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B3 Biennale

(Einspieldatum: 20.02.2015)

Wer ist Gene Z. Hanrahan?

bilder

Ho Tzu Nyen »The Name«, Filmstills, courtesy of the artist

In seiner Filminstallation „The Name“ ist Ho Tzu Nyen einem flüchtigen Schriftsteller auf der Spur. Ein Kaleidoskop des romantischen Autoren-Subjekts zwischen Hollywood und Historie.

„Wenig tugendhaft, mit leichter Neigung zu Ausschweifungen und Alkohol“, so beschrieb James Joyce (1882-1941) einst seinen Alltag als Schriftsteller. Die Hand am Whiskyglas, Zigarette im Mund, die Stirn in Falten geworfen, während der Blick auf das weiße Papier in der Schreibmaschine gerichtet ist: so stellt sich auch Hollywood den prototypischen Schriftsteller vor. Egal ob Ewan McGregor als James Joyce in „Nora“ (2000), James Franco als Allen Ginsberg in „Howl“ (2010), David Cronenbergs Verfilmung des Kultromans von William S. Burroughs „Naked Lunch“ (1991) oder der idealistische „Barton Fink“ (1991) der Coen-Brüder: das Bild des einsamen, an der Grenze zum Wahnsinn entlang schlitternden Autorengenies ist wohl eines der beliebtesten Klone der westlichen Filmindustrie.

Dass die Motivkette Genie-Schreibmaschine-Zigarette-Alkohol zum Standardrepertoire des Kinos gehört, zeigt der Künstler Ho Tzu Nyen (geb. 1976 in Singapur) nun in seiner Filminstallation „The Name“, die noch bis zum 21. März in der daadgalerie zu sehen ist. Es handelt sich um eine wilde Found-Footage Montage sämtlicher Schriftsteller-Verfilmungen, die das Schreiben als schöpferisch-individuellen Akt inszenieren. Doch statt individueller Autorenportraits begegnet uns in Ho Tzu Nyens Collage eine Reihung der immer selben, identischen Bilder: der Blick über die Schulter auf die eingespannte Schreibmaschinenseite, die Spiegelung der Schreibmaschine im Brillenglas des Autors, sein Griff zum Alkohol, das energische Zerknüllen von Papier und immer wieder Close-ups des angestrengten, von Denkerfalten zerfurchten Gesichts. Die Überhöhung des Individuums wird in der Montage ad absurdum geführt und zu einem einzigen Bild, einem einheitlichen Autoren-Typus überblendet.


Ho Tzu Nyen »The Name«, Filmstills, courtesy of the artist

Einen Namen zu diesem zusammengeschmolzenen Klischeebild gibt Ho Tzu Nyen schließlich auf der Ebene des „Voice Overs“: Gene Z. Hanrahan. Ein Autorenname, ein Gespenst und Mysterium, mit dem sich der Künstler schon lange auseinandersetzt. Eben jener Hanrahan soll nicht nur eine Abhandlung zum Malaysischen Kommunismus geschrieben haben; sein Werk umfasst auch Studien über chinesische Guerrilla-Taktiken, den Ölhandel im Nahen Osten oder die Herausgabe einer Textsammlung von Ernest Hemingway. „Etwas an dem Werk Hanrahans“, so mutmaßt Ho Tzu Nyen, „lässt an der Identität des Verfassers als einem einzigen Autor-Subjekt zweifeln. Es scheint eher so, als ob sich hinter dem Namen eine unbändige Reihe an Persönlichkeiten verberge.“ Immer wieder haben Verlage versucht, Gene Z. Hanrahan zu kontaktieren. Ohne Erfolg. Zahlreiche Geschichten ranken sich um diesen Namen, hinter dem mal ein Marine-Nachrichtendienst-Offizier, mal eine ganze Forschungsorganisation vermutet wird. „Er könnte ein Universitätsprofessor sein, ein Sozialarbeiter, ein Schriftsteller oder ein Priester“, so flüstern uns die Stimmen aus den Lautsprechern der Galerie ins Ohr.


Ho Tzu Nyen »The Name«, Filmstills, courtesy of the artist

Wer ist Hanrahan? Und wie viele? Wie das Kaleidoskop der Hollywood-Bilder, so lassen auch die vorgelesenen Zitate aus Hanrahans Werk den Autor in multiple Facetten zerfallen. Damit wird nicht nur das Autoren-Subjekt in Frage gestellt (eine Hommage an Barthes „Der Tod des Autor“ von 1967?), sondern auch die Geschichtsschreibung an sich. Hanrahan wird zum Kondensationspunkt, in dem alle Filmklischees zusammenfallen. Neben all den offenen Fragen, steht dabei eine ganz besonders im Raum: Wer kreiert hier eigentlich das mysteriöse Autoren-Genie? Sind es die Filmemacher? Ist es Hanrahan durch seine mysteriöse Abwesenheit, oder ist es nicht vielleicht Ho Tzu Nyen selbst, der in seiner Erzählung all dies miteinander verknüpft?

Ho Tzu Nyen, The Name
Ausstellungsdauer: 14. Februar - 21. März 2015
daadgalerie, Zimmerstraße 90, 10117 Berlin
daadgalerie.de
Öffnungszeiten: Mo-Sa, 11-18 Uhr

Verena Straub

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