(Einspieldatum: 19.03.2016)

Kein Tag ohne Linie - SATELLITE BERLIN


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Ausstellungsansicht mit Beiträgen von Jonathan Turner (Kurator und Kunstkritiker), Tamar Yoseloff (Dichterin), Satyan Devadoss (Mathematiker), Björn Hegarth (Künstler und Verleger), Thora Dolden Balke (Künstlerin und Kuratorin), Courtesy SATELLITE BERLIN

Der im Vorbeigehen erhaschte Satz auf der Straße oder im Geschäft, das Tattoo auf dem Rücken einer Frau, der liebeskranke Fremde in der U-Bahn. Es sind diese flüchtigen Momente, die die Songwriterin und Performerin Carrie Beehan inspirieren und die sie abends in ihrem New Yorker Appartement verarbeitet. Auf dem Küchenboden sitzend, mit einem Glas „nicht-amerikanischen“ Wein.

Für den Berliner Production Designer Thomas Stammer ist es der „ABRAUM“, ein mit zerrissenen Notizen überquellender Papierkorb, der die Voraussetzung schafft, der Kreativität freien Raum zu geben: „Auf der Asche der Gedanken wachsen die Visionen“. ABRAUM sei zudem eines seiner Lieblingsworte und ein Text, an dem er schon seit 20 Jahren arbeite.

Wie hält man die Verbindung zu seinem kreativen Selbst? Die SATELLITE BERLIN - Art in Collaboration hat „Künstler/innen, Wissenschaftler/innen und andere agile Denker/innen“ dazu eingeladen, im Rahmen einer Ausstellung ihre persönlichen Methoden und Rituale vorzustellen. „Dabei war das Ergebnis vollkommen offen, wir wussten nicht, was uns erwartet.“ Kit Schulte ist Gründerin der Non-Profit-Organisation, die es sich als Ziel gesetzt hat, Kunst und Wissenschaft zusammenzubringen. „Die Beiträge verbinden und überschneiden sich visuell und werden zu einer Installation, die in der Fülle der vielen anwesenden Stimmen die Vielfalt jener Stille widerspiegelt, die Ursprung des kreativen Schaffens ist.“

Den Ausstellungstitel „Nulla Dies Sine Linea“ bezieht Schulte auf einen Ausspruch Plinius des Älteren, den dieser wiederum dem griechischen Maler Apelles zugeschrieben haben soll: Apelles verbrachte keinen Tag ohne künstlerisch tätig zu sein: „Kein Tag ohne Linie“.


Ausstellungsansicht: Lorenzo Rocha (Architekt), Thomas Stammer (Production Designer), Sue Denham (Neurowissenschaftlerin), Owen Schuh (Künstler), Courtesy SATELLITE BERLIN

Während es bei der Berliner Künstlerin Katrin von Lehmann die Meditationsübungen des Qi Gong sind, die es ihr ermöglichen, in „eine konzentrierte Leere“ einzutauchen, ist für Veronike Hinsberg ein Blumenstrauß als Quelle der Inspiration unerlässlich. Natürlich darf dieser auch in der Ausstellung nicht fehlen.

Tom Chamberlain aus Mexico City kann ohne das Radio nicht arbeiten, was er mit David Bowies Songzeile „Drifting into my solitude, over my head“ bekräftigt, wohingegen Werner Linster es mit Apelles hält: „Meine diarischen Zeichnungen sind schnell am Morgen hingeworfene ´doodles`, ein erstes Spiel meiner Arbeitsmuskeln, Konzentrationen meiner Interessen, meiner Gedanken.“ Vier Seiten Proust sind die Grundlage mit der Neil Gall in London den Tag im Atelier startet.

Ihren „optimalen Tag“ hat die Berliner Künstlerin Jorinde Voigt, wenn sie beispielsweise E-Mails und Post getrost ignorieren und morgens wie abends je fünf Minuten baden kann.

Zwei große Installationen sind es, die den unteren der beiden Galerieräume ästhetisch bestimmen. Für den in Rom lebenden Kurator und Kunstkritiker Jonathan Turner sind das Kochen und das Schreiben untrennbar verlinkt – davon zeugt sein Aufgebot an frischem Gemüse, das in einem Korb von der Decke baumelt. Der tägliche Gang zum Fruchtmarkt auf der Piazza di San Cosmiato in Trastevere gehöre für ihn zum Ritual, wobei er stets bei „Bruno, Virginia und Fabio“ kaufe. „Der beinahe instinktive Akt der Basiseinkäufe und das Kochen – nicht selten für Freunde - bereite den Stimulus, um sich dann in den ´eher asozialen Akt des Tunnelblickes` zu begeben: „Die Auswahl der Zutaten und der Kochmethode bringen mich oft in eine bestimmte Schreiblaune“.


Saul Fletcher, "Cock Sucker Blues", 2016, 2-teilig, Mischtechnik, ca 135 x 35 x 95 cm, Courtesy SATELLITE BERLIN

Hingegen zeugt der Altar, den der Künstler Saul Fletcher im Eingangsbereich errichtet hat, von der Hoffnung, sich durch Kreativität von einem Albtraum zu befreien: „Bedauerlicherweise gehört es zu meinen täglichen Ritualen, mich an den sexuellen Missbrauch zu erinnern, den ich mit zwölf Jahren erlebte.“ Seit nunmehr 32 Jahren durchlebe er diesen Moment in jeder ´shitty bar`: „Vielleicht hilft der Altar, endlich damit abzuschließen.“

„Nulla Dies Sine Linea“ ist noch bis zum 19. März im Satellite Berlin am Kreuzberger Ufer der Spree zu sehen.

SATELLITE BERLIN
Wilhelmine-Gemberg-Weg 12
10179 Berlin
satelliteberlin.org
+49 (0)30.92036614

Mi–Fr 11–18, Sa 12–16 Uhr
und nach Vereinbarung

Inge Pett

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