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Berlin Daily 22.11.2019
Künstlerinnenführung

17.30 Uhr: Mia Florentine Weiss führt in das Konzept ein und verknüpft auf dem Weg durch das begehbare Kreuz die Reflexion der Geschichte mit Hoffnungen auf eine vereinte europäische Zukunft. Museum Nikolaikirche | Nikolaikirchplatz | 10178 Berlin

(Einspieldatum: 17.02.2010)

Sounds. Radio-Kunst-Neue Musik im n.b.k. (Neuer Berliner Kunstverein)

"Lecken Sie beim Hören die Schaltknöpfe Ihres Radios". "Schlagen Sie 17 Mal Ihre Kühlschranktür zu". "Pressen Sie Ihren nackten Bauch gegen die Fernsehmattscheibe". Mit derartigen Anweisungen wurden die Hörer des Westdeutschen Rundfunks am 19. Mai 1969 zu absurden rituellen Handlungen aufgefordert.
Unter dem Titel 100 Mal Hören und Spielen entwarf Wolf Vostell ein interaktives Radio-Happening, bei dem die Grenzen zwischen Sender und Empfänger, zwischen Rezipient und Akteur aufgelöst werden sollten. Das Radio wird zum kommunikativen Resonanzkörper, in dem die Stimmen der anrufenden Hörer widerhallen. Wie schmeckt das Radio? Wie körperlich ist akustische Kunst?
Die Ausstellung "Sounds. Radio-Kunst-Neue Musik" wirft einen neuen Blick auf das Medium Rundfunk. Einen Blick im wörtlichen Sinne, denn das Akustische wird zum räumlichen Ereignis und Töne werden bildlich sichtbar.

Eine Ausstellung ist stets an die dritte Dimension gebunden, an den konkret erfahrbaren Raum. Der Rundfunk hingegen wurde (vor allem in seinen frühen Jahren) stets als ort- und zeitlos empfunden. Man vernimmt Stimmen, Geräusche und Melodien, die irgendwoher auf geheimnisvolle, ja fast metaphysische Weise "aus dem Dunkel" kommen. Von diffusen Stimmen beseelt ist auch der Ausstellungsraum der n.b.k., der zahlreiche Beispiele aus 80 Jahren Radiokunst zusammenführt und sich somit selbst in einen vibrierenden Klangkörper verwandelt.
Auf dem Boden sind dreißig kleine Inseln markiert, über denen je ein Lautsprecher baumelt. Betritt man eine dieser Kreisflächen, wird das jeweilige Hörstück durch Bewegungsmelder ausgelöst und abgespielt. Der Besucher wird somit selbst zum Regler. Eine Aktivierung, die dem Fluxus-Künstler Vostell bestimmt gefallen hätte. Während der akustischen Entdeckungsreise begegnet man elektronischer "Weltraumdokumentarmusik" (Andreas Ammer, Spaceman, 1985) ebenso wie den immer gleichen Floskeln von Fußballmoderatoren (Ror Wolf, Der Ball ist rund, 1979). Irische Tanzmusik, bedrohliches Rauschen, unverständliche Männerstimmen, Gelächter, Gegröhle und Motorengeräusch verknoten sich in John Cages Roaratorio (1979) zu einem irischen Circus über Finnegans Wake, während uns Helene Hegemanns Kunstfigur Ariel 15 (2008) irrlichternd über die Grundlage der Verlorenheit erzählt. Ars Acustica und Feature, Fiktion und O-Ton, Happening und Hörspiel - es wird ein breites Spektrum hörbarer Kunstformen aufgefächert. Und zugleich wird das Paradoxe geschaffen: Eine Insellandschaft der Ortlosigkeit.

Wie eine akustische Patina lagern sich schließlich die Stimmen im Raum übereinander, türmen sich zu einem Getöse auf und schwellen wieder ab, ganz abhängig davon wie viele Besucher sich auf der Ausstellungsfläche bewegen. Der Geräuschpegel wird auf diese Weise auch zu einem Anzeiger für die reale Raumsituation – ein hörbarer Abdruck der menschlichen Bewegung und Präsenz.
Die Frage nach dem Klang eines Raumes oder einer ganzen Stadt beschäftigt auch die Künstler Peter Cusack und Milos Vojtechovsky, die mit Your Favourite Sounds of Prague (2009) eine Geräusch-Topografie der Stadt Prag entwerfen. Einwohner wurden aufgefordert, ihren ganz persönlichen Lieblingsklang aufzunehmen: Das Stimmengewirr auf einem Markt, Straßenbahnen, das Rauschen eines Flusses, Sirenen, das Klacken hochhackiger Schuhe. Entstanden ist ein klangliches Porträt, das den Raum hörbar macht. Als akustisches Gedächtnis und Archiv ist dieses Ton-Mosaik gleichzeitig ein Plädoyer für unseren Gehörsinn.

Doch der Ausstellung geht es nicht nur darum, der Radiokunst ein Denkmal zu setzen. Eine Annäherung an den Klang erfolgt auch von der entgegengesetzten Seite, vom Bild her. An einer Ausstellungswand werden experimentelle Partituren aus der Galerie "gelbe MUSIK" präsentiert. Notationen, die auf ganz unterschiedliche Art und Weise Klänge mit Grafiken, Farben und Räumen ins Verhältnis setzen. So vermisst Terry Fox die Umrisse der Berliner Mauer und übersetzt die einzelnen Segmente in Zahlenwerte und Noten: The Berlin Wall Scored for Sound (1982). Die räumlichen Grenzen, wie sie jahrelang die Stadt bestimmten, lösen sich in flüchtige Tonbilder auf. Eine Notation emotionaler Zustände schafft hingegen KP Brehmer, der in Seele und Gefühl eines Arbeiters (für Piano) (1981) ein Jahr lang die Befindlichkeiten eines Fabrikarbeiters notiert, skaliert und schließlich in Musiknoten und Farben überträgt. Eine Stimme der Psyche, wie sie hier bildlich vor uns erscheint.
Innere wie äußere Räume werden auf diese Weise hörbar. Musik wird als bildliche Notation sichtbar und Klänge werden in der Ausstellung räumlich spürbar. In vielfältigen Übertragungsprozessen und aus unterschiedlichen Perspektiven eröffnet das n.b.k. einen Zugang zur Radiokunst, die nicht länger "aus dem Dunkel" kommt, sondern erstaunlich bunt und plastisch wirkt. Und so kann man am Ende des Inselhoppings mit aufgesetztem Kopfhörer in der angrenzenden Sofa-Lounge liegen und mit überzeugter Stimme antworten: Radio schmeckt lecker!

Abbildung:
- John Cage, 1992
© René Block


Öffnungszeiten:
Di-So 12-18 Uhr
Do 12-20 Uhr

n.b.k.
Neuer Berliner Kunstverein
Chausseestraße 128/129
10115 Berlin

nbk.org

Verena Straub

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Titel zum Thema Sounds:

Sounds. Radio-Kunst-Neue Musik im n.b.k. (Neuer Berliner Kunstverein)
Ausstellungsbesprechung: "Lecken Sie beim Hören die Schaltknöpfe Ihres Radios". "Schlagen Sie 17 Mal Ihre Kühlschranktür zu". "Pressen Sie Ihren nackten Bauch gegen die Fernsehmattscheibe". Mit derartigen Anweisungen wurden die Hörer des Westdeutschen Rundfunks am 19. Mai 1969 zu absurden rituellen Handlungen aufgefordert.

Ausstellungstipp: Sounds. Radio-Kunst-Neue Musik im Neuen Berliner Kunstverein
Heute Abend, 12.02.2010, eröffnet im NBK die Ausstellung Sounds. Radio-Kunst-Video. Das Ausstellungsprojekt will Radio als künstlerisches Medium begehbar und räumlich erlebbar machen. Spannendes Thema - spannende Künstler. Ob die Ausstellung hält, was sie verspricht, erfahren Sie in unserer Ausstellungsbesprechung Anfang nächster Woche an dieser Stelle.

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