(Einspieldatum: 09.08.2014)

Im Pantheon des Rauschs. Zehn Jahre Berghain.

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© Frederik Schulz

Es ist dunkel, es ist eng und es riecht nach Urin. Meine Nase hängt über einer rotgold leuchtenden Vitrine, die sich aus der düsteren Berghain-Halle wie ein Heiligtum herausschält. Einige Dutzend Menschen stehen drum herum, schnuppern daran mit pseudo-religiöser Ehrfurcht und einer Mischung aus Faszination und Ekel. Der heilige Gral: das sind einige hundert Liter Urin, die Sarah Schönfeld von den Clubgängern gesammelt und konserviert hat (und damit ganz nebenbei einen Drogenrückstands-Cocktail präsentiert). Es ist eine Reliquie, die 10 Jahre exzessivem Feiern ein süßlich dampfendes Denkmal setzt. Zusammen mit den Werken von neun anderen Künstlern soll so die Essenz des ewig verruchten Berghain-Glamours destilliert werden. Die Klischees: harte Drogen, metallische Beats und körperliche Exzesse jeglicher Art. Wie lässt sich eine Ausstellung über einen Mythos machen?

Schönfelds „Hero´s Journey (Lamp)“ findet seine Entsprechung im Obergeschoss wo der nächtelang gesammelte Schweiß der Clubgäste in lange Samtbahnen eingetrocknet ist („Hero´s Journey (Towels)“). Ein postmodernes Schweißtuch der Veronika, in dem das Antlitz Jesu gegen das Antlitz hedonistischer Feierwütiger eingetauscht wird? Die Berliner Künstlerin und Berghain-Barkeeperin (geb. 1979) spielt mit solch religiösen Untertönen und wird damit (durchaus ironisch) dem fast schon überirdischen Ruf gerecht, der dem Club vorauseilt: Erlösung durch Rausch. Wenn man am Türsteher nicht vorbeikommt, dann wenigstens jetzt, durch ein Second-Hand-Erlebnis vergangener Exzesse, durch Inhalieren und Gucken. Oder, wenn man so will, Tätowieren. Direkt neben Schönfelds Schweißbahnen hat Marc Brandenburg einen blau leuchtenden Kiosk eingerichtet, in dem Ausstellungsbesucher die Berghain-Reliquien auch „to go“ bekommen, als Abziehbild auf den Arm. Für die Tattoo-Motive fotografierte der Berliner Künstler (geb. 1965) den Bodensatz nach einem Berghain-Wochenende: ausgetrunkene Flaschen, benutzte Kondome, Halterungen von Neonröhren, liegengelassene Dosen, Pissoirs oder Butt-Plugs.

Es sind noch mehr Werke zu sehen, die beweisen, dass das Berghain eine wahrhaftige Goldgrube für (leicht zu sakralisierende) Überbleibsel ist: Kurz nach der Eröffnung des Clubs hat Friederike von Rauch (geb. 1967) eine Abdeckplane fotografiert, die nun als gigantisches Querformat über unseren Köpfen thront. Auch der farbige Tanzboden, letztes Jahr von Norbert Bisky (geb. 1970) für den Ballett-Abend „Masse“ gestaltet, wurde für die Ausstellung recycelt und schwingt nun, angetrieben von einem Motor, imposant durch den Raum. Der 20 Meter hohe Betonkoloss und ehemalige Heizkraftraum, der direkt hinter dem Tanzclub liegt und in unregelmäßigen Abständen von den Berghain-Machern bespielt wird, wird zur düsteren Kultstätte, zum sakrosankten Reliquienschrein.

Wie, so möchte man fragen, schafft es diese Ausstellung trotz aller Selbstbeweihräucherung dennoch, nicht zu einer peinlichen Nabelschau zu verkommen? Überinszenierte Kaputtheit, gepaart mit einer Prise Selbstironie. Das scheint die Antwort und gleichzeitig das Rezept für viele der ausgestellten Arbeiten zu sein. Wenn Marc Brandenburg neben all dem Party-Abfall auch das Portrait von Sven Marquardt als Tattoo-Motiv anbietet, ist das eher als humoristischer Seitenhieb auf dessen Mythifizierung zu werten. Der ehrfürchtig beschworene Türsteher ist das wohl ikonischste (und am meisten gefürchtete) Gesicht des Clubs. Er ist – wenn wir schon mal bei der religiösen Symbolik sind – eine Art Zwitterfigur aus Petrus und alttestamentarischem Gott-Vater. Ist es ein Zeichen der Verehrung oder der Blasphemie, wenn wir uns sein Antlitz nun auf die Haut pappen? Marquardt selbst liebt jedenfalls die große tragische Inszenierung, nicht nur an der Tür, auch hinter der Kamera – mit Darstellern, die er aus dem Berghain rekrutiert. Vor abbröckelnden Fassaden posieren kahlrasierte Männer mit Schlagstöcken wie für Modemagazine oder hängen wie James Dean lässig in der Autotür. Eine Braut mit aufgeschürften Knien blickt verloren lächelnd in die Kamera. Auch hier kommt das Harte, Raue, Kaputte mit einem ironischen Augenzwinkern daher. Wenn das Berghain zur auratischen Ikone geworden ist, dann betreibt diese Ausstellung auf subtile Weise Selbstikonoklasmus. Und gerade das macht die Schau zur treffendsten, zur ehrlichsten Hommage.

Zehn Jahre Berghain
Ausstellung in der Halle am Berghain
08. - 31. August 2014
Öffnungszeiten: Di-So 16-23 Uhr

Künstlerliste: Norbert Bisky, Marc Brandenburg, Ali Kepenek, Sven Marquardt, Piotr Nathan, Carsten Nicolai, Friederike von Rauch, Sarah Schönfeld, Viron Erol Vert

Verena Straub

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