(Einspieldatum: 09.06.2011)

based in Berlin 2


Viel versprechend lang zieht sich die Schlange zu based in Berlin durch den Monbijoupark. An ihrem Ende kontrollieren bullige Türsteher den Inhalt der Taschen von denen, die endlich an der Reihe sind. Überall stehen junge, gut gekleidete Menschen, man trinkt Bier aus der Flasche und Longdrinks. Es riecht nach Gegrilltem und aus der nahe gelegenen Lagerhalle, die zur Bar umfunktioniert wurde, wehen tiefe Bässe herüber.
Schauplatz ist kein Berliner Szeneclub, sondern based in Berlin, die lang erwartete Überblicksausstellung über die aktuelle Kunst aus Berlin, die vom 8. Juni bis zum 24. Juli neben dem Atelierhaus im Monbijoupark an fünf weiteren Orten quer über die Stadt verteilt stattfindet.

Im Eingangsbereich des Atelierhauses steht ein Mini Cooper, auf dessen Vordersitzen zwei Gasflaschen den Platz der Insassen einnehmen. Durch das Fenster der Beifahrerseite wurde ein kleines Loch gebohrt, in dem eine brennende Zündschnur steckt. Unfreiwillig wird man von der Menschenmenge hinter einem gefährlich nahe an das Auto heran gedrängt. Brennen nicht beide Enden der Schnur? Oder handelt es sich um eine Spiegelung? Ariel Schlesingers A Car Full of Gas (2009) hält den Betrachter auf Abstand und spielt mit dem mulmigen Gefühl, das einen beim Anblick dieser hochentzündlichen Skulptur überkommt.

Ähnlich explosiv wie Schlesingers Raumintervention sieht based in Berlin die hiesige Kunstproduktion. Ein Grund für deren Vitalität sind die multikulturellen Einflüsse, die die Künstler aus aller Welt mit aktuellem Wohnsitz in Berlin in die Stadt bringen. Für viele junge Kreative klingt die Mischung aus etablierten Institutionen, Off-Spaces, experimentellen Galerien und Projekträumen, die sich längst nicht mehr auf Berlin-Mitte konzentrieren, wie ein Versprechen.

based in Berlin versammelt viel Konzeptionelles, wenig Malerei, vereinzelt Skulptur. Auch fotografische Arbeiten findet man im Atelierhaus nur wenige.
Auffallend oft thematisieren sich die Künstler selbst, beziehungsweise die Stadt, in der sie leben. Manch einer übertreibt es mit den selbstreferenziellen Gesten – da wird der Berlinbezug schnell zum alleinigen Sujet.

Kann man die Motivation und Arbeitsweise aller vertretenen Künstler (insgesamt rund 80) unter dem Aspekt des gemeinsamen Wohnortes bündeln? Kann es eine Schnittstelle geben in einer derart heterogenen Masse? Ebenso wie es based in Berlin nicht schlüssig gelingt, diese Schnittstelle zu benennen, lässt die Ausstellung einen kritischen Blick vermissen. Dass nämlich das Versprechen der Stadt mit ihren scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten längst nicht genug Platz bietet für die Scharen der Zugezogenen – nicht zuletzt deshalb, weil selbst hier an der Kultur wie überall sonst gespart wird – wird nicht thematisiert.

Insbesondere am Abend der Vernissage entsteht der Eindruck, dass die Kunst oft übergangen wird – im wahrsten Sinne des Wortes bei Fiete Stoltes Night between 7th and 8th day. Farblich unterscheidet sich die in den Boden eingelassene Sandfläche kaum vom Beton um sie herum und weil es schließlich viel zu sehen gibt, treten die Meisten der Besucher achtlos hinein – ein Beweis dafür sind die vielen frischen Fußspuren. Gleich nebenan hängt Nina Canells Arbeit Black Light (For Ten Performers), zu der ein aus zehn Elektrokabeln gefasster Ring und zehn Briefe gehören. Durch eine Zeitschaltuhr löste die in Schweden geborene Künstlerin synchronisierte Stromausfälle in den Wohnungen der Teilnehmer aus, über deren Zeitpunkt und Dauer die Bewohner nachträglich per Brief informiert wurden. In Zeiten, da der Begriff „Performative Kunst“ allzu inflationär gebraucht wird, zeigt Canells Arbeit, wie Kunst Einzug ins Leben ihrer Rezipienten halten kann und ist gleichzeitig mit ihrer kühl-konzeptionellen Ästhetik repräsentativ für viele der ausgestellten Werke.

Es sieht ganz so aus, als ob das größte Potential der Berliner Gegenwartskunst neben den konzeptuellen Ansätzen in den Videoarbeiten liegt. Der deutsche Künstler Matthias Fritsch thematisiert in seiner Doppelarbeit We technoviking und Kneecam No 1 aka Technoviking auf ebenso kluge wie amüsante Weise, wie Tauschprozesse und die Aneignung fremden Materials in der virtuellen Welt die Datenzirkulation definieren. Kneecam No. 1 aka Technoviking zeigt einen exzessiv tanzenden Technoliebhaber auf der Fuckparade, dem Gegenentwurf zur Loveparade. Das Video wurde zum Überraschungserfolg auf Youtube, was Fritsch dazu anregte, mit We technoviking einen Zusammenschnitt der vielen Hommagen und Re-Inszenierungen, die dem "Technowikinger" zu Teil wurden zu konzipieren. Das Erfrischende an der Doppelarbeit ist ihre Selbstironie, die einen schönen Kontrast zur bloßen Ichbezogenheit der Mehrheit der Beiträge bei based in Berlin bietet.

In der "thematischen Buchhandlung" im Erdgeschoss, eine Kooperation der in Berlin ansässigen Buchläden Motto und Pro qm findet sich eine große Auswahl von Magazinen, Fanzines und sonstiger Literatur rund um das Thema Kunst in Berlin. An der Wand hängt ein Druck mit dem Schriftzug Berlin ruins my nerves. Auch das ist die kreative Szene der Gegenwart: Nervenaufreibend. Das hochmotivierte Kunstpublikum, das an diesem Sommerabend den Weg in den Monbijoupark gefunden hat, scheint trotzdem viel Spaß zu haben.
Die Flamme in der Scheibe des Mini Coopers brennt am Ende der Nacht immer noch.

8. Juni bis 24. Juli 2011

Atelierhaus Monbijoupark
Oranienburegr Straße 77
10178 Berlin

Täglich 12.00 bis 24.00 Uhr

Weitere Ausstellungsorte im KW Institute for Contemporary Art, Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof, Neuer Berliner Kunstverein, Berlinische Galerie.

basedinberlin.com

Eva Biringer





Kataloge/Medien zum Thema: based in Berlin

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Titel zum Thema based in Berlin:

based in Berlin 2
Ausstellungsbesprechung (Monbijoupark): Vorsicht! Hochentzündlich!
Viel versprechend lang zieht sich die Schlange durch den Monbijoupark. An ihrem Ende kontrollieren bullige Türsteher den Inhalt der Taschen von denen, die endlich an der Reihe sind.

Video: based in Berlin
Erste Bilder von der Ausstellung based in Berlin (8. Juni bis 24. Juli) mit Eindrücken von der Pressekonferenz und Statements des Beraterteams sowie dem Initiator der Schau, Klaus Wowereit.

Autocenter bei based in Berlin dabei
Neben der Berlinischen Galerie, dem Hamburger Bahnhof, den KW Institute for Contemporary Art und dem Neuen Berliner Kunstverein n.b.k. nimmt jetzt auch das "Autocenter" an der im nächsten Monat beginnenden Ausstellung Berliner Gegenwartskunst "based in berlin" teil.

Aufruf: Die KUNSTHALLE am Hamburger Platz ruft auf …
Als Reaktion auf das Ausstellungsprojekt "Based in Berlin" hat die Kunsthochschule Weißensee eine Gegeninitiative ins Leben gerufen und startet ebenfalls einen Aufruf an in Berlin lebende Künstler:

Based in Berlin 1
Based in berlin findet vom 8.06. bis 24.07. 2011, nicht wie anfangs noch geplant am Humboldthafen, sondern als zentralem Standort im ehemaligen Atelierhaus Monbijoupark auf 1500 m2 statt.

bbk berlin vs. Based in Berlin
Tausende von Künstlerinnen und Künstlern wurden mit einem "open call" zur Einreichung von Mappen für das Projekt "Based in Berlin" aufgefordert. Die Projektkuratoren wollen natürlich ohne Ausschreibung nur 80 bereits bekannte "emerging artists" ausstellen.

Die Superleistungsberlinschau NINA APIN | TAZ (30.5.2011)

"Based in Berlin": Das nächste große Ding Christiane Meixner | Der Tagesspiegel (30.5.2011)

Hauptstadt der Superbohnen Sebastian Preuss / Frankfurter Rundschau (15.6.11)

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