(Einspieldatum: 05.02.2016)

Die Einzigartigen


bilder

Louise Fishman
ShortStop, 2007
Öl auf Jute
ca. 153 x 127 cm
Foto: Wolfgang Selbach


Die Ausstellung im Projektraum cavuspace beginnt mit einer Frage und sie endet mit einer Frage. ´Was ist ein Bild?` geben zwei kleinformatige schwarze Arbeiten dem Besucher zu denken. Was ist ein Gegenstand? Was ein Motiv?

In jeder Hinsicht aus dem Rahmen fallend ist eine braunschwarze Lackarbeit der Amerikanerin Louise Fishman aus dem Jahr 1971. Die Künstlerin hatte eine Leinwand vertikal zerschnitten, mit Stichen neu zusammengefügt, um sie dann mit Nieten zu durchdringen. Auf dem Höhepunkt der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung thematisierte die Feministin damit traditionell Frauen zugeschriebenen Tätigkeiten wie das Nähen und die Arbeit in einem Sweat Shop. Das Werk ohne Rahmen fordert auch formal das Medium der Malerei heraus.

Gegenüber der frühen Arbeit Fishmans hängt eine Papierarbeit der 1974 in Rumänien geborenen Marieta Chirulescu. Die in Berlin lebende Künstlerin hat zwei nahezu schwarze Fotokopien eines Rasters auf eine grundierte Leinwand geklebt. Ein radikaler Akt der Reduktion, den Bertold Mathes „Annäherung an den Nullpunkt“ nennt.

Mathes ist verantwortlich für die Ausstellung „How to be unique“, die außer im cavuspace auch in der Kienzle Art Foundation in Berlin-Charlottenburg stattfindet und Werke der Kienzle - Sammlung zeigt.

Während in der Kienzle Art Foundation der Schwerpunkt eher auf der Malerei liegt, geht es im Schöneberger Projektraum vor allem um den Bezug der Malerei zu anderen Medien, wobei die Grenzen der Ausstellungssegmente fließend sind.

„Der Rahmen erhält die Illusion. Der edle Schein blendet den Betrachter“, prangt in bunten Lettern auf der großformatigen Arbeit von Alfred Müller. Im Gegensatz zu Fishman misst er dem Rahmen eine besondere Bedeutung bei. Es ist der beschriebene Rahmen, der hier die Aufmerksamkeit auf sich zieht, nicht die Leinwand, auf die Müller „INTERNAT“ aufgemalt und silbern übersprüht hat. Voller Sarkasmus bezieht sich Müller damit auf die Praktiken des internationalen Kunstmarktes, bei dem die Vermarktung den Inhalt der Kunst nicht selten in den Schatten stellt.

Der Franzose François Chabrillat wiederum nutzt die Geschichten aus dem „Struwwelpeter“, um das Medium des Kunstkataloges zu hinterfragen und fügt dazu auf einem gestalteten Hintergrund Inserts in den Text ein, die in ihrer Anordnung dem Katalog gleichen. Er führt den Katalog damit in das Bild zurück.


Jonathan Lasker
How to Be Unique, 1993
Öl auf Leinwand
76 x 101 cm
Foto: Wolfgang Selbach


Codes begegnen dem Besucher auch in der farbintensiven Malerei Jonathan Laskers: „Meine Kritzeleien sind intuitive, unterbewusste und automatische Setzungen, die in sehr bewusste Kompositionen umgesetzt werden. In meiner Malerei trifft das Bewusste auf das Unterbewusste“, so der Künstler. Rein konzeptuell hingegen geht Klaus Merkel in seinem „Katalogbild“ vor, indem er eine Serie eigener Gemälde aus einer früheren Ausstellung in einem Bild zusammenfasst. Die Abbildungen der Bilder werden zum eigenen Bild.

Über die Lithographien Franz Erhard Walthers, Jack Wittens Rasterbild „Double Dutch“ (übersetzbar in etwa mit „Kauderwelsch“) sowie ein Ensemble, in dem Anna Oppermann konzeptuelle mit bildnerischen Arbeitsweisen kombiniert hat, geht es im hinteren Galerieraum zu dem kleinen Bild „Marienburg“ der Italienerin Ketty La Rocca. Auf den ersten Blick unscheinbar, ist es dennoch ein programmatisches Schlüsselwerk, markiert einen Punkt, an dem in der Ausstellung eine Kehrtwendung einsetzt. Vom Foto ausgehend kommt La Rocca über die Sprache zur abstrakten Zeichnung. So hat die Künstlerin den ehemaligen Sitz des Deutschritterordens in Polen dreimal untereinander gestellt. Einem Zeitungsfoto folgt eine gezeichnete Reproduktion der Marienburg, wobei jedoch die Umrisslinien durch geschriebene Sätze ersetzt sind, und schließlich eine gezeichnete Version.

„Ich möchte keine Rechnung für mein Leben“, schreibt die 1976 an einem Gehirntumor verstorbene Künstlerin in einer anderen Text-Bild-Arbeit. „Ich möchte keine Ruhe“. Eindrucksvoll vor diesem Hintergrund auch die Fotografien ihrer oft zur Faust geballten, beschriebenen Hände. Eine Art Gebärdensprache mit Graffiti-Message, die den Betrachter direkt anspricht. „You“ hat La Rocca sich auf die Haut geschrieben. So macht sie sich selbst zum Bildträger und Thema im Medium ihrer Fotografie.

In der Ausstellung werden nahezu alle künstlerischen Genres gezeigt. Und oft changieren sie. So lässt sich die dramatische Fotoserie „The Violent Tapes“ von David Lamelas wie ein Film lesen, den der Betrachter konstruieren kann. Eine konsequente Handlung ist nicht gegeben.


Jack Goldstein
o.T, 1982
Acryl auf Leinwand
239 x 182 cm
Foto: Wolfgang Selbach


HOW TO BE UNIQUE? Wie ist man einzigartig? Den Titel hat die Ausstellung einem Werk von Jonathan Lasker aus dem Jahr 1993 entliehen. Und was passiert, wenn 32 einzigartige Künstler von beiden Seiten des Atlantiks aufeinandertreffen? In den großzügigen Galerieräumen der Kienzle Art Foundation explodieren die Farben und Formen, gehen ein Feuerwerk der Beziehungen, Reflexionen, Codes und Abgrenzungen ein. Es sind vor allem die Bilder von Klaus Merkel und Bertold Mathes, die den Missing Link zur Ausstellung bei cavuspace bilden – und umgekehrt.

Jochen Kienzle und seine Art Foundation haben sich von Trendaussagen nie beirren lassen, sondern beharrlich und programmatisch Künstler verschiedener Generationen gesammelt, die materiell, medienübergreifend und inhaltlich miteinander korrespondieren.

Demnächst zieht eine Auswahl der Kienzle Art Foundation als Dauerleihgabe ins Kunstmuseum Liechtenstein in Vaduz ein. Friedemann Malsch, Direktor des Museums, wird ebenso zur Eröffnung der Ausstellung sprechen, wie S. E. John Emerson, Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in Berlin, und S. E. Prinz Stefan von und zu Liechtenstein, Botschafter von Liechtenstein in Berlin. Auch zahlreiche der internationalen Künstler werden anwesend sein.

Und wie fühlt sich der Sammler dabei, dass viele seiner in „How to be unique“ ausgestellten Arbeiten bald auf Reisen gehen? „Ambivalent“, gibt Jochen Kienzle zu: „Ich bin zum einen sehr stolz, aber es tut auch weh, wenn die Kinder das Haus verlassen.“

Ausstellung: 06.02. – 01.05.2016

Ausstellungsorte:
Kienzle Art Foundation, Bleibtreustr. 54 10623 Berlin
news.kienzleartfoundation.de/
und
cavuspace, Eisenacher Str. 57, 10823 Berlin
cavuspace.com/

Inge Pett

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