(Einspieldatum: 18.11.2012)

Zwiesprache mit einem Schokoriegel - ONE ON ONE in den KunstWerken

One on One

Man hat sich schon an sie gewöhnt. An die Überwachungskameras, Alarmanlagen und Aufsichtspersonen, die jeden unserer Schritte im Museum verfolgen und darauf achten, dass die Handtasche den kritischen Sicherheitsabstand zwischen Mensch und Kunstwerk nicht überschreitet. Ebenso haben wir uns an die Besuchermassen gewöhnt, mit denen man sich durch die großen Eventausstellungen schiebt und hofft, zwischen den mit Audioguides behelmten Hinterköpfen auch noch einen Teil der Exponate zu erspähen. Ganz alleine mit der Kunst sind wir schon lange nicht mehr.

So banal die Frage zunächst also auch klingen mag, ist sie doch berechtigt: Was passiert eigentlich im Ausstellungsraum, wenn kein anderer hinschaut? Was passiert, wenn wir ganz alleine sind mit der Kunst, wenn niemand unsere genormten Bewegungen und Blicke kontrolliert? Schauen wir anders, vielleicht ehrlicher oder intensiver hin? Diesem Experiment hat sich die Ausstellung „one on one“ in den KunstWerken gestellt und ein verschachteltes Labyrinth aus weißen, unterschiedlich großen Raum-Boxen gebaut, in denen die Besucher wie einsame Zeitreisende verschwinden, um eins-zu-eins mit der Kunst auf Tuchfühlung zu gehen.

Gerade in Zeiten der viel beschworenen „partizipatorischen Wende“ überrascht das Konzept der Ausstellung. Ausgehend von Nicolas Bourriauds Theorie der „Relationalen Ästhetik“ wird das Kunsterlebnis zunehmend im „gesellschaftlichen Zwischenraum“, in Mitmachaufforderungen, Kochtöpfen oder kollektiven Diskussionen gesucht. Die Vereinzelung in den White-Cube-Miniaturen der KW schafft den radikalen Gegenpol.
Doch bedeutet diese Rückkehr zum singulären Betrachter zugleich auch eine Verinnerlichung des Kunsterlebens und damit eine Abkehr vom gesellschaftlichen Potenzial der Kunst? Die exklusive „one on one“ Begegnung mit dem Kunstwerk lässt zunächst an die quasi-sakrale Kontemplation denken, die in den Museen der Moderne konstruiert wurde. In den zeitgenössischen Tempeln stehen wir vor einem Rothko-Gemälde wie vor einem Andachtsbild und suchen – überwältigt vom ästhetischen Erlebnis – zwischen den Farbfeldern nach spiritueller Tiefe.

Die Reproduktion eines Rothko-Gemäldes findet man tatsächlich auch in der Ausstellung wieder: Allerdings eingepfercht in einer beengten Zelle, die kaum Platz zum Gehen lässt. Der kanadische Künstler Geoffrey Farmer hat diese und andere Kunstreproduktionen auf billige Pappen an die Wand geklebt. Statt ästhetischer Überwältigung und innerer Weite spürt man nur die Enge des niedrigen Raumes und das Bedrückende der kleinteiligen Papierbasteleien. Der Museumsraum wird zum Puppenhaus und man selbst zum unbeweglichen Trampel. Die Plastikpalme, die sich hinter einer Glaswand versteckt, kann dieses klaustrophobische Gefühl nur noch verstärken. „One on one?“ Fragt die Unterschrift unter dem Pappkarton und versetzt der romantischen Erwartung an ein tiefsinniges Erlebnis einen sarkastischen Seitenhieb.

Die meisten der eigens für die Ausstellung entstandenen Arbeiten setzen weniger auf kontemplative Selbstversenkung denn auf ironische Kommentare. Der überheizte, mit plüschweichem Teppich ausgelegte Raum der Künstlerin Nina Beier zieht den Betrachter in einen Sog heimeliger Gemütlichkeit. Behütet und zugleich erdrückt von der umgebenden Wärme findet man sich „one on one“ mit einer Kartoffel wieder, deren Bild auf einem Elektrokamin flackert. Die Knolle pocht gleichmäßig wie ein menschliches Herz. Schlummert in dem Gemüse etwa ein Geheimnis, das mehr über einen selbst verraten soll?

Tobias Zielony lässt in seiner Videoarbeit „Der Brief“ (2012) zwei junge Frauen von einer befreundeten Prostituierten erzählen, deren liebestoller Freier sie bedroht und schließlich Selbstmord begeht. Die exhibitionistische und zugleich naiv vorgetragene Enthüllung bewirkt auch hier ein Gefühl von unerträglicher Enge. Ein Stockwerk höher gibt ein gewisser Günter K. noch tiefere Einblicke in seine minutiös protokollierte Liebesaffäre mit MARGRET (1969-70). Neben dokumentarischen, geradezu technischen Aufzeichnungen einzelner Details beim Liebesakt sowie Polaroids, auf der die Geliebte in Unterwäsche, nackt oder im Bad zu sehen ist, findet man peinlich genau datierte Briefkuverts, die „linke Fingernägel“ oder „Kopfhaar aus einer Haarbürste“ von M. enthalten. Was man beim einsamen Lesen all der schlüpfrigen Beschreibungen und intimen Dokumente jedoch nicht ahnt, ist, dass man soeben selbst zum Objekt des Voyeurismus geworden ist. Anri Salas Arbeit „112mm/ 137 DAYS“ (2012) besteht nämlich aus einem versteckten Guckloch, durch das der Besucher im Nebenraum den anderen beim Voyeurismus beobachten kann. Indem der Voyeur selbst zum beobachteten Objekt wird, verschwimmt die Grenze zwischen Betrachter und Exponat. Die ansonsten abgeriegelten one-on-one Boxen werden wieder durchlässig und verwandeln sich in eine intelligente Versuchsanordnung sozialen Verhaltens.

Die Frage nach Bewachung und Kontrolle wird auch in anderen Werken thematisiert. Wenn Hans-Peter Feldmann eine volle Schachtel mit „Milky Way“-Schokoriegeln auf ein Podest stellt, ist das verlockend. Man weiß, keiner ist da. Keine Videoüberwachung, keine Aufsicht, kein anderer Besucher. Darunter liest man auf einer goldenen Plakette in großen Buchstaben NEIN. Was tun? Handelt es sich hier um eine Übung zum Gehorsam? – Nein, du sollst keine Kunst anfassen! Nein, du sollst nicht stehlen! - ? Man könnte sich widersetzen, den Schokoriegel genüsslich verspeisen und keiner würde es bemerken. Vielleicht geht es hier ja letztlich doch um Partizipation.

Künstlerliste: Massimo Bartolini, Nina Beier, Joe Coleman, Trisha Donnelly, Geoffrey Farmer, Hans-Peter Feldmann, FORT, Günter K., Annika Kahrs, Robert Kusmirowski, Alicja Kwade, Renata Lucas, Yoko Ono, Blinky Palermo, Anri Sala, Jeremy Shaw, Tobias Zielony

Öffnungszeiten: Di-So 12-19 Uhr, Do 12-21 Uhr

Laufzeit der Ausstellung: 18.11.2012 – 20.01.2013
KW Institute for Contemporary Art
Auguststr. 69
10117 Berlin
www.kw-berlin.de/

Verena Straub

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