(Einspieldatum: 12.02.2016)

Von Hier zu Mir im Bulgarischen Kulturinstitut Berlin


bilder

Boriana Pertchinska
Weg von sich Selbst, 2015, Zeichnung (linke Bildhälfte) und Malerei (rechte Bildhälfte),, 100×140cm
©Boriana Pertchinska

Irgendetwas stört. Doch was? Auf den ersten Blick wirkt das sepiafarbene Porträt „Bethina“ (Acryl auf Leinwand) stimmig. Bei genauerem Hinschauen stellen sich hingegen Irritationen ein. Der Mund hat einen Zug von Bitterkeit. Oder doch Ironie? Oder Entschlossenheit? Die Augen sind leicht versetzt, so als hätte sich die Perspektive verschoben. Einen ähnlich ambivalenten Ausdruck zeigt das Gesicht des Soziologen, Schriftstellers, Malers und Bildhauers Urs Jaeggi. Heiter oder grüblerisch? Beides ist möglich.


Jovan Balov
Bethina, 2015, Acryl on Canvas, 85×95cm
©Jovan Balov

Der aus Mazedonien stammende Künstler Jovan Balov klärt auf: Als Vorlage für ein Gemälde nehme er stets vier bis fünf Fotos einer Person – ausschließlich von Freunden - und lege diese zusammen. „So ergibt sich ein kompaktes Bild einer Persönlichkeit.“
Balov ist zugleich Kurator der Ausstellung „Von Hier zu Mir. Acht Künstler zwischen Berlin und Balkan“, die bis zum 12. Februar im Bulgarischen Kulturinstitut in Mitte zu sehen ist. Auffällig ist, dass „Hier“ und „Mir“ in kapitalen Lettern geschrieben sind.

Der 1965 in Sarajevo geborene Fotograf Nino Nihad Puschija lebt seit dem Jugoslawienkrieg in Berlin. Das ihn beherrschende Thema ist das Schicksal der Roma. „Pusija Izeta und Majkl“ aus der Serie „Duldung“ zeigt eine Frau, die stolz ihr Baby präsentiert. Vor dem Hintergrund eines Wandteppichs scheint dieses in einer Gloriole zu schweben. Eine weitere Arbeit ist das feine, sensible Gesicht eines jungen Romamannes. Jenseits aller Stereotypen hat Puschija dessen Porträt festgehalten – und in einen goldenen Rahmen gestellt.


Laurie Georgopoulos
Identity, 2013, Fotografie, 40×50cm
©Laurie Georgopoulos

„Weg von sich selbst“, so der Titel eines Diptychons der Bulgarin Boriana Pertchinska, die wie alle in der Ausstellung repräsentierten Künstler in Berlin lebt und ihre Identität im Spannungsfeld der Kulturen reflektiert. Um eine eigene Handschrift zu entwickeln, nutzt sie die Techniken der Alten Meister, erzeugt eine „symbolische Patina“. Zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit führt sie eine scheinbar wissenschaftliche Selbstanalyse durch und zeichnet ein Geflecht von Beziehungen. Sie geht somit den Schritt zurück, der nötig ist, um sich selbst zu erkennen.

Die Griechin Laurie Georgopoulos, deren Schwerpunkt auf sozialen Themen liegt, hat für ihre Fotoserie ein Frauengefängnis aufgesucht. Im feenartigen weißen Sommerkleid wandelt sie über Gefängnisflure oder erscheint in den tristen Zellen.

Raffiniert sind die Fotografien von Semra Sevin, die in einem interkulturellen Haushalt in Deutschland aufgewachsen ist, vier Sprachen spricht und in verschiedenen Ländern gelebt hat. In der Ausstellung sind Reflexionen der Städte Istanbul, Paris und Berlin zu sehen. Mithilfe der Kamera spiegelt Sevin die Stadtansichten, ohne diese später digital zu bearbeiten. Es entstehen vielschichtige, befremdende Ansichten, wahrgenommen durch ein „Prisma der Identitäten“: „Die Wirklichkeit ist divers“, so das Credo der Deutsch-Türkin, „abhängig von der Perspektive und der Reflexion, vom Hintergrund und der Erfahrung des Betrachtenden“.


Tijana Titin
Lifeboat, 2015, Öl auf Leinwand, 30×40cm
©Tijana Titin

Die serbische Malerin Tijana Titin wiederum schafft in ihren pastosen Gemälden Traumlandschaften und nutzt dazu kunsthistorische Zitate, so etwa Elemente des Rokoko oder die Seerosen Monets. Während Ben Kamili, ein Schüler Klaus Fußmanns, pastose, nahezu haptische Elblandschaften zwischen Abstraktion und Realitätsdarstellung entstehen lässt, bildet der kroatische Malert Lovro Artukovic auf seinen monumentalen Leinwänden Freunde ab – die hyperrealistische Art der Darstellung erinnert an Lucian Freud oder Eric Fischl. Eine anmutige Badende und eine elegante Dame mit Hut rahmen dabei das Porträt eines muskulösen, tätowierten Mannes in Jogginghose.

Zwischen dem Balkan und Berlin - Jovan Balov ist es gelungen, ein Kaleidoskop zeitgenössischer Positionen zusammenzustellen - so vielfältig wie die Lebenslinien, Herkunftsorte und Motivationen der Künstler. „Es entsteht ein Raum, der durch die Distanz zum Heimatland entsteht und von jedem Künstler individuell definiert wird“, so der Kurator. Ein „dritter Raum“, wie ihn der Soziologe Homi K. Bhabha definiert. Ein hybrider Raum zwischen den Kulturen, in dem Neues entstehen kann.

Eröffnung: 08. Januar 2016, 19 Uhr
Finissage : 12. Februar 2016, 19 Uhr

Bulgarisches Kulturinstitut Berlin
Leipziger Str. 114
10117 Berlin

Inge Pett

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Heute letzter Ausstellungstag / Finissage 19 Uhr. Für die, die die Ausstellung nicht sehen können, aber gerne sehen würden, hier unsere Ausstellungsbesprechung:

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