(Einspieldatum: 03.03.2016)

Die Kunst des Händeschüttelns. Eine neue Ausstellung bei Art Laboratory Berlin


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Links:François-Joseph Lapointe, Microbiome selfie, 2014 Mitte & rechts: Saša Spacal, Mirjan Švagelj, Anil Podgornik Mycophone Unison, Responsive Installation: Elektronic, Klang, und biologische Materialen, 2013; Petri dish, Installation Detail 2013

Wer bitte kommt auf die Idee, freiwillig hintereinander 1000 Hände zu schütteln? Und das dazu im Berliner Winter, wo die Infektionsgefahr besonders groß ist. François-Joseph Lapointe lacht. Ein Video von Barack Obama, in dem der Präsident 1000 Graduierte der U.S. Military Academy in West Point, N.Y, zu ihrem Abschluss beglückwünscht, habe ihn spontan zu dieser Aktion inspiriert. „I´m gonna do it“, so der spontane Beschluss des Kanadiers. Sagte es und tat`s.

Von Hause aus ist Lapointe Biologe. Doch da das Leben für ihn nicht nur aus Naturwissenschaften besteht, fügte er seinem Studium einen Ph.D in Tanz hinzu. „Ich setze meine biologische Forschung mit Performance-Kunst in Verbindung“, erklärt Lapointe diese ungewöhnliche Kombination. Ein virulenter, außergewöhnlicher Ansatz und ebenso virulent und außergewöhnlich das Ergebnis.

Nach Stationen in Montreal, San Francisco und Perth war im Januar auch Berlin an der Reihe. Lapointe wählte die Eröffnungsnacht der transmediale 2016 im Haus der Kulturen der Welt, um die Hände von 1000 Berlinern zu schütteln. Zu Beginn der Performance desinfizierte er sich seine Handinnenfläche: „Das funktioniert niemals hundertprozentig“, verrät er. „Denn selbst nach dem Desinfizieren verblieben noch ca. 60 nachweisbare Spezies auf der Handfläche.“
„Hi, Du bist die Nummer 66 oder 330“, stellte er sich den Vernissage-Besuchern vor. Nach jeweils 50 geschüttelten Händen erfolgte dann ein Abstrich der "vernetzten Bakterienkulturen".

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1000 Handshakes von François-Joseph Lapointe

Ein solches „Microbiome Selfie“ seiner Handinnenfläche sowie die Ergebnisse des mikrobiellen Verlaufs mit dem Mikrobiom anderer sind derzeit in der in dem Projektraum Art Laboratory Berlin im Wedding zu sehen. Zwischen Kompression und Ausdehnung changierend hat Lapointe mit Hilfe eines Digitalprogramms Momentaufnahmen der dynamischen Prozesse ausgewählt, „losgelöst von allen wissenschaftlichen Informationen“. Somit werden die wissenschaftlichen Auswertungen zu ästhetischen Kleinoden in 21 Farben, entstanden an der Schnittstelle zwischen Kunst und Wissenschaft.

Diese Schnittstelle ist es, die die Kuratoren Regine Rapp und Christian de Lutz von Art Laboratory Berlin immer wieder fasziniert. Die Gruppenausstellung „The Other Selves. On the Phenomenon of the Microbiome“ ist der Auftakt der neuen Reihe “Nonhuman Subjectivies“. Das Phänomen des Mikrobioms wirft grundlegende Fragen über die Identität des Menschen und die Beziehungen zu unseren multiplen Entitäten auf.

Während das junge Kunst-Wissenschafts-Design Team von Saša Spacal, Mirjan Švagelj und Anil Podgornik in ihrer Installation Mycophone-unison eine auditive Landkarte der Interaktionen ihrer eigenen Mikrobiome und der Besucher erschaffen hat, zeigt Joana Ricou zwei Porträtserien: die „Other-self Portraits“, ein Gemisch von Kulturen ihres eigenen Körpers, und „Non-self Portraits“, ein Gemisch von umgebenden Kulturen.

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1000 Handshakes von François-Joseph Lapointe

Ins Viktorianische Zeitalter wiederum entführt die Australierin Tarsh Bates den Besucher mit ihrer Arbeit „Surface dynamics of adhesion“, die Teil eines feministischen Projektes ist. Hinter einem bordeauxroten Sofa befindet sich ein farblich harmonierender Plexiglasrahmen. Doch der Inhalt, der in seiner Struktur an beflockte Tapeten aus dem 19. Jahrhundert erinnert, setzt sich aus Blut der Künstlerin zusammen, dem ein Candida hinzugefügt wurde.

Die zwei völlig unterschiedlichen Organismen gehen eine visuell reizvolle Interaktion ein. Darüber hinaus sprechen sie auch die Frage nach unserer unbewussten Beziehung zu Candida an, zumal der Hefepilz immer gegenwärtig sei und „eine Party in uns feiert“. Eine sozialgeschichtliche Auseinandersetzung mit dem Scheidenpilz, der übrigens auch im Viktorianischen Zeitalter entdeckt wurde, gebe es noch nicht, bedauert Bates. Als Doktorandin im Labor für künstlerische Produktion, School of Pathology and Laboratory Medicine der Univertsity of Western Australia, hat sie sich umgehend mit dem Candida auseinandergesetzt. Eine weitere Arbeit, deren Titel sich auf die Terminologie Martin Heideggers bezieht, „Ereignis, Gelassenheit und Lichtung: A love story“, zeigt im Zeitraffer-Modus Candida albicans, das sich mit einem von der Künstlerin stammenden Serum vermischt.

Es ist vor allem eine Frage, die Bates sowie die anderen Künstler in der Ausstellung umtreibt: „Was bedeutet es, Mensch zu sein, wenn unser Körper mit mehr als einer Billion Zellen ausgestattet ist, von denen doch nur die Hälfte menschlicher Natur sind?“

Ausstellungsdauer: 27. Februar – 30. April, 2016

Art Laboratory Berlin
Prinzenallee 34
13359 Berlin
+49/(0)152 0599 8318
artlaboratory-berlin.org

Während der laufenden Ausstellung Fr-So 14-18 Uhr geöffnet.

Inge Pett

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