Berlin Daily 28.01.2020
Denkerei mobil

18:30 Uhr: Industrialisierung als menschliche Schöpfung und der Konsument als Weltverschlinger
Berlin-Saal der Bibliothek (ZLB), Breite Straße 36, 10178 Berlin, 2. Stock

(Einspieldatum: 16.05.2013)

Musik in der Wolke - Urbane Räume hören

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Christina Kubisch: Zwölf Klänge und ein Baum (1994/2013), Klanginstallation im unteren Innenhof, Foto: Akademie der Künste

Ausstellungsbesprechung: In der Akademie der Künste im Hanseatenweg schwebt zur Zeit eine „Wolke“ im Foyer, aus weißem transparenten Schleierstoff – nur ist sie, im Gegensatz zu den Schäfchenwolken aus dem Bilderbuch, quadratisch: Es handelt sich um den „Hör: Raum“, eine der Arbeiten, die derzeit in dem Programm: „Musik in der Wolke, im Rahmen der Ausstellung „Kultur: Stadt“ in der Akademie der Künste zu sehen ist. Umgeben von vier Lautsprechern verspricht dieser dem Besucher atmosphärische Hörerlebnisse der besonderen Art. Doch auch der transparente Raum selbst, der in Zusammenarbeit mit dem „raumlabor berlin“ speziell für die Ausstellung konzipiert wurde, besitzt eine besondere Atmosphäre: Nimmt man auf einem der Holzstühle in seinem Inneren Platz, fühlt man sich auf seltsame Weise geborgen und geschützt. Während sich die visuellen Reize der Umgebung stark reduzieren, tönen die meditativen Klänge aus den Lautsprechern umso intensiver. Diese Tonsequenzen entstanden im Kontext einer internationalen Ausschreibung, die die Akademie der Künste in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe 2012 zum Thema „Atmosphären“ durchgeführt hat. Zu Hören bekommt der Besucher 20 ausgewählte Stücke dieses Wettbewerbs, an dem 61 internationale Künstler teilnahmen. Ihre Arbeiten entführen in urbane und synthetische Klangwelten, die unterschiedliche Assoziationen wecken: Hin und wieder mischt sich ein Stimmengewirr mit maschinellen Geräuschen, die von unterschiedlichen, gedämpften Tönen und Rhythmen unterlegt sind. Aufgrund der transparenten Wände ist die Zuhörerschaft während der Rezeption jedoch nicht völlig von der Außenwelt abgeschnitten. „Es entsteht ein Dialog zwischen Innen- und Außenwelt“, erklärt Ludger Brümmer, einer der Kuratoren des Projekts.

Um einen Dialog zwischen Natur und Technik geht es auch bei der Klanginstallation „Zwölf Klänge und ein Baum“ von der Komponistin und Klangkünstlerin Christina Kubisch (geb. 1948 in Bremen, lebt in Berlin). Bei dem Kunstwerk handelt es sich um ein „Revival“ einer Arbeit, die die Künstlerin bereits vor 20 Jahren konstruiert hat. Die Professorin für „Audiovisuelle Kunst“ (Hochschule der Bildenden Künste Saar in Saarbrücken) experimentiert seit den 1990er Jahren mit der Umwandlung von Solarenergie in Klang.

Christina Kubisch: Zwölf Klänge und ein Baum (1994/2013), Klanginstallation im unteren Innenhof, Foto: Akademie der Künste

Im Buchengarten neben dem Foyer der Akademie der Künste steht eine majestätische alte Buche, ein - nach Kubisch - gerade zu prädestinierter Ort für ihre Klanginstallation. Letztere besteht aus zwölf Solarzellen, die von der Künstlerin selbst entwickelte elektronische Steuermodule mit Energie versorgen. Diese sind mit im Geäst des Baumes versteckten Lautsprechern verbunden. Je nach Lichtintensität, ertönen aus den Lautsprechern verschiedene künstliche Klänge in unterschiedlicher Lautstärke und Geräuschvielfalt. Die Klänge folgen dabei dem Rhythmus der Natur.
Steht man unter der Buche, lässt sich ein Orchester aus unterschiedlichen „künstlichen“ Vogelstimmen vernehmen, die hin und wieder einem insektenartigen Zirpen oder Surren weichen. Manchmal scheinen die Geräusche eher von technischer Natur zu sein. In dieses Orchester reiht sich der ein oder andere „gefiederte Solist“ ein. „Es kommt vor, dass im Laufe der Zeit reale Vögel die Klänge imitieren und mit ihren elektronischen Artgenossen in einen Dialog treten“ erklärt Christina Kubisch, eine Interaktion mit der Natur, die von der Künstlerin durchaus beabsichtigt ist. Mit ihrer Arbeit schafft sie einen Konzentrationsraum, in dem es einzig und allein um die akustische Wahrnehmung des Umraums geht.

Peter Ablinger: weiss / weisslich 29 / 2 Stunden, 12 Tage, 36 Stühle. Hörstück (2013), Ansicht von der Installation vor der Akademie der Künste, Hanseatenweg, Foto: Akademie der Künste

Auch die mobile Arbeit „weiss / weisslich 29 / 2 Stunden, 12 Tage, 36 Stühle“ von Peter Ablinger (geb. 1959 in Schwanenstadt, Österreich, lebt in Berlin), lädt zum bewussten Hinhören ein. Das Hörstück besteht aus 36 Stühlen, die in Reihen aufgestellt, ein Auditorium bilden. Sie referiert sowohl auf die klassische Konzertsituation, kann aber auch als serielle Skulptur gelesen werden. Nach Ablinger wird die Skulptur nicht durch das Material verkörpert, sondern durch den Hörvorgang selbst. Das Konzept weckt Assoziationen an John Cages berühmtes Stück 4’33, das 1952 in New York uraufgeführt wurde. Während der gesamten Hördauer des Stückes wurde kein einziger Ton gespielt.
Die Installation ist an 12 Tagen im Mai 2013, an täglich wechselnden Orten und Zeiten zu sehen. Für jeweils zwei Stunden pro Tag ist sie in der fußläufigen Umgebung der Akademie der Künste zugänglich.

Peter Ablinger: weiss / weisslich 36, Kopfhörer (1999), Kopfhörer-Ausgabe im Foyer der Akademie der Künste, Hanseatenweg, Foto: Akademie der Künste

Auch die zweite Arbeit der Werkreihe Ablingers, „weiss /weisslich 36, Kopfhörer“ fordert den Besucher dazu auf, seine auditiven Sinne zu schärfen. Sie basiert auf der Annahme, dass insbesondere die urbane Umwelt vor allem auf zwei Arten wahrgenommen wird: mit oder ohne Kopfhörer. Während sich der Träger eines Kopfhörers besonders auf akustische Reize konzentriert, kommt es ohne diesen häufig zu einer Reizüberflutung. Viele Geräusche werden oft gar nicht oder nur noch beiläufig bemerkt. Doch faszinieren die Kopfhörer „weiss / weisslich 36“ nicht bloß, aufgrund der Reduktion auf das Hörbare. Mit einem der Kopfhörer auf einen Hörspaziergang unterwegs nimmt man die akustischen Reize der Umwelt um ein Vielfaches intensiver wahr. Alle Klänge und Geräusche sind auf einmal gleichbedeutend. Drinnen im Foyer füllt sich der Raum plötzlich mit Geräuschen, man könnte meinen, die Besucherzahl hätte sich vervielfacht. Hier und da kann man Mäuschen spielen und unbemerkt den Gesprächen der Besucher lauschen, bis einen das Klirren eines Tellers im Cafe oder das laute Zuschlagen einer Tür wieder davon abbringen. Draußen auf der Straße verstärkt sich das Zwitschern der Vögel zu einem lauten Konzert, das nur hier und da von einem vorbeifahrenden Auto jäh unterbrochen wird. Technisch basiert die Klanginstallation des Komponisten und Klangkünstlers Ablinger auf zwei neutralen Kugelmikrofonen, die links und rechts an den Kopfhörern befestigt sind. Diese verändern die akustische Wahrnehmung ihres Trägers und erzeugen eine Art Stereo-Klang, bei dem die Raumtiefe reduziert und das Hören flacher wird. Durch diese Einschränkungen hört man allerdings nicht weniger, sondern mehr: Plötzlich hat man für alle Geräusche der Umgebung ein offenes Ohr.

Die Klanginstallationen von Peter Ablinger und Christina Kubisch sowie der Hörraum im Kontext des Projekts „Musik in der Wolke“ sind noch bis zum 19. Mai in der Akademie der Künste zu „hören“.

Musik in der Wolke.
Interaktionen von Klang und urbanem Raum im Kontext der Ausstellung „Kultur:Stadt“
Akademie der Künste
Hanseatenweg 10
10557 Berlin (S Bellevue, U Hansaplatz, Bus 106) Öffnungszeiten: täglich 9-19h Eintritt frei, außer Konzerte am 17. Und 18. Mai: 10/5€
adk.de/kulturstadt

Rebecca Freiwald

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