(Einspieldatum: 01.05.2015)

Was sonst noch los ist am Gallery Weekend ? Ngorongoro – Artists Weekend Berlin


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Tim Noble & Sue Webster, Nihilistic Optimistic, 2012. Neon, transformers, flasher unit, 42.4 x 153.6 cm (16¾ x 60½ in). Courtesy the artists and Blain|Southern. Photo© Peter Mallet.

„Bei uns geht es eher funky zu“, erklärt der Künstler Andreas Golder. Er ist einer der Initiatoren des „Ngorongoro – Artists Weekend Berlin“ in der Lehderstraße in Berlin-Weissensee.

Allerdings ist der erste Eindruck eher „stylish“. Ein blauer Pool inmitten des Ensembles der ehemaligen Halbleiterfabrik, das heute als Atelierkomplex genutzt wird, lockt mit klarem Wasser und weckt Florida-Feeling.

Dolce Vita im versunkenen Revier der Werktätigen, das sowohl ein Heizkraftwerk der Jahrhundertwende als auch Produktionshallen aus der Zeit des Sozialismus umfasst. Der teils noch industrieruinenhafte Ort atmet noch die Atmosphäre der Arbeit. Eigentümer des Areals ist der Künstler Jonas Burgert, der das Gelände nach und nach erschließt.

Überall blitzt Kunst auf. Zwei Kletterer verwandeln mit bunten Klebebändern ein Gerüst in Kunst – die Regie führt dazu, entspannt am Pool sitzend, eine Amerikanerin. Ein Boot scheint, Noahs Arche gleich, auf einem Erdhügel gestrandet zu sein. Ein schwarzes, zerbeultes, großes Blechobjekt von Katja Strunz wirkt wie bestimmt für den einst gewerblichen Hinterhof. Und unter fröhlichem Gelächter wird „Hannelore, die alte Hausschlampe“ zu Grabe getragen, eine Skulptur von Gregor Schneider.

Doch das markiert erst das Entree zu einem mit Kunst förmlich gespickten Ensemble. Rund 400 Werke, die sich überall finden, auch dort, wo man sie nicht erwartet. Vom dungeon-artigen Keller bis unters Dach, an allen Wänden, in allen Winkeln, hinter allen Ecken lugt Kunst hervor. Nur zu gerne lässt sich der Besucher auf den Streifzug in diese an eine Wunderkammer erinnernden Gänge, Gewölbe, Höfe und Hallen hineinziehen. Klettert über wackelige Stiegen, zieht den Kopf ein auf alten Dachböden, schlendert durch helle Ateliers.


Jonas Burgert, Licht und Nicht und Sticht, 2014. Öl auf Leinwand, 280 x 440 cm. Photo© Lepkowski Studios.

Auf 8.000 Quadratmetern findet hier die Kunst allen Platz, den sie braucht. Ein Luxus ohnegleichen. So wird die Videoinstallation „Die Eule“ von Björn Melhus in einer separaten Halle auf eine zwölf Meter hohe Industriewand projiziert. Auch der „Englisch-Lehrer“, eine knapp lebensgroße untersetze Figur von Martin Honert im schlecht sitzenden Anzug und mit unangenehmem Grinsen, hat einen ganzen Raum für sich.

Große Namen finden sich in den Hallen: Bruce Nauman, Asta Gröting oder Douglas Gordon in bunter Mischung mit unbekannten Künstlern und vielversprechenden Newcomern. Slater Bradley etwa, der in den USA bereits wie eine Kultfigur gefeiert wird und 2005 mit 30 Jahren als jüngster Künstler überhaupt im Solomon R. Guggenheim in New York eine Solo-Ausstellung hatte, ist mit der Arbeit „Solar Shield 001“ erstmals in Berlin vertreten.

John Bock lebt seine erklärte Vorliebe für Nischen und Kammern aus und hat einen nur durch eine steile Leiter erreichbaren Lagerraum für seine Performance umgebaut.

Dann die Petersburger Hängung. Nichts gehört zusammen, keine kuratorische Grundidee verbindet die Arbeiten – die dennoch ein lebhaftes hierarchieloses Miteinander vermitteln. „Vielleicht liegt es daran, dass viele von uns Maler sind“, überlegt Golder, „so wie wir wissen, dass auf einem Bild ein weißer Punkt fehlt, so haben wir auch ein bestimmtes Gefühl für die Hängung“.



Anri Sala und Ari Benjamin Meyers, The Breathing Line, 2012. 3 paper leporello offset prints, 3 custom-made metal shelves, 489,5 x 163 x 32 cm. Courtesy Chantal Crousel, Paris, Hauser & Wirth, Zurich, London, and Marian Goodman Gallery, New York.

„Nein“ heißt die Maske von Dirk Meinzer, deren Augen aus Häkeldeckchen bestehen und die auf ironische Art an eine afrikanische Maske erinnert. Ein Stück weiter Christian Achenbach. Er macht durch seine pastose Malweise, die Musik, die aus einem Grammophon erklingt, geradezu haptisch erfahrbar. Großformatig zeigt Werner Liebmanns Gemälde eine opulente Frau in auffordernder Pose, doch „Keine Angst, sie will nur spielen“. Wie so manches ist auch dieses Werk eigens für das „Ngorongoro – Artists Weekend Berlin“ geschaffen worden. Oder: „Die Farbe ist noch nass“, wie es Andreas Golder ausdrückt.

Fotos aus der Serie „Shanty Town Deluxe“ von Roger Eberhard, verteilt über die Hallen, zeigen einen vermeintlichen Slum. Nur eine zynische Kulisse. In Wirklichkeit verbirgt sich dahinter ein Resort in Südafrika, das „Armut“ als Kick für reiche Cluburlauber anbietet. Die Hütten haben eine Fußbodenheizung …

Den Diskurs über den Diskurs des Diskurses kann man hier lange suchen. Stattdessen erstaunlich viele frische Ideen und auffallend oft eine gute Ironie. Das Fehlen konzeptueller Kopflastigkeit und die Abwesenheit der vielen White Cubes eigenen Sterilität machen den besonderen Charme dieser Ausstellung aus. Hier kommen 125 Künstler aller Genres zusammen. An einem Ort des künstlerischen Schaffens, der noch die Spuren des industriellen Schaffens trägt. Die Künstler nutzen ihre Netzwerke und laden Freunde und Kollegen ein. Hier regiert die Intuition. Das Ergebnis ist kraftvoll und hat etwas Befreites.

Der Erlös aus dem im Poolhaus ausgestellten Arbeiten soll dem Projekt „Künstler für ONE FINE DAY e. V.“ zugutekommen. Dieser Verein fördert Kunstprojekte für Kinder in Nairobi und wurde von dem Regisseur Tom Twyker und Marie Steinmann-Twyker ins Leben gerufen. Kindern aus den Slums soll so der Zugang zur Kunst vermittelt werden – etwa Kenntnisse über Farbenlehre und Grundlagen der Zeichnung.

Bliebe nur noch der Titel „Ngorongoro“ zu klären. Der kollabierte Vulkankater in Tansania ist eine Biosphäre, quasi frei von menschlichem Einfluss. Dort ist eine einzigartige Artenvielfalt an Tieren und Pflanzen entstanden …

Nach der Expedition durch die einzigartige Artenvielfalt der Kunst hat man sich den Drink am Pool dann redlich verdient.

Es erscheint eine Edition mit Arbeiten der Organisatoren Christian Achenbach, Jonas Burgert, Zhivago Duncan, Andreas Golder, John Isaacs und David Nicholson für 1.000 Euro zzgl. Mwst.

Geöffnet 1. – 3. Mai täglich bis 24 Uhr

Lehderstr. 34
13986 Berlin
http://artistweekend.com/

Inge Pett

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