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Berlin Daily 22.11.2019
Künstlerinnenführung

17.30 Uhr: Mia Florentine Weiss führt in das Konzept ein und verknüpft auf dem Weg durch das begehbare Kreuz die Reflexion der Geschichte mit Hoffnungen auf eine vereinte europäische Zukunft. Museum Nikolaikirche | Nikolaikirchplatz | 10178 Berlin

(Einspieldatum: 20.05.2010)

Gruppenbild mit Hund - Annika Eriksson in der DAAD Galerie

Waren sie denn überhaupt weg? Angesichts des Titels von Annika Erikssons neuester Arbeit "Wir sind wieder da" wundert man sich, wie vertraut einem der Anblick der herumlungernden Punks ist. Hat man doch auf dem Weg hierher auch schon gesehen! Hier aber, in der DAAD Galerie, wo die neue Arbeit der schwedischen Künstlerin gezeigt wird (zu trinken gibt es übrigens kein Dosenbier, sondern Tempranillo), stutzt der Betrachter zunächst, denn der kulturelle Rahmen, der durch die Ausstellung im Galerieraum geschaffen wird, führt zu einer ungewohnten Sichtweise der scheinbar alltäglichen Szenerie.
Auf einem großen Screen ist eine Gruppe Punks zu sehen, die sich in einem bizarren Setting aus alten Sofas, Sperrmüllholz und einem Einkaufswagen niedergelassen hat. Es ist dunkel, im Hintergrund kann man ein zerfallenes Haus erkennen und kunstvoll wabert der Nebel. Die Protagonisten trinken Bier, rauchen, lachen und dazwischen streunen die Hunde.

Das Medium Video und die Art der Darstellung suggeriert Authentizität, doch nach einiger Zeit beginnt man daran zu zweifeln. Einer der vor Ort anwesenden Darsteller erzählt, nach den Entstehungsbedingungen der Arbeit befragt, von einem ungenutzten Platz unweit der DAAD Galerie, einem Catering mit "jeder Menge Bier" und der Anweisung der Künstlerin: "Seid einfach ihr selbst." Bald habe man auch wirklich beinahe vergessen, dass man gefilmt werde, außer, dass sie Angst gehabt hätten, eventuell "Müll zu reden, denn wir hatten ja auch schon vorher paar Bier getrunken". Tatsächlich ist trotz konzentriertem Zuhören kaum zu verstehen, was da erzählt wird.

Wir ertappen uns vielleicht auch dabei, dass wir im Augenblick der Rezeption des Videos ja auch nichts tun.

Die drei je etwa zehnminütigen, statischen Sequenzen, die sich kaum voneinander unterscheiden, werden unterbrochen von Aufnahmen aus der DDR Zeit. Die Kamera zeigt eine U-Bahn Fahrt durch "Geisterbahnhöfe", geschlossene U-Bahn Stationen in Ost-Berlin. Gegenüber des Screens, welcher auf einer Art Baugerüst befestigt ist, hat die Künstlerin einen weiteren kleineren Bildschirm installiert, der dieselbe Einstellung des brachliegenden Geländes bei Tag zeigt. In Kontrast mit der Nachtszenerie tritt so ein beinahe unwirkliches Moment hinzu.
Beides, das "historische" Material der U-Bahn Fahrt durch Ost-Berlin und der zweite, kleinere Monitor, betonen die zeitliche Komponente der Arbeit: Es sind Bilder der Vergangenheit, zugleich aber auch Bilder des Übergangs, eines Ortes des "betwixt and between". Auch, in gewisser Weise, Bilder eines Nicht-Ortes.

Die 1956 in Malmö/ Schweden geborene Künstlerin, die 2002/03 am DAAD Programm teilnahm, lebt und arbeitet heute in Berlin. Ihr derzeitiger Aufenthaltsort hat Erikssons aktuelle Arbeit stark beeinflusst. Berlin sei, so die Künstlerin, nicht Stockholm, wo ein derart konsequent anti-demokratisches Verhalten, wie die Protagonisten ihres Videos es ausstellen, schlichtweg nicht toleriert werde. Genau diese totale Verweigerungshaltung habe sie fasziniert und auch die Tatsache, dass die Punkbewegung trotz ihres oft prophezeiten Untergangs noch immer viele Anhänger habe.
Für Annika Eriksson ist das veränderte Stadtbild, die zunehmende private Inbesitznahme von öffentlichem Raum, ein zwingender Teil ihrer Arbeit. Der temporäre Charakter des Drehortes in der Zimmerstraße macht seine Fragilität und zugleich seine Faszination aus. In absehbarer Zeit wird er als lukratives Bauland verkauft werden. Bis dahin nutzt die Künstlerin, nämlich indem sie eine Gruppe Punks anweist, diesen wiederum auf ihre Weise zu gebrauchen.

Wie verhält es sich nun mit der Haltbarkeit des dokumentarischen Versprechens dieses "geisterhaften Tableau Vivants"(lt. Pressetext)?
Unter die Punks hat sich ein Schauspieler gemischt, der am Abend der Vernissage zu berichten weiß, dass die anderen Darsteller im Anschluss an den Dreh, nach ihren weiteren Abendplänen gefragt, antworteten, "ins Fitnessstudio gehen oder zur Arbeit." Somit wird die Erwartung unterlaufen, dass die Gruppe weiterhin genau das täte, was auf dem Video zu sehen ist, nämlich: Nichts. Vielmehr scheint ihr Leben viel "normaler" zu sein, als es sich der Galeriebesucher denken mag. Wieder wird so die Vermutung bestätigt, dass es sich bei "Wir sind wieder da" eben nicht um dokumentarisches Material, sondern um eine inszenierte Situation handelt.

Auf dem Nachhauseweg komme ich an dem Gelände vorbei, das als Setting für Erikssons Arbeit diente. Keine Punks weit und breit. Warum, frage ich mich, nehmen sie diesen Raum nicht in Besitz, solange es noch möglich ist?
Vielleicht, so vermutete eine Galeriemitarbeiterin, vielleicht brauchen sie Publikum.

Abbildung: Annika Eriksson, Wir sind wieder da, 2010, copyright Annika Eriksson

Annika Eriksson "Wir sind wieder da"
Bis 26.06.2010

DAAD Galerie
Zimmerstr. 90/91
10117 Berlin
Mo-Sa 11-18 Uhr

daad-berlin.de

Eva Biringer

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Daten zu Annika Eriksson:


- daad Stipendiat
- Istanbul Biennale 2013


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