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B3 Biennale

(Einspieldatum: 05.06.2012)

Die Wirklichkeit hinter dem Schwarzweiß-Vorhang

Ausstellungsansicht, Foto: Verena Straub

Die Ausstellung “A Blind Spot” im Rahmen des 2. Berlin Documentary Forums im Haus der Kulturen der Welt

Am Anfang sind nur schwarze Rechtecke zu sehen. Fein säuberlich aufgereiht und gerahmt wirken sie wie multiple Malewitsch-Quadrate oder die monochromen Black Paintings von Rauschenberg. Die scheinbare Transzendenz der Welt, die man in diesem Schwarz vermutet, löst sich jedoch beim nächsten Schritt schon wieder auf. Je nach Lichteinfall und Perspektive erkennt man Schatten von Fotos und Presseüberschriften. Die kühl-glänzende Oberfläche offenbart eine verstörende Tiefe: Zum Schrei weit aufgerissene Münder, Pistolen, die an Schläfen gehalten werden und traurige Frauenportraits blicken aus diesen schwarzen Kammern heraus. Die Bilder sind Teil des Werks von Eric Baudelaire, das derzeit in der Ausstellung “A Blind Spot” im HKW gezeigt wird und sich mit einem (fast undokumentierten) Kapitel des Untergrundkampfes der japanischen Roten Armee beschäftigt. Im Rahmen des 2. Berlin Documentary Forums hat die ehemalige Documenta-Chefin Catherine David eine Ausstellung kuratiert, die sich mit genau solchen Überraschungseffekten beschäftigt. Sie will zeigen, dass sich das Dokumentarische nicht hinter wackligen Handkameras oder spektakulären Augenzeugenberichten versteckt, sondern in “Blind Spots”, in Blinden Flecken, die manchmal nicht sichtbar aber dennoch latent in den Arbeiten vorhanden sind. Die schwarzen Bilder von Baudelaire, die ihr Wissen nur in bestimmten Perspektiven preisgeben, bilden daher nicht zufällig den Auftakt und können symptomatisch für die gesamte Ausstellung gelesen werden.

Es geht um die alte Frage nach dem Wirklichkeitsbezug der Bilder. Eine Frage, die in ähnlicher Form gerade im Rahmen der Berlin Biennale heftig diskutiert wird. Wie können Bilder, oder allgemeiner: wie kann Kunst auf die Welt Bezug nehmen und selbst gestaltend auf unsere Wirklichkeit einwirken? Wird die Biennale wegen ihrer lauten politischen Agenda leidenschaftlich kritisiert, ist das Politische in der “Blind Spot”-Ausstellung lediglich als Flüsterton zu vernehmen, versteckt an den Rändern der Blinden Flecke. An einen solchen gelangt man beim Anblick der Fotografien von Efrat Shvily. In ihrer schwarz-weißen Nüchternheit wirken die Aufnahmen von Waldstücken wie cleane Versionen der Pollockschen All-Over-Drippings. Zweige verschlingen sich ineinander und bilden ein dichtes, abstraktes Netz. Hinter dem Titel “100 Years” verbirgt sich der Hundertjährige Jahrestag des Jüdischen Nationalfonds, der sich seit seiner Gründung der Aufforstung in den Palästinensischen Gebieten verschrieben hat. Der dichte Wald wird somit gleichermaßen zum Sinnbild für das Dickicht der Konflikte zwischen Israel und Palästina. Durch das Netz aus Zweigen kann man auf ein Stück Zeitgeschichte blicken, die ohne die Titelinformation unsichtbar bliebe. Nebenan hängt ein weiteres schwarzes Gitter, das auf den ersten Blick undurchdringlich wirkt. Olaf Nicolais “Shutter´s Lullaby (Corridor)” entpuppt sich bei näherem Hinblick als Vorhang aus kleinen Plastikperlen, der - in ähnlicher Weise wie die Fotografien - den Blick auf die Welt dahinter frei gibt. In diesem Fall führt unser Blick aus dem Fenster, hinaus in den grünen Garten, jenseits des schwarzweißen Ausstellungsraums.

Die Waldbilder bleiben nicht die einzigen Naturdarstellungen der Dokumentarschau. Pseudo-botanische Stilleben, ganz in der nüchternen Manier der Neuen Sachlichkeit, tauchen kurioserweise an allen Ecken auf. Neben Joachim Koesters monumentalen Fotografien illegal gezüchteter Cannabis-Pflanzen, hat Christopher Williams diverse exotische Blüten aus verschiedenen Ländern perfekt in Szene gesetzt - streng nach Herkunftsländern klassifiziert. Dabei tauchen die Blüten genau jener Nationen auf, die laut einer Amnesty-International Liste an der illegalen Taktik des “Verschwindenlassens” beteiligt sind. Eine Menschenrechtsverletzende Taktik, bei der Regimegegner undokumentiert “verschwinden” und in geheimen Gefängnissen illegal festgehalten werden. Die dokumentarische Spur liegt auch hier nicht im Bild selbst, sondern in dessen Kontext. Künstlichkeit und Inszenierung schließen offenbar nicht aus, dass man “wahre” Aussagen über die Wirklichkeit treffen kann. Die Wälder, Blüten und Cannabispflanzen verwandeln den White Cube des HKW schließlich in ein schwarzweißes Gewächshaus, das seine dokumentarischen Bezüge erst auf den zweiten Blick wie kleine, giftige Früchte anbietet.

Dabei verwundern vor allem die Graustufen der Ausstellung. Denn auch wenn die gezeigten Werke das klassische Verständnis von Dokumentation in Frage stellen, bleibt die gesamte Schau fast ausschließlich auf Schwarzweiß-Fotografie begrenzt und scheint das dokumentarische Klischee des Mediums fortzuschreiben. Schwarzweiß-Fotografien wurden lange Zeit als die “wahren” Bilder angesehen, die gerade durch die farbliche Reduktion, durch ihre quasi-neutrale Nüchternheit näher an der Wirklichkeit dran sind. In ihrer Werkauswahl bestätigt die Ausstellung diesen Kurzschluss (wenn auch ungewollt). Dies ist vor allem deshalb verwunderlich, da sich das Documentary Forum ganz explizit den unterschiedlichsten Medien zuwendet, um neue Formen des Dokumentarischen zu untersuchen.
Die Veranstaltungen des Festivals am vergangenen Wochenende beschäftigten sich nicht nur mit Filmen, deren dokumentarisches Vokabular Harun Farocki in seinem Vortrag geradezu lehrmeisterhaft durchexerzierte, sondern auch mit neuen Techniken der “Faktenerzeugung”. So führte uns Hito Steyerl die Absurdität scheinbar objektiver 3D-Aufzeichnungsgeräte vor Augen und präsentierte ihre eigenen “Objectifictions”: Medienereginisse, die sich irgendwo zwischen Fakten-Recherche und schwindelerregenden Assoziationsketten bewegen. Neben Techniken der Videoüberwachung, der Dokumentation von Kriminalität und Tod im Werk von Sylvère Lotringer reichte das Programm bis hin zu Web-Archiven (Eyal Sivan) oder “dokumentarischem Tanz” (Eszter Salamon).

Angesichts dieses interdisziplinären Medienreigens überrascht es umso mehr, dass sich die Ausstellung wie eine nostalgische Hommage an die Schwarzweiß-Fotografie präsentiert (eine Ausnahme bilden lediglich die Videoarbeiten von Hassan Khan und die Grafiken von Elisabetta Benassi). Man hätte sich gerade Positionen gewünscht, die das Dokumentarische auch in neuen, interaktiven Medien sucht und dessen in Grau eingefrorene Staubschicht abschüttelt. Kann eine Ausstellung, die sich dem Blinden Fleck verschreibt, farbenblind sein? Es festigt sich der Verdacht, dass die Ausstellung selbst einen Blinden Fleck hat. Und zwar irgendwo jenseits des Schwarzweiß-Vorhangs.

“A Blind Spot”, Ausstellungsdauer: 31.5.-1.7.2012
Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles Allee 10, 10557 Berlin

Öffnungszeiten: Mi-Mo und feiertags 11-19 Uhr

hkw.de/Programmp

Verena Straub

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