(Einspieldatum: 18.06.2010)

Ebru Özsecen in der TANAS Galerie

Gegensätze ziehen sich an. Die matt glänzende Kugel aus Ebenholz kontrastiert das weiche zartrosa Leder aus Bullenhoden. Schützend wölbt sich das kühle Porzellan darüber.
Ebru Özsecens titelgebende Skulptur „Kismet“ ruht im Zentrum des Raumes und markiert mit ihrer flirrenden Sinnlichkeit deren zentrales Thema: Die Verschmelzung heterogener Materialien oder konkreter, die Träume, Schwärmereien und die tatsächliche Vereinigung von Mann und Frau.

„Kismet“ – zu deutsch: Fügung – kann als signifikant für die Initiative zur gleichnamigen Skulptur gelten, stieß die Künstlerin doch in einem Amsterdamer Antiquariat auf eine Elfenbeinkugel, die sich einst im Besitz einer französischen Comtesse befand. In diesem „Liebesspielzeug“ versteckt waren Bohnen, darin eingraviert die Namen ihrer Liebhaber. Durch das Ziehen einer Bohne entschied der Zufall respektive die Fügung mit welchem sie sich in der jeweiligen Nacht vergnügte. Die Verwendung hochwertiger Materialien – das Porzellan ließ die Künstlerin in Nymphenburg herstellen – und die haptische Anziehungskraft, die von ihnen ausgeht, führt zu einer konkreten Umsetzung der Metapher vom Verschmelzen der Geschlechter.

Dieses Sujet begegnet uns auch in der Installation „Serbet“. Quer über den Boden spannt sich eine Filmrolle, die auf einen kleinen Screen ein Video projiziert, in dem der Herstellungsprozess von Baklava, einer türkischen Süßspeise, festgehalten wird.
Zäh fließt der Sirup in den Blätterteig, durchtränkt ihn nach und nach, während der Prozess des „Ablaufens“ durch die im Zickzackmuster am Boden verlaufende Filmrolle ausgestellt wird. Die Eckpunkte derselben wurden durch das Hochschmeißen einer Handvoll Nägel festgelegt – wieder spielt das Arbiträre, die Fügung eine entscheidende Rolle. Im Prozess der Durchmischung der beiden Materialien sieht die in München lebende Künstlerin wieder einen Verweis auf die Vereinigung des Männlichen und des Weiblichen.

Nicht nur bei dieser Arbeit wird außerdem klar, dass sich Özsecens während ihrer Ausbildung verstärkt mit Architektur und Landschaftsplanung beschäftigte. Die Positionierung ihrer Werke geht über das skulpturale Prinzip hinaus und lassen den Betrachter den Raum als solchen stärker wahrnehmen.
So hängen Arbeiten von der Decke, nehmen Schattenspiele spielend eine Raumecke für sich ein oder liegen auf dem Boden, wie die Skulptur „Dish Washing Dreams“, die zeigt, wie wunderbar man sich in Tagträumen verlieren kann. An vierundzwanzig Mal sieben Kacheln schmiegen sich kleine phallusartige Gebilde aus handelsüblichen Küchenschwämmen. Hier hat sich eine Frau, die nicht enden wollende Küchenarbeit mit sinnlichen Träumen vertrieben.

Spätestens bei der Doppelarbeit „The Turn-On & Bitter Chocolate Love“ wünscht man sich, der olfaktorische Reiz würde in gleicher Weise angeregt wie der optische: So präsent sind die Bilder der Schokoladenfabrik, der großen Bottiche, in denen die kostbaren Süßspeisen in mühevoller Arbeit perfektioniert werden. Eine rote Masse, die nach und nach in die weiße Flüssigkeit gegossen wird, findet ihr Pendant im zweiten Video, das die Veredelung von Schokolade durch das Filtern durch einen feinen Seidenstrumpf zeigt. Es verschränkt sich die Ebene der hochwertigen Materialität und deren sorgfältige Behandlung mit der erneuten sexuellen Konnotation.

Der Arbeitsansatz der 1971 in Izmir (Türkei) geborenen Künstlerin ist ein Vorfinden, ein Auffinden möglicher Sujets durch eine sensible Wahrnehmung und einen Blick für die kleinen magischen Momente. So wie sie auf die Elfenbeinkugel stieß, auf das Schaufenster des Baklava-Geschäfts und den beinahe zärtlichen Behandlung von Schokolade, geht einem der Titel „Kismet“ wunderbar leicht über die Lippen. Hab Vertrauen, alles wird sich zum Guten fügen. Die dabei entstehenden Produkte erweisen sich als etwas Kostbares, Sakrales. So kostbar und schützenswert wie das Liebesspiel unter der Porzellanhaut.

Abbildung:
- Presentation, 1996, Black and white pearl print, text, mirror simulation 40 x 60 cm (photo), 21 x 29,4 cm (text), Copyright: Ebru Özsecen
- Dish Washing Dreams, 1996, Ceramic tiles, steel wool, 200 x 200 x 7 cm, Copyright: Ebru Özsecen
- Bitter Chocolate Love, (Video Still), 1998, Copyright: Ebru Özsecen

Ausstellung bis zum 7.August 2010

Öffnungszeiten: Dienstag-Samstag 11-18 Uhr

TANAS
Heidestraße 50
10557 Berlin

tanasberlin.de

Eva Biringer

weitere Artikel von Eva Biringer




Kataloge/Medien zum Thema: Ebru Özsecen

top

Titel zum Thema Ebru Özsecen :

Ebru Özsecen in der TANAS Galerie
Zwei Herzen schlagen in meiner Brust
Gegensätze ziehen sich an. Die matt glänzende Kugel aus Ebenholz kontrastiert das weiche zartrosa Leder aus Bullenhoden. Schützend wölbt sich das kühle Porzellan darüber.

top

zur Startseite





Berlin Karte Galerie Ausstellungen

Berlin Daily 21.10.2017
Performance
21 Uhr: Kasia Justka im Rahmen der "Polenbegeisterungswelle"
Club der Polnischen Versager | Ackerstraße 168 | 10115 Berlin

Anzeige
berlin

Anzeige
Atelier


Anzeige Galerie Berlin

Werkabbildung
Kommunale Galerie Steglitz im Boulevard Berlin




Anzeige Galerie Berlin

Werkabbildung
Galerie im Körnerpark




Anzeige Galerie Berlin

Werkabbildung
Haus am Lützowplatz




Anzeige Galerie Berlin

Werkabbildung
museum FLUXUS+




Anzeige Galerie Berlin

Werkabbildung
ZKR Zentrum für Kunst und öffentlichen Raum
Schloss Biesdorf