(Einspieldatum: 20.10.2011)

Anfänge des "mächtigsten" Künstlers der Welt - Ai WeiWei Fotografien im Martin Gropius Bau

Ai WeiWei in New York – Fotografien 1983-1993 im Martin Gropius Bau Berlin

Art Review wählte den chinesischen Künstler Ai WeiWei vor wenigen Tagen zum „mächtigsten Mann im Kunstbetrieb“. Seine Reaktion darauf: „I don’t feel very powerful“. Kein Wunder: im April dieses Jahres wurde Ai WeiWei festgenommen und war für 81 Tage in Haft – ohne Prozess, ohne Besuchsrecht, ohne Grund. Ein Aufschrei ging durch die Kunstwelt: tausende unterschrieben Petitionen und veranstalteten Protestkundgebungen. Künstler wie Anish Kapoor und Olafur Eliasson sagten Ausstellungen in China ab. Dieser Druck auf die chinesischen Machthaber führte letztendlich zu Ai’s Entlassung aus dem Gefängnis, doch noch immer ist er nicht frei: Er steht unter Hausarrest, wird ständig beobachtet, darf China nicht verlassen und darf keine Interviews geben. Die offizielle Begründung lautet nun Steuerhinterziehung.

Doch Ai gibt nicht auf, überschreitet weiter Grenzen und findet weiterhin Wege mit der Außenwelt zu kommunizieren. Den Berliner Besuchern hinterlässt er folgende Nachricht per Video: „Ich freue mich, dass diese Ausstellung in Berlin stattfinden kann. Ich wünschte ich könnte dabei sein, leider kann ich es nicht. Ich hoffe Ihnen gefällt die Show – ‚I’ll see you later’ “.

Die Ausstellung im Martin Gropius Bau zeigt 220 Aufnahmen, die während Ai WeiWeis zehnjährigen Aufenthalts als junger Mann in New York entstanden. Dort bekam er einen ersten Geschmack der westlichen Freiheit, deren Grenzen ihn letztendlich überraschten. Auch hier, so Ai WeiWei, leben die Menschen gefangen in ihren gesellschaftlichen Werten und politischen Systemen.

Ai WeiWei hat die Ausstellung für das 3 Shadows Photography Center in Beijing, wo sie zum ersten Mal 2009 gezeigt wurde, selbst kuratiert. Die Fotos wählte er aus über 10.000 Aufnahmen, die zum Teil über Jahre vergessen in Kisten lagen. Sie zeigen sein Leben im New York der 1980er Jahre, zu dem Ausstellungbesuche und U-Bahn Fahrten, genauso wie Obdachlose und Transvestiten, Halloweenfeiern und Clintons Wahlkampf gehörten. Auch viele Porträts sind zu sehen, so wie die Fotos seines Freundes, des amerikanischen Poeten Allen Ginsberg, wie auch Bilder aus den Wohnungen und Ateliers chinesischer Maler, Regisseure, und Komponisten. Ausgestellt sind auch einige Selbstporträts, auf denen Ai WeiWei sich selbst inszeniert – beispielsweise auf einem Stuhl in seinem Zimmer stehend, nackt, den Penis zwischen den Beinen versteckend.

Viele der Fotos zeigen Aufstände und Demonstrationen, wie die Proteste im Tompkins Park (1993), an denen Ai besonders „die Rechte von Individuen und ihr Verhältnis zur Macht“ interessierte. Gegen den Machtmissbrauch der Polizei durch hohe Gewaltanwendung wehrte sich der junge Künstler, indem er seine Fotografien als Beweismittel dem Gericht zur Verfügung stellte, welches letztendlich zum Rücktritt des Leiters des Polizeibezirks führte.

Die Bilder in der Ausstellung sind chronologisch und nicht thematisch geordnet. So kommt es vor, dass ein Foto von spielenden Kindern direkt neben einem Bild von blutigen Ausschreitungen bei Demonstrationen hängt. Diese etwas willkürlich erscheinende Ordnung ist deshalb interessant, weil sie einem einen realen Einblick in Ai WeiWeis damaliges Leben zu erlauben scheint: Besuche bei Künstlern waren für ihn genauso alltäglich wie politische Ereignisse. Durch diese Hängung und auch durch die Wahl der immer gleichen, unscheinbaren quadratischen Rahmen werden alle Bilder gleich behandelt, kein Ereignis wird besonders hervorgehoben.

Mit seiner Kamera geht Ai WeiWei nah dran, scheint immer mitten im Geschehen zu sein, interessiert sich für Menschen genauso wie für politische Ereignisse. Dabei sind seine Fotos nie voyeuristisch, sie zeigen sein Leben, seine Umgebung; er ist kein Außenstehender, sondern Teil des Geschehens. Stilistische Mittel wie Komposition und Lichtverhältnisse scheinen dabei sekundär, teilweise werden sie nahezu ignoriert. Vielmehr haben die Fotos den Zweck, alles, was der Künstler in seinem Leben und seiner Umgebung für wichtig hält, zu dokumentieren. Auch lange nach seiner Zeit in New York fotografiert Ai WeiWei weiterhin fast wie besessen sein Leben. Diese Bilder veröffentlichte er auf seinem Blog bis dieser 2009 durch die chinesische Regierung geschlossen wurde. Noch immer ist Ai WeiWei nicht frei, jedoch zeigen seine Fotos, dass Druck und Proteste durchaus Veränderung schaffen können.

Foto: copyright Teresa Reichert

Ai WeiWei in New York – Fotografien 1983-1993
Martin Gropius Bau
Niederkirchnerstr. 7
10963 Berlin
gropiusbau.de
Ausstellungsdauer: 15. Oktober 2011 bis 18. März 2012
Öffnungszeiten: Mi – Mo 10-20 Uhr, Dienstags geschlossen
Eintritt: €8/€5

Teresa Reichert

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Titel zum Thema Ai WeiWei :

Video: Alexander Ochs über Ai Weiwei
art-in-berlin hat mit dem Galeristen und Kenner der chinesischen Kunstszene, Alexander Ochs, über Ai Weiwei gesprochen.

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Ausstellungsbesprechung: Art Review wählte den chinesischen Künstler Ai WeiWei vor wenigen Tagen zum „mächtigsten Mann im Kunstbetrieb“. Seine Reaktion darauf: „I don’t feel very powerful“.

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