(Einspieldatum: 15.11.2015)

Hirn in der Hand: Ausstellung „Mirror Images. Spiegelbilder in Kunst und Medizin“


bilder

Adib Fricke, Mein Gehirn, 2014 14

Postkarte, Adib Fricke mit dem 3D-Modell seines Gehirns
© VG Bild-Kunst / Courtesy: Adib Fricke / Foto: Idris Kolodziej


„Adib, wann kann ich kommen und Dein Hirn abholen?“ Erst als diese Frage ausgesprochen war, sei ihr klargeworden, wie absurd diese klingt, erklärt Alessandra Pace. Sie ist die Kuratorin der Ausstellung „Mirror Images. Spiegelbilder in Kunst und Medizin“, die bis zum 23. Januar 2016 im Medizinhistorischen Museum der Charité sowie im Projektraum der Schering Stiftung Unter den Linden zu sehen ist.

Darunter eben auch das Gehirn von Adib Fricke. Kein Grund zu Sorge, der Berliner Künstler selbst blieb unversehrt, sein Denkorgan am angestammten Platz. Es wurde 2014 im Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig gescannt und als 3D-Modell gedruckt. Nun steht es in einer Vitrine in den altehrwürdigen Räumen des historischen Krankenhauses, kann von allen Seiten bestaunt werden und lädt zum Reflektieren ein: Was hat sich der Künstler dabei gedacht? Eine Frage, die nicht zuletzt ihn selber beschäftigt. Nachdenklich sinnend sieht man ihn auf zwei Plakaten, das Organ seiner Subjektivität in Händen haltend. Eine Pose, die ebenso an Vanitas-Darstellungen in der Bildenden Kunst erinnert wie an die berühmte Friedhofszene in Shakespeares Drama Hamlet, in dem der Prinz von Dänemark den Totenschädel des Hofnarren Yorick betrachtet und über die Vergänglichkeit allen Seins grübelt. Ein Mysterium, das den Menschen seit jeher beschäftigt.

Um Spiegel, reflektierende Oberflächen, Photographien, bewegte Bilder und optische Täuschungen geht es in dieser Schau, die 21 Kunstwerke, 6 wissenschaftliche Experimente und medizinhistorische Kuriositäten vereint. Wer war zuerst da, der Künstler oder der Neurowissenschaftler? Nicht immer offenbart sich die Antwort von selbst. So wie bei Dan Grahams Videoarbeit „Opposing mirrors and video monitors on time delay“, die dieser bereits 1973 entwickelt hat und in der er die Diskrepanz der Wahrnehmung zwischen der Ausführung einer Körperbewegung und dem Fehlen unmittelbaren Feedbacks untersucht. Ein Pionier der Wahrnehmungspsychologie – aus den Reihen der Kunst.

Um eigene psychische Probleme geht es in der achtteiligen bewegenden Fotoserie “Sassi” (Steine) von Sabina Grasso aus den Jahren 2006 bis 2009. Gelähmt von Angstattacken habe sich die Künstlerin oft für Stunden nicht von der Stelle rühren können. So sah sie sich etwa gezwungen, auf den Stufen einer Zugstation zu verharren. Einen verzweifelten Ausweg sah Grasso dann im Medium der Fotografie. Indem sie in einem Kraftakt Aufnahmen von sich selber machte, wenn die Panik sie ereilte, und diese Bilder dann später studierte, gewann sie an Selbst-Bewusstsein. Sie lernte es, ihr eigenes Bild zu kontrollieren – und damit letztendlich eine Selbstheilung herbeizuführen.

In dem Schwarzweiß-Video „Undertone“ von 1973 führt der Italo-Amerikaner Vito Acconci einen imaginären Dialog mit seinem Gegenüber. Manipulativ verwandelt er es abwechselnd mal in einen Voyeur und mal in einen Verbündeten. Der Betrachter wird zum Teil der Arbeit, zum reflektierenden psychologischen Widerpart, der zwischen Lügen, Paranoia und der Wahrheit unterscheiden soll. Acconci weist so auf die Gefahr hin, sich mit den Personen auf dem Bildschirm zu identifizieren, die Distanz zwischen Akteur und eigener Person zu verlieren.


Bjørn Melhus, Das Zauberglas, 1991 02
Fernseher, Video, Farbe, Ton, 6 Min
© VG Bild-Kunst / Courtesy: Bjørn Melhus


Um „menschliche Spiegel“ geht es in dem Video „Human Mirror“ des Schauspielers Charlie Todd und des Arbeitskollektivs Improve Everywhere. Identische Zwillinge wurden 2008 mit gleicher Frisur und Kleidung ausgestattet und auf einen Stadtspaziergang geschickt. Ihre Handlungen sollten in gegenseitiger Spiegelung erfolgen – ein surrealer Auftritt, dokumentiert in einem Kurzvideo. Ebenso skurril die Begegnung des Künstlers Bjørn Melhus mit seinem weiblichen Alter Ego in „Das Zauberglas“. Die virtuelle „Dame“ interagiert, kokettiert, verschwindet und kehrt - einem Flaschengeist gleich - plötzlich unerwartet wieder. Letztendlich lässt sie den Protagonisten verloren zurück. Eine faszinierende Reflexion eigener Begierden und Verirrungen.

Selbst- und Fremdwahrnehmung thematisiert auch der Wissenschaftler Xavier Hubert-Brierrein in seinem Video von 2014, in dem ein Schimpansen-Baby – nach anfänglichem Erschrecken und Festklammern an die Affenmama – nach und nach zu verstehen beginnt, dass der vermeintliche Doppelgänger im Spiegel es selber ist. Der Keim eines Ich-Bewusstseins, eines Sich-von-der-Welt-Unterscheidens.

Zu den historischen Kuriosa in der Ausstellung zählt der erste Fernseher von Telefunken aus dem Jahr 1937. Um Fernzusehen musste man den mit einem Spiegel verkleideten Deckel des Möbelstücks hochklappen und um 45 Grad kippen. Ebenso ausgestellt ist eine Umkehrbrille von 2015, die auf ein Experiment des Psychologen George Stratton aus den 1890ern basiert. Er fertigte bereits damals eine Brille an, die das Bild um 180 Grad drehte und setzte diese acht Tage lang auf, bis sich sein Sehvermögen anpasste. In der Ausstellung darf der Besucher selber experimentieren, inwiefern sich seine Wahrnehmung der Down Under-Situation anpasst.

Es ist eine großartige, intelligente, ästhetisch ansprechende wie verspielte Ausstellung, die nicht zuletzt das Gehirn des Besuchers intensiv in Bewegung hält. Kunst und Wissenschaft scheinen Hand in Hand zu gehen, einander zuzuspielen, sich zu beflügeln. Andrew Wold, wissenschaftlicher Berater von Mirror Images, wundert das keineswegs: „Wissenschaft benötigt genauso künstlerische Inspiration, wie Kunst technischer Präzision und Genauigkeit bedarf. Kunst und Wissenschaft sind zwei Möglichkeiten, bestehende Grenzen zu hinterfragen und zu durchbrechen“.

Im Treppenhaus stößt man auf eines der Plakate, das Adib Fricke mit der Replik seines Gehirns abbildet. Nein, noch scheint der Mensch das Rätsel seines Denkens nicht ergründet zu haben. Wer weiß, vielleicht ist es gut so.

13. November 2015 – 3. April 2016

MIRROR IMAGES
Spiegelbilder in Kunst und Medizin

Vito Acconci, William Anastasi, Christian Andersson, John Baldessari, Attila Csörgõ, Marta Dell´Angelo, Annika Eriksson, Thomas Florschuetz, Adib Fricke, Hreinn Friðfinnsson, Dan Graham, Sabina Grasso, Carla Guagliardi, Dalibor Martinis, Jorge Macchi, Bjørn Melhus, Richard Rigg, Otavio Schipper/Sergio Krakowski

Berliner Medizinhistorisches Museum der Charité
Charitéplatz 1
10117 Berlin, Geländeadresse: Virchowweg 16)

13.11.2015 - 23.01.2016

SMOKING MIRROR & MIRROR IMAGES – SPIEGELBILDER IN KUNST UND MEDIZIN
Otavio Schipper, Sergio Krakowski

Schering Stiftung
Unter den Linden 32-34
10117 Berlin
scheringstiftung.de/

Inge Pett

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