(Einspieldatum: 05.07.2016)

“Wir Künstler sollten alle aufstehen und Lärm machen“ - Julian Rosefeldt im Hamburger Bahnhof


Julian Rosefeldt

Julian Rosefeldt: Manifesto, 2014/2015. © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Auf der letzten Berlinale 2015 lief sie als die böse Stiefmutter von „Cinderella“ über den Roten Teppich. In diesem Jahr sieht man Cate Blanchett gleich zwölfffach in Berlin: Auf gleichzeitig dreizehn Bildschirmen der Installation „Manifesto“ des deutschen Künstlers Julian Rosefeldt rezitiert die australische Schauspielerin im Hamburger Bahnhof Manifeste des 20. Jahrhunderts aus den Bereichen Kunst, Film und Theater.

Dabei schlüpft sie in grundverschiedene Charaktere und demonstriert einmal mehr ihre Wandlungsfähigkeit. Als mal apathischer, mal wütend vor sich her schimpfender Obdachloser auf dem Teufelsberg etwa, als angepummelte Fabrikarbeiterin oder als fromme bürgerliche Mutter im trauten Heim.

Ob Tischgebet, Live-Schaltung im Fernsehstudio oder Grabrede – Rosefeldt lässt alltäglich anmutende Szenerien mutieren und miteinander korrespondieren. Die voneinander unabhängig laufenden Videos sind so synchronisiert, dass sie in jedem Loop für wenige Minuten wie ein Chor zusammenklingen, um sich dann wieder zu zerstreuen.

Bei den Texten, die Blanchett spricht, handelt es sich um Manifeste. Aus diesen wählt Rosefeldt Fragmente aus und kombiniert sie mit den Texten anderer Theoretiker zu „Meta-Manifesten“, die bestimmten Themen zugeordnet sind, etwa Surrealismus, Dadaismus, Architektur Pop Art oder Fluxus.
Die Texte werden von Blanchett nicht einfach nur rezitiert. Nein, sie katapultiert sie regelrecht ins Leben, brüllt sie, flüstert sie, singt sie, betet sie, moderiert sie.

Julian Rosefeldt
Julian Rosefeldt: Manifesto, 2014/2015. © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

„Sie haben diese unglaubliche Energie, diesen Enthusiasmus, den Wunsch die ganze Welt durch zu Kunst zu ändern“, schwärmt der 1965 in München geborene Rosefeldt. „Ich habe mich in jedes dieser Manifeste verliebt“. Alle seien von jungen Menschen geschrieben worden, die – gerade aus dem Elternhaus ausgezogen – ihren Stand in der Welt auszuloten versuchten.

Doch was passiert mit diesen Texten zumeist junger Männer, wenn sie auf die Welt treffen? Es ist kein Zufall, dass Rosefeldt eine Frau mittleren Alters gewählt hat, um der Frage – „befreit von der Last der Kunstgeschichte“ - spielerisch nachzugehen. Im „Ideen-Ping Pong“ mit Cate Blanchett, mit der er befreundet ist, seit sie eine Ausstellung von ihm in New York besuchte, habe er die diversen weiblichen Rollen ausgefeilt.

So etwa die der Nachrichtensprecherin, die gemeinsam mit einer bei strömendem Regen zugeschalteten Außenreporterin – ebenfalls von Blanchett gespielt - Texte von Sol LeWitt, Elaine Sturtevant und Adrian Piper austauscht. Für denjenigen, der nur dem Klang, aber nicht dem Inhalt des Gesprochenen lauscht, könnte es sich streckenweise um eine konventionelle Nachrichtensendung der großen Sender handeln.

Alle Kurzfilme wurden in Berlin gedreht, wobei das Zeitfenster äußerst knapp war. Umso mehr lobt Rosefeldt die Professionalität der Schauspielerin, ihre Hingabe, Bescheidenheit und Neugierde. „Sie ist eine Rechercheurin, sie möchte alles über die Conditio Humana herausfinden.“ Mit Blanchett besuchte der studierte Architekt besondere Orte: So das „Gürteltier“ in der Fasanenstraße, die ehemalige Abhörstation auf dem Teufelsberg oder den zur Börse umfunktionierten Gebrüder Grimm-Lesesaal der Universitätsbibliothek in Mitte. Von stiller Poesie sind die Passagen, die durch die Stadt führen – so der Weg der Arbeiterin auf einem Mofa zu ihrem Arbeitsplatz in einer Müllverbrennungsanlage. Es ist ein ästhetisch geübter Blick, der die Kulissen und Rückseiten der Stadt Berlin zu nutzen weiß.

Bei allen der ca. zehnminütigen Filme berühren Wort und Bilder einander, so etwa in der Szene der Trauerrednerin, die Texte der Dadaisten vorträgt: „Man stirbt als Held oder als Idiot – es ist dasselbe“. Oder bei der großartig gespielten Puppenmacherin, die im Surrealismus-Film verkündet, die Existenz sei woanders. Während sie dabei eine kleine Cate schafft, ihr den aus Stroh gefertigten Kopf zurechtrückt, diesen dann mit einer Nadel fixiert, um die Wollmütze über das Haar zu stülpen.

Julian Rosefeldt
Julian Rosefeldt: Manifesto, 2014/2015. © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Was von den großen Manifesten bleibt in unseren Köpfen, so fragt man sich, wenn man diese Szenen sieht. Einst und heute und morgen. Berührt die Kunst das Leben? Zumindest ist es das, was Rosefeldt erhofft, zumal die Politik immer „talk-showiger“ werde und sich dem Show Business angleiche: “Wir Künstler sollten alle aufstehen und Lärm machen und Teil der politischen Diskussion werden, auch außerhalb des Kontextes von Erziehung und Kultur und des Gefängnisses des White Cube“. Rosefeldt verweist auf das Gefühl des Künstlers für die Zeit und die Zukunft: „Künstler hören wahrscheinlich mehr auf andere“.

„Wir haben eine Rolle, nicht nur beim Kunstpublikum“, fährt er fort und geht damit d’accord mit dem Anspruch der Berlinale. „Was immer auch ein Künstler zu sagen hat, es muss gehört werden“. Apropos: In diesen Stunden trifft George Clooney auf Angela Merkel und den früheren britischen Außenminister David Miliband …

Ausstellungsdauer: 10.2. – 18.9.2016

Öffnungszeiten
Mo geschlossen
Di 10:00 - 18:00 Uhr
Mi 10:00 - 18:00 Uhr
Do 10:00 - 20:00 Uhr
Fr 10:00 - 18:00 Uhr
Sa 11:00 - 18:00 Uhr
So 11:00 - 18:00 Uhr

Hamburger Bahnhof
Museum für Gegenwart – Berlin
Invalidenstraße 50-51
10557 Berlin

Inge Pett

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Daten zu Julian Rosefeldt:


- fast forward2 - ZKM, Karlsruhe
- Max Wigram Gallery
- MoMA Collection
- Montevideo Biennale 2013
- Sammlung Deutsche Bank, Frankfurt
- Sammlung DZ Bank, Frankfurt
- Thyssen-Bornemisza Art Contemporary,Wien

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Bis zum 18. September 2016 verlängert. Und hier unsere Ausstellungsbesprechung: ...

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