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KUNSTansehen-von der Aufmerksamkeit und vom Wert der Kunst in der Gesellschaft:Kunstherbst Talk IV

von Hannah Beck-Mannagetta (18.10.2006)


KUNSTansehen-von der Aufmerksamkeit und vom Wert der Kunst in der Gesellschaft:Kunstherbst Talk IV

Auch beim IV Kunstherbst Talk zum Thema "KUNSTansehen" - von der Aufmerksamkeit und vom Wert der Kunst in der Gesellschaft" waren prominente DiskutantInnen geladen. So versuchte der Moderator Dr. Steffen Damm vom Institut für Kultur- und Medienmanagement (Freie Universität Berlin) die Aufmerksamkeit des Publikums und seiner Gäste auf nämlich dieses hart umkämpfte und flüchtige Gut "Aufmerksamkeit" zu lenken. Leider verlor er sich dabei in nicht enden wollenden Ankündigungen und Umschreibungen des Sachverhaltes, so dass Thomas Eller (Artnet, Berlin), Dr. Eduard Beaucamp (Frankfurter Allgemeine Zeitung), Christoph Tannert (Künstlerhaus Bethanien, Berlin), Susanne Titz (Museum Abteiberg, Mönchengladbach), Prof. Dr. Georg Franck-Oberaspach (Institut für Architekturwissenschaften, TU Wien) und Florian Waldvogel (Witte de With, Rotterdam) kaum zu Wort kamen.

Die zeitgenössische Kunst erfährt momentan eine gesellschaftliche Aufmerksamkeit über Medien, Märkte und Museen wie noch nie. Dass es sich bei dieser Aufmerksamkeit um ein zwiespältiges Phänomen handelt, wurde schon im Kunstherbsttalk II ("Wa(h)re Kunst- Kunst Kommerz und Markt") deutlich. "Wie verschafft man sich heute Aufmerksamkeit beim indifferenten und flüchtigen Betrachter und bei der gegenwärtigen Vielzahl von Bildangeboten?", so die Frage an das Plenum. Wie reagieren die klassischen Kunstvermittler wie Museen und Galerien auf diese kulturellen Megatrends und die veränderten Wahrnehmungsgewohnheiten? Und welche Gefahren birgt die allumfassende Ästhetisierung der Lebenswelt für die "wahre" Kunst?

Früher sei es noch möglich gewesen, dass Medien, wie die Tagespresse, unbekannte Künstlernamen lancierten, bemerkte Dr. Beaucamp, der langjährige Redakteur der FAZ. Auch die Surrealisten wussten sich zu inszenieren, heute würden die jungen Künstler jedoch so früh vermarktet und dazu angehalten marktstrategisch zu agieren, dass er sich frage, wo die Secessionen, die stillen Avantgarden geblieben seien. Es gäbe heute nicht mehr den Widerstand wie noch in der Gesellschaft der 70er Jahre. Gerade Künstler wie Andy Warhol und Gerhard Richter, die sich zu Beginn ihrer Arbeit subversiv und radikal mit der Gesellschaft und ihren Ikonen auseinandersetzten, hätten später auf Wirkungseffekte und Trends gesetzt und damit das Individuelle und Kritische in ihrer Arbeit verloren. Unterhalten sich Künstler wirklich immer weniger über Ideen und Utopien und immer mehr über Überlebens- und Verkaufsstrategien, wie Thomas Eller es wahrzunehmen meinte? Oder gibt es sie noch, die versteckten und elitären Avantgarden, die zunächst nur einem kleinen Kreis bekannt und zugänglich seien, wie Susanne Titz einwarf, und für die die Kunstvereine noch eine marktunabhängige Produktionsstätte darstellen würden?

Der Ökonom und Architekt Prof. Georg Franck, der 1998 das Buch mit dem Titel "Die Ökonomie der Aufmerksamkeit" veröffentlichte, rollte das Thema von einer wissenschaftlich-philosophischen Seite her auf und erläuterte die Bedeutung der Kunst für der Gesellschaft folgendermaßen: Im Gegensatz zu den physischen Bedürfnissen, die meist eine eindeutige und bekannte Zielsetzung besäßen, handle es sich bei den "Bedürfnissen des Bewusstseins" um Wünsche und Bedürfnisse, die ebenso befriedigt werden wollen, die aber nach dem Neuen, der Überraschung und dem Schönen strebten. Die Kunst sei die "gesellschaftlich organisierte Form", ein Forschungs- und Experimentierfeld, das genau diese menschlichen von der Vernunft nicht fassbaren oder kalkulierbaren Bedürfnisse des Bewusstseins befriedige. Die Kunst habe hier eine Ähnlichkeit zur Wissenschaft, sie befriedige die Neugierde. Während sich die Wissenschaft jedoch um Objektivierbarkeit bemühe, ginge es in der Kunst immer um das Subjektive und um Geschmacksfragen. Franck verdeutlichte so, dass man dem flüchtigen Hype auch ganz entspannt gegenüberstehen könnte, denn, so konstatierte er, die Gesellschaft kristallisiere im Laufe der Zeit immer einen Konsens heraus, aus dem dann die sog. Klassiker extrahiert würden. Es sei notwendig und nur natürlich, dass die aktuelle Produktion eine große Heterogenität und Vielfalt aufweise, "Theorien kämen und gingen", also Zeitgeist seien, aber bestimmte Werke über einen langen Prozess und Diskurs bestehen blieben. So ist das Abbild des Marktes immer ein Bild der Gegenwart, d.h. wenn man bei Artnet internationale Auktionsergebnisse und Preisrankings einsehen kann, dann ermöglicht dies eine Preistransparenz und Marktübersicht, die einen aktuellen Stand, eine Tendenz des Kunstmarktes und damit bestimmte Trends widerspiegelt. Es handelt sich also um eine gegenwärtige Bestandsaufnahme.

Geht es vielleicht gar nicht darum noch lauter zu schreien als die anderen, sondern vielmehr darum Orte des Rückzugs, des im Stillen Arbeitens und der Besinnung auf die wahren Werte der Kunst zu erhalten und neu zu schaffen? Dieses Credo vertraten in der Diskussion vor allem Christoph Tannert und Florian Waldvogel. Tannert, sprach sich dafür aus, dass das Künstlerhaus Bethanien als genau so ein Ort, ein "Labor", eine "Brutstätte" zu verstehen sei, an dem die Künstler über Kunst sprechen und - noch abgeschirmt vom Markt und von der Öffentlichkeit - erst einmal Ideen entwickeln könnten. In einer Zeit, in der der Markt früher oder später alle vereinnahme, ginge es um eine "Entschleunigung der Aufmerksamkeit". Waldvogel vertrat die Meinung, dass das was auf dem Markt passiere, zu einer "geistigen Verflachung" führe. Die Kunst sei etwas Elitäres und wahre Kunst einem Fachpublikum vorbehalten und dies sei auch gut so. Damit vermittelte er allerdings nicht nur Thomas Eller den Eindruck, dass ihn eine breite Öffentlichkeit und eine Relevanz der Kunst für die Gesellschaft scheinbar nicht interessierten. Später wurde jedoch durch einen Einwand Tannerts deutlich, dass gerade Waldvogel z.B. in Kooperation mit Marius Babias in der Kokerei Zollverein in Essen künstlerische Projekte angestoßen hatte, die die Konfrontation und den Austausch mit einer breiten Öffentlichkeit und eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen wie politischen Themen suchten.

Das vorläufige Ergebnis dieser Diskussion scheint zu sein, dass die Gesellschaft dafür sensibilisiert werden sollte, dass Kunstproduktion Raum und Zeit benötigt und, dass sie nicht kurzsichtig und einem hedonistischem Geist folgend vereinnahmt werden darf. Vor allem dann, wenn wir uns von ihr neue Erkenntnisprozesse erhoffen und nicht nur einen netten Wandschmuck.

Hannah Beck-Mannagetta

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