titel des diesjährigen Kunstherbst Talks II, der am Dienstag, den 26.09.2006 im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus stattgefunden hat. Diskutiert wurde das Thema von einer namenhaften Frauenrunde: Sabrina van der Ley (künstlerische Leiterin, Art Forum Berlin), Dr. Christiane Hoffmanns, (Welt am Sonntag), Stefanie Harig (Lumas Galerie, Berlin), Dr. Katja Blomberg (künstlerische Leiterin, Haus am Waldsee, Berlin) und Cornelia Schleime (Künstlerin, Berlin) unter der Moderation von Prof. Dr. Klaus Siebenhaar (Leiter des Instituts für Kultur- und Medienmanagement, FU Berlin).
Als Cornelia Schleime in den 80er Jahren aus der DDR in den Westen kam, wurde man noch schräg von der Seite angeguckt, wenn man einen Pinsel in die Hand nahm. "Man war fast so etwas wie geistig minderbemittelt", so die Künstlerin. Heute können sich gerade die jungen deutschen Maler kaum vor den internationalen Sammlern und den Medien retten. Sie werden förmlich von der Realität des Marktes aufgesogen und ausgesaugt. Es steht in Frage, ob ein kreativer Prozess unter diesem Druck überhaupt noch Zeit hat zu entstehen. Es kann nur schlecht stehen um die reflexive Distanz zur Wirklichkeit. Viele Künstler sind froh, wenn sie von ihren Galeristen aus dem Trubel herausgehalten werden. Das ist die Kehrseite der Medaille, wenn sich die zeitgenössische Kunst so breiter und großer Beliebtheit erfreut, wenn die Kunst zur Ware wird, wenn das Angebot der Nachfrage kaum hinterherkommt.
Man möchte die Gunst der Stunde nutzen, und so bleiben absurde Marketingstrategien, die die Kunst an den Mann oder die Frau bringen sollen, nicht aus. Davon weiß auch Cornelia Schleime zu berichten: "Wenn eine gestandene Künstlerin kurz nach ihrem 50sten Geburtstag im Sinne der Verkaufsstrategie als junge Künstlerin vorgestellt wird, dann ist das für die Frau vielleicht ein Kompliment, für die Künstlerin jedoch eine ganz schöne Degradierung." Es braucht Zeit und Erfahrung bis Kunstwerte entstehen, weiß auch die Journalistin und Kuratorin Katja Blomberg und hat den Kunstbetrieb in ihrem vor zwei Jahren herausgebrachten Buch "Wie Kunstwerte entstehen" analysiert. Der Kunstmarkt sei erwachsen geworden, und bei aller Professionalität im Umgang mit Kunst müsse es auch um Inhalte gehen. Nicht nur um die Ware Kunst, sondern auch um die wahre Kunst, aber ist das möglich?

Im Zuge der Ästhetisierung der Lebenswelt ist die Aufmerksamkeit für die Kunst groß. Kunst wird zur Leitkultur für Mode und Design, die Kunstakademien müssen sich über Nachwuchs nicht beklagen, die Kunstmessen häufen sich aller Orten, Künstler, Galeristen, Sammler und Kuratoren werden zu Stars. Dennoch ist es kein Geheimbund, sind es nicht wenige Eingeweihte, die das ganze System steuern, da sind sich die Diskutantinnen einig.
Immer mehr Menschen haben und suchen den Zugang zur Kunst. Sabrina van der Ley betont, dass zwar die Käufer ab dreißig / vierzig Jahren aufwärts anfangen, es aber ein noch viel jüngeres Publikum ist, das sich seit Jahren für die zeitgenössische Kunst auf dem Art Forum Berlin interessiert. Gerade den jungen Leute und denjenigen, die vielleicht noch unsicher sind, will die Galerie Lumas den Zugang zur Kunst erleichtern, so Stefanie Harig. Nicht in versteckten Nebenstraßen, sondern an prominenten Orten kann man die Lumas Galerie schnell finden oder zufällig über sie stolpern. Die potentiellen Kunden können sich hier ungezwungen umsehen und informieren. Vor allem Fotografie und reproduzierbare Kunstwerke in höheren Auflagen verkauft die Galerie mittlerweile in sieben deutschen Städten. So sind die Arbeiten preislich erschwinglich. Das ist eine clevere Geschäftsidee, möglicherweise aber auch ein Beitrag zur Kunstvermittlung. Die kleinen Kunstkäufer von heute werden vielleicht nicht nur zu den großen Sammlern, sondern auch zu den großen Förderern der Kunst von morgen.

Und wie steht es um den Standort Berlin? Galerien und Messen schießen hier nur so aus dem Boden. Wird in Berlin nur viel geschaut und produziert, oder auch gekauft? Was fasziniert internationale Künstler an dieser Stadt?
Katja Blomberg hat vielen Künstlern diese Frage gestellt: warum seid ihr hier? Viele Künstler kommen in die Stadt, weil ihre Freunde schon da sind, weil die Mieten günstig sind und es viel Raum gibt. Es wird weniger über das Geld und mehr über die Inhalte gesprochen, als in den großen Metropolen. Die Künstler suchen einen Ort, wo es Zeit, Raum, Rückzug, Austausch und Reibung gibt. Berlin scheint all dies zu bieten. Und es gibt sie, die Berliner, die in Berlin kaufen, sich für die Künstler ihrer eigenen Generation interessieren, auch wenn so mancher Sammler lieber auf die Art Basel Miami Beach fährt, nur um nachher die spannende Geschichte erzählen zu können, wie er zwischen Cocktail und Strandparty mal eben ein Bild erworben hat.

Wenig kontrovers ging es auch bei der Frage zu, ob es möglich sei, eine internationale Großausstellung wie die Documenta gänzlich unabhängig vom Markt und von der Lobby zu kuratieren. Roger Bürgel formulierte diesen Anspruch, über all jene Einflüsse und Obsessionen erhaben sein zu wollen. Die Reaktion war einhellig: Christiane Hoffmanns wandte ein, dass niemand im luftleeren Raum agieren könne, Blomberg nannte die Einstellung romantisch, wenn nicht naiv. Sicherlich sei das Spektrum der Arbeiten bei einer kuratierten Ausstellung weit größer und der mediale Fokus ein anderer als auf einer Kunstmesse, aber die Behauptung fern vom Markt agieren zu können sei schlichtweg unoriginell, wie van der Ley meinte - so oft wie dies schon propagiert wurde. Jeder Kurator brauche sein Netzwerk und unterliegt verschiedenen Einflüssen, alles andere ist Selbstbetrug und es sei zu hoffen, dass selbst die jungen KünstlerInnen eine Galerie hätten, die sie fördert.

Kommt der Kurator überhaupt noch an der Galerie vorbei? "Wenn mich ein Kurator anruft und in mein Atelier kommt, dann setze ich meinen Galeristen zwar davon in Kenntnis, aber um Erlaubnis bitte ich ihn nicht", erklärte Cornelia Schleime. Es könne ja auch nicht alles Haptische und Authentische an der Kunst und ihrer Produktion verloren gehen, so dass man ein Bild für eine Ausstellung nur noch anhand von Dias oder im Internet auswähle. Der Kurator nehme dem Galeristen ja nicht den Künstler weg. Es ist in der Regel vielmehr so, dass eine Ausstellung in einem Museum auch eine Wertsteigerung für die Arbeiten des Künstlers mit sich bringt.
Die Kunst ist schon etwas ganz Eigenartiges, so ist sie ein Ware, die keinen Gebrauchswert hat und deren Umgang stets vom Kontext abhängt. Ist das Kunstwerk noch im Atelier, kippt womöglich ein Farbtopf um, tritt der Hund auf die Leinwand und verliert drei Haare. "Das Werk erlebt eine ganze Odyssee mit seiner Schöpferin“, wie es Cornelia Schleime humorvoll anmerkte. Kaum hat die Kunst das Atelier jedoch verlassen, wird sie wie ein rohes Ei behandelt, weiße Handschuhe werden übergestreift, ein Kratzer wird ein Fall für den Restaurator und das wahre Kunstwerk wird zur Ware.


Hannah Beck-Mannagetta

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