(Einspieldatum: 11.03.2009)

Clemens Krauss - "Aufwachen" im Haus am Waldsee, Berlin

Dem Mythos zufolge knüpfte Apollon Marsyas, den Satyr, an einem Baum auf - um ihm sodann bei lebendigem Leibe die Haut abziehen zu lassen. Dieser Aufwand wurde nur deshalb betrieben, weil Marsyas es gewagt hatte, mit seiner Flöte den göttlichen Apollon zum musikalischen Wettstreit herauszufordern. Da es sich aber nicht gehört, den Göttern zu trotzen, befanden die Musen promt sein Spiel für schlechter und das tödliche Schicksal nahm seinen Lauf. Nach dem Hochmut sofort der Fall.

Wenn Clemens Krauss (*1979 in Graz) seinen ganzen Körper in Silikon gießen und sich anschließend häuten lässt, dann erteilt er dafür selbst den Auftrag und lässt die Prozedur freiwillig über sich ergehen. Der Künstler antizipiert hier den Fall, indem er selbst bestimmt, wann es mal wieder an der Zeit sein könnte, die Haut abzustreifen und sich in einer antiheroischen Geste dem Betrachter vor die Füße zu legen. Künstlerischem Hochmut wird hier mit einem Augenzwinkern begegnet. Im Jahr 2004 wurde schon einmal eine Haut gelassen und nun liegt eine zweite auf dem Fußboden des Wintergartens im Berliner Haus am Waldsee. Diese Hülle kann sich nicht entscheiden, ob sie selig schlafen oder gruseln möchte, ob sie ein Kleid ist, das Leute macht, oder eigentlich nicht viel mehr als ein altmodischer Lappen, der endlich weggeworfen werden sollte. Und genau deswegen liegt sie da richtig und sollte lange liegen bleiben.

Mehr als um Metamorphose und Neugeburt geht es Clemens Krauss bei seiner Häutung um die Dekonstruktion des Mythos vom Großen Künstler. Und um die Neugier auf das, was jenseits dieser Rolle zu erwarten ist. Entsprechend antiheroisch kommt die ganze, außergewöhnlich intime Ausstellung daher. Nicht nur die Aura des Schöpfergenies weht durch die Räume, sondern auch der Künstler-Mensch aus Fleisch und Blut ist immer anwesend. Schaut man etwa am Sonntag Nachmittag vorbei, kann es passieren, dass man in einem der Ausstellungsräume Clemens Krauss beim Frühstück mit seinen Freunden überrascht. Inmitten seiner eigenen Arbeiten und ausgewählter Werke der von ihm hochgeschätzten Wiener Aktionisten entsteht damit just erneut Kunst - und man selbst ist zweifellos teil davon. Ebenso wie jene Besucher, die am Eröffnungsabend an den Konsultationen teilgenommen haben: Gespräche zwischen Künstler und Besucher unter vier Augen.

Mit diesen Konsultationen schreitet Clemens Krauss direkt zur Tat und greift, zumindest bei seiner eigenen Eröffnung, umstrukturierend in die Vernissage-Gewohnheiten ein: Der ewige Smalltalk nervt eigentlich. Wenn der Künstler somit einen Raum für konzentrierte Gespräche reserviert, scheinen einerseits therapeutische Aspekte auf. Andererseits setzt Krauss aber bei sich selbst an, bei dem, was er selbst braucht – das macht seine Aktionen glaubwürdig.

Einen Großteil der Ausstellung bestreitet trotz allem die Malerei. Pastose, sinnliche Malerei auf Leinwand; Malerei, die aus der Leinwand ausgeschnitten objekthaft und in Vitrinen präsentiert wird; Malerei, die von oben gefilmt plastisch und beinahe lebensecht wirkt. Die zahlreichen Perspektivverschiebungen, die mit den medialen Transformationen einhergehen, destabilisieren den Blick des Betrachters. Auch hier wird jeglicher Hochmut, der bei den vielen Bildern aus der Vogelperspektive aufkommen könnte, vorsichtshalber gleich wieder zu Fall gebracht. Spätestens dann, wenn der Betrachter sich selbst begegnet – von oben gefilmt und heimlich eingebettet in das künstlerische Gesamtkonzept.

Abbildung:
- Clemens Krauss: Haut, copyright Clemens Krauss
- Clemens Krauss: Aus der Serie: Das KörperKörperproblem
Foto: Berndt Borchardt, copyright Clemens Krauss

Ausstellungsdauer: 06. März – 26. April 2009
Öffnungszeiten: täglich 11-18 Uhr

Haus am Waldsee
Argentinische Allee 30
14163 Berlin
hausamwaldsee.de

Carola Conradt

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Clemens Krauss - "Aufwachen" im Haus am Waldsee, Berlin
Dem Mythos zufolge knüpfte Apollon Marsyas, den Satyr, an einem Baum auf - um ihm sodann bei lebendigem Leibe die Haut abziehen zu lassen. Dieser Aufwand wurde nur deshalb betrieben, weil Marsyas es gewagt hatte, mit seiner Flöte den göttlichen Apollon zum musikalischen Wettstreit herauszufordern.

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