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B3 Biennale

(Einspieldatum: 18.12.2012)

A ist blau – ein Künstlergespräch mit Annette Stahmer bei Art Laboratory Berlin

A ist blau. E ist weiß. U ist braun; braun wie Holz. Laute werden mit Farben verbunden.
Es ist das neurologische Phänomen der Synästhesie, das uns hier begegnet. In einem Video der Künstlerin Annette Stahmer blickt man von oben auf einen Tisch, an dem ihre Mutter, die Synästhetikerin Eilith le Fort, mit Wasserfarben versucht, exakt den Farbton zu malen, die ein bestimmter Wortlaut bei ihr auslöst. Es ist ihr inneres Bild, das sie hier nach außen trägt.

Anlässlich der ersten Ausstellung „The Orange Smell of November“ in der Reihe „Synästhesie“ des Art Laboratory Berlin fand am Sonntag, 16. Dezember ein Künstlergespräch mit Annette Stahmer statt. Eingangs sprach die Kuratorin Regine Rapp über die Beweggründe der Ausstellung und den Open Call von 2010, durch den sie auf die Arbeiten Annette Stahmers aufmerksam wurde.
Der Begriff Synästhesie leitet sich von den griechischen Wörtern „Aisthesis“ – „Empfindung“ und „syn“ – „zusammen“ her und bezeichnet die gleichzeitige Erfahrung zweier oder mehrerer Sinneseindrücke. Basierend auf diesem Thema war es Intention von Art Laboratory Arbeiten jener Künstler auszustellen, die Synästhesie zur Grundlage ihrer Arbeit machen oder ihre persönliche synästhetische Wahrnehmung einfließen lassen. Das eigentlich neurologische Phänomen ist den Kuratoren zufolge auch ein sehr aktuelles. Im Sinne von synästhetischer Wahrnehmung spiegele es sich in der Multimedialität unseres gegenwärtigen technologischen Zeitalters wider.
Dass sich das Phänomen von gleichzeitiger Stimulation mehrerer Sinne auf unser Medien- und Computerzeitalter übertragen ließe, ist eine spannende These. Diese manifestiert sich jedoch in Annette Stahmers Werk nur zum Teil und bezieht sich nicht auf ihre gesamte künstlerische Auseinandersetzung - wie im Gespräch deutlich wurde.

Im Falle der Mutter Annette Stahmers löst der Sound von bestimmten Wortlauten eine Farbe aus. Während der Aufbau des Videos „A ist blau.“ zunächst laborartig erscheint, hat es zugleich eine intime und poetische Wirkung. Die Art und Weise, wie die Mutter der Künstlerin ihre subjektive Wahrnehmung, ihre inneren Farben zu Papier zu bringen versucht und akustisches in visuelles Material übersetzt, ist beeindruckend. Die simplen Wörter und die Farbflächen, kombiniert mit der schönen Stimme der Mutter, haben eine beruhigende und für die Künstlerin, bedingt durch die enge persönliche Beziehung, vor allem wohlfühlende Wirkung. Es ist das Thema der Stimme und der Sprache, das Annette Stahmer interessiert. Sie besinnt sich auf einfache grundlegende Vorgänge, wie das Sprechen. Man kann die Stimme nicht sehen, doch man weiß, sie kommt aus dem Mund. Es sind die simplen Dinge, die simplen Worte, die sie faszinieren. Auch in anderen Arbeiten beschäftigt sie sich mit der Beziehung von Stimme und Schrift, sowie dem Akt des Schreibens, Schrift als Erinnerungsspur und Palimpsesten, wie sie anhand ausgewählter Ausschnitte präsentiert.

In der zweiten ausgestellten Arbeit im Art Laboratory Berlin mit dem Titel „Synästhetische Bilder I-IV“ erscheint ein schwarzer Bildschirm, während die Stimme Eilith le Forts hörbar ist, wie sie in einfachen Sätzen ihre synästhetische Wahrnehmung von Dingen beschreibt. „Die Nacht, die Nacht ist durchsichtig blau. Der Mond ist schwarz. Der Nebel, der Nebel ist weiß. […]Die Angst, die Angst ist himmelblau.“ So wie sie für die synästhetische Wahrnehmung die Augen schließt, macht der schwarze Bildschirm deutlich, dass sich diese Vorstellung allein im Kopf abspielt. Während sie im ersten Video explizit die Farben malt, kreiert der zweite Film Bilder im Kopf, im Kopf der Mutter, sowie im Kopf des Besuchers. Die Sprache wird zum Material und lässt poetische Bilder entstehen.

Auf die Frage, ob ihre Mutter, wenn sie durch grünes Gras laufe, trotzdem die Farbe blau sehe, antwortet die Künstlerin mit dem Hinweis der unbewussten Wahrnehmung. Ihre Mutter denke nicht darüber nach. Es ist nicht der Buchstabe, der eine Farbe bei ihr auslöst, sondern einzig der Klang des Buchstabens. Dies wird auch daran deutlich, dass sie Worte wie „Hände“ in die Reihe von Wörtern mit kurzem „E“ einreiht. Dennoch äußert sich das Phänomen manchmal auch umgekehrt, so erzählt Annette Stahmer die Anekdote, wie ihre Mutter einmal durch den Garten lief, eine gelbe Blume sah und sagte: „Das ist ein I.“

Welche Ursachen gibt es für Synästhesie? Wie erklärt sie die Synästhesie ihrer Mutter? Welche Ausprägungen existieren? Am Ende des Gesprächs wird deutlich, dass die Wahlberlinerin das Phänomen der Synästhesie selbst nicht weiter erforscht hat. Doch auch wenn die Arbeiten dies nicht intendieren, drängen sich für den Besucher solche Fragen auf, die eher wissenschaftlicher als künstlerischer Natur sind. Annette Stahmers Interesse gilt dagegen allein dem künstlerischen Gehalt und dem poetischen Potential solcher Erfahrungen, sowie dem Akt an sich, also dem, was die Synästhesie mit der Sprache und Stimme macht. Wäre nicht ihre eigene Mutter Synästhetikerin, bliebe offen, ob sie sich überhaupt mit diesem Thema beschäftigt hätte.

So bleibt am Ende die Frage, inwiefern es Annette Stahmer um das Phänomen der Synästhesie selbst geht, oder ob sie dieses nicht nur für ihre Zwecke und Intentionen nutzt, was jedoch keine Schmälerung ihrer künstlerischen Leistung bedeuten würde. Vielmehr ist Stahmers Werk breiter gefächert, als dass es sich auf den synästhetischen Aspekt beschränken ließe.
Es ist letztlich ein spannendes Thema, dem sich die Reihe im Art Laboratory Berlin momentan widmet. Sicherlich wird es den einen oder anderen Besucher geben, der von der Ausstellung nach Hause kommt und erst einmal den Computer zur Hand nimmt, um mehr über "blaue A´s" und "weiße E’s" zu erfahren.



Der zweite Teil der Ausstellungsreihe "Synaesthesia/ 2: Space and Perception" mit Arbeiten von Madi Boyd & Carrie C Firman wird am 25.1.2013 eröffnet. (26.01. - 10.03.2013 )

Art Laboratory Berlin
Regine Rapp, Christian de Lutz
Prinzenallee 34, 13359 Berlin
artlaboratory-berlin.org
info@artlaboratory-berlin.org

Inka Humann

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