(Einspieldatum: 05.07.2014)

Viel Schrift, wenig Öl

bilder

Corinne Wasmuht, 211.212, 2013, Öl auf Holz, 243 x 342 cm, Courtesy die Künstlerin und Johann König, Berlin. Foto: Gunter Lepkowski

Es gibt Kunstwerke, die wie ein Magnetfeld für Worte funktionieren. Zum Beispiel die Ölmalereien von Corinne Wasmuht. Liest man Pressetexte oder Rezensionen über das Werk der 1964 geborenen Künstlerin, schießt einem augenblicklich ein Schwall der poetischsten Verrenkungen entgegen. Von „zerklüfteten Farbexplosionen“ ist hier die Rede, von einem „hypnotischen Sog in traumgleiche Tiefenwelten“ und „illusionistischen Bildwelten“, ja sogar von „Gegenbildern zur Lebenswirklichkeit“. Ganz folgerichtig scheint es da, dass Corinne Wasmuht zur Gewinnerin des diesjährigen Käthe-Kollwitz-Preises gewählt wurde und nun mit einer Ausstellung in der Akademie der Künste gewürdigt wird. In der Begründung der Jury (Arnold Dreyblatt, Birgit Hein und Wolfgang Petrick) heißt es: „Corinne Wasmuhts Bilder laufen gegen den Strom, indem sie mit der Geschwindigkeit, der Zerstreuung und Unverbindlichkeit unserer Zeit kontrastieren. Dabei lässt sie in ihren Gemälden Unformuliertes und nimmt sich an exakt jener Stelle zurück, an der der Betrachter in ein neuartiges Raum-Zeit-Bild-Gefüge eintritt.“ Und was sagen die Bilder dazu?

Schon beim Lesen der Lobeshymnen wird einem ganz schwindlig. Schließlich verspricht der Begründungstext der Jury nichts weniger als eine Erweiterung unserer Wahrnehmung. Umso ernüchternder ist dann allerdings der Weg in die Ausstellung. Was in den Texten so „facettenartig zwischen Raum und Zeit flimmert“, durchweg „vielschichtig“ und „multiperspektivisch“ daherkommt und sich in „kaleidoskopartigen Traumbildern“ auflöst, steckt – endlich vor den Gemälden angekommen – irgendwie im Öl fest. Von weitem betrachtet sind die Panoramaformate nämlich vor allem eins: bonbonfarben. Die erhoffte Erweiterung meines Sehens wird vom dreckigen Lila, vom reiseprospektwürdigen Türkis und Babyrosa erst mal unangenehm gestört. Zugegeben: bei näherem Herantreten bekommt man einen Geschmack von dem, was so fleißig als „Ineinanderfließen von Raumebenen“ beschrieben wird. Nämlich dann, wenn schemenhafte Figuren, Strommasten und undefinierbare Wasser-Grünzeug-Flächen (die mancherorts an Monets Seerosen erinnern) kompliziert übereinander gestapelt werden. Und wenn dann noch neonpinke Pixel hinzukommen, ergeben sich Szenarien, die sich irgendwo zwischen taumelnder Holi-Farbschlacht und digitaler Apokalypse bewegen (auch wenn die von der Jury beschworene Aktivierung einer „andersartigen Wahrnehmung von konstruierten Wirklichkeiten“ bei mir jedenfalls ausbleibt).

Seit 2001 nutzt Wasmuht das Internet als Werkzeugkasten für ihre gegeneinander montierten Bildmotive, die sich wie in einem Spiegelkabinett von innen selbst zersetzen. Doch schon lange vor der digitalen Bildexplosion schufen Fotografen wie Étienne-Jules Marey oder Maler des Futurismus wie Giacomo Balla ähnlich irritierende Bildwelten, die das „Raum-Zeit-Bild-Gefüge“ ordentlich ins Wanken brachten. Ganz so „neuartig“ ist dieses Wahrnehmungserlebnis also keineswegs (und über die originelle Qualität ihres Werks lässt sich streiten).

Doch zurück zu den Texten. Die Kommentare über Wasmuhts „Hochgeschwindigkeitsästhetik der neuen Medien“ lesen sich zum einen wie ein Mantra der Selbsterkenntnis im digitalen Zeitalter. Auch laut Jury geben ihre Gemälde „die Weite und Geschwindigkeit der vernetzten Gegenwartskultur“ wieder. Im gleichen Atemzug wird dies dann mit dem „langsamen Herstellungsprozess“ kontrastiert. Dass die Künstlerin nur 4 Gemälde im Jahr produziert, wird von nahezu jedem Rezensenten beflissentlich betont und wiederholt mit „künstlerischen Praktiken Alter Meister“ in Verbindung gebracht. Nun gut, sie malt riesige Ölbilder auf Holz. Aber ist ihr Werk dadurch schon „altmeisterlich“?

Hinter all dem Sprachreigen fällt es schwer, Wasmuhts Gemälde durchschimmern zu sehen. Die Worte bleiben an den Bildern wie an Fliegenfängern kleben. Was mich an dieser Ausstellung am meisten reizt, mündet schließlich in der provokativen Frage: Lieben Kunstleute die Gemälde von Corinne Wasmuht vielleicht vor allem deswegen, weil sie sich so schön beschreiben lassen?

Käthe-Kollwitz-Preis 2014: Corinne Wasmuht

Laufzeit der Ausstellung: 4. Juli-10. August 2014

Ort: Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin
Öffnungszeiten: Di-So 11-19 Uhr
adk.de

Verena Straub

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Daten zu Corinne Wasmuht:

- *1964 Dortmund
Studium Kunstakademie Düsseldorf
Professur an der Kunstakademie Karlsruhe
- ars viva Preistraeger
- Art Basel 2013
- Art Basel 2016
- Art Basel Miami Beach 2013
- art berlin 2017
- Biennale Venedig 2011
- Galerie Martin Janda
- Johann König
- Preisträger 2014, Käthe-Kollwitz-Preis
- Sammlung Deutsche Bank, Frankfurt
- Sammlung zeitgenoessische Kunst der BRD

Kataloge/Medien zum Thema: Corinne Wasmuht

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Titel zum Thema Corinne Wasmuht:

Viel Schrift, wenig Öl
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