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Berliner Siedlungen der 1920er Jahre - Kandidaten für das UNESCO Welterbe

Einspieldatum: 06.09.2007

Ausstellung im Bauhaus-Archiv Museum für Gestaltung (25.7. - 22.10.07):

Wer in Berlin lebt, ist mindestens schon einmal zufällig an ihnen vorbeigekommen, vielleicht sogar ohne es zu bemerken - hat lediglich die ausladenden, halbrunden Balkone wahrgenommen, oder die auffallende Farbgebung der Häuser, Türen mit roten Rechtecken oder sehr blaue Fenstereinfassungen. Die Rede ist von den großen Bauhaus-Wohnsiedlungen der 1920er Jahre, deren (bewohnte) Denkmäler in Berlin noch zahlreich vorhanden sind. Schon seit dem 25. Juli lädt das Bauhaus-Archiv in Kooperation mit dem Landesdenkmalamt zu einer Sonderausstellung ein, die ein spezifisches Anliegen hat: Sechs der Großsiedlungen aus den 1920er Jahren sind Kandidaten für das UNESCO-Weltkulturerbe. Zu den Auserwählten gehören die Siedlung Falkenberg, der Schillerpark, die Hufeisensiedlung Britz, die Wohnstadt Carl Legien, die Siemensstadt und die Weiße Stadt in Reinickendorf. Mit dem Vorschlag, so Annemarie Jaeggi, die Direktorin des Bauhaus-Archivs, soll die Lücke geschlossen werden, die sich in der Welterbeliste auftut: Das 20. Jahrhundert ist dort nur mit 2-3 % am UNESCO-Welterbe vertreten. "Außerdem", so Jaeggi, "fehlt dort auch ein Zeugnis des Massenwohnungsbaus völlig. Diese Lücken müssen geschlossen werden."

In der Zwischenkriegszeit galt Berlin als Hauptexperimentierfeld für die Architekten der Moderne. Bruno Taut, Otto Bartning, Hans Scharoun und Walter Gropius, um die prominentesten zu nennen, hinterließen ihre ästhetischen Spuren in Berlins Stadtlandschaft, bevor die Nazis ihre Baukunst ins Exil verbannten. In der Weimarer Republik - und darauf will die Ausstellung im Bauhaus-Archiv hinaus - stellten die Großwohnsiedlungen einen radikalen Fortschritt dar, was das "demokratische Bauen" betraf. Die Bedeutung des sozialen Wohnungsbaus, der von den Bauhaus-Architekten ästhetisch umgesetzt wurde, steht im Mittelpunkt des Plädoyers für die sechs Siedlungen als Weltkulturerbe. Denn es geht nicht um die Ästhetik allein. Schnell wird klar, dass im Ausstellungskonzept besonders auf die vorbildlichen städtebauliche Lösungen verwiesen wird, die jene Bauhaus-Großwohnanlagen verkörpern - und auf den Wandel, wie ihn das Wohnungswesen in der Weimarer Republik erlebte: weg von privatwirtschaftlichen Bau- und Bodenspekulationen hin zum modernen, sozialen und familiengerechten Bauen. Dennoch werden die Siedlungen hier mit Plänen, Grundrissen und Modellen einzeln vorgestellt.

Im Rahmen des Sozialen Wohnungsbaus entstanden in Berlin rund 150 000 Wohnungen allein zwischen den Jahren 1924 und 1931. Bevorzugt auf preisgünstigem Land in peripherer Lage entstanden Siedlungskomplexe unterschiedlich großen Zuschnitts. Bauherren waren überwiegend gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaften und Genossenschaften. Der Komfort, mit dem die Wohnungen massenhaft ausgestattet wurden, ist noch heute beeindruckend: Die Ausstellung wartet mit Grundrissen der Häuser auf, deren Vorgabe nicht mehr als zwei Wohnungen pro Stockwerk zuließ, Mindestgröße zwei ein halb Zimmer, Balkon und Badewanne waren obligatorisch. Die Pläne zeigen: In der Hufeisensiedlung hat jede (!) Wohnung eine Loggia, die sich wie eine Theaterloge der Natur in der Mitte der Ansiedlung zuwendet. Da wundert es nicht, wenn die Mietverträge der Wohnungen zu Erbstreitigkeiten werden.

In der Ausstellung werden auch Ideen der Vergesellschaftung in den Vordergrund gestellt, die von den Bauhaus-Architekten bewusst integriert wurden: Der Siedlungswäscherei in Siemensstadt wird besondere Aufmerksamkeit gewidmet, denn hier wird in einzigartiger Weise deutlich, wie das Familienbild jener Zwischenkriegszeit durch eine architektonische Visionen verändert werden sollte. Die Auslagerung von Haushaltsarbeiten aus der privaten Wohnung sollte maßgeblich zur Emanzipation der Frauen beitragen. Dass in der Vorgabe, die Küchen so klein wie möglich zu halten, freilich wieder ein neues Problem für die Rollenaushandlung der Geschlechter geschaffen wurde, hatte man leider nicht berücksichtigt. Die Küche, so das Konzept des sozialen Wohnungsbaus, sollte aus hygienischen Gründen keinesfalls die Möglichkeit zur Zweckentfremdung bieten - schon gar nicht als Wohnraum. Damit war die Maximalgröße für die "Kochnische" ausgereizt, und wir wissen heute, welche Rollenbilder sich aus diesen Raumnutzungskonzepten ableiten ließen. Wie gut, dass Mies van der Rohe vorgesorgt hat: In der Wäscherei von Siemensstadt standen "für Kinder, die ihre Mütter begleiteten" von ihm entworfene Stahlrohrmöbel in kindgerechter Größe.

Die sechs Berliner Siedlungen stehen seit 1997 auf der Tentativliste Deutschlands zum UNESCO-Weltkulturerbe. Seit 2006 liegt der Antrag in Paris beim Welterbezentrum vor, und 2008 wird die Entscheidung fallen, ob diese Siedlungen der Berliner Moderne dem Weltkulturerbe zufallen oder nicht.

Am "Tag des Offenen Denkmals", dem 08. und 09.09.07, wird ein Führungsprogramm durch die sechs Siedlungen und durch die Ausstellung angeboten.

Bauhaus-Archiv Muesum für Gestaltung
Klingelhöferstr. 14
10785 Berlin-Tiergarten




Inga Haese


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Als die Zukunft Form annahm Christian Schröder / Tagesspiegel (21.7.09)


Mythos Möbelmarkt Dirk Fuhrig / Frankfurter Rundschau (20.7.09)

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