Berlin Daily 16.09.2019
Elektra. Fulldome-Video mit Sound von Metahaven

11:00–15:00 & 16:00–21:00: ein visueller Essay über Knoten und Netze. Im Rahmen der Programmreihe Immersion
Mariannenplatz, 10997 Berlin

(Einspieldatum: 20.04.2016)

Zwiebelblumen - Chronik eines Ortes – kulturelle Bildung für Menschen aus Flüchtlingsunterkünften

bilder

Foto / Copyright Jenny Brockmann

„Make it happy today“. Sharmila (alle Namen von der Redaktion geändert) weiß nicht, welch lebensfrohes Motto da auf ihrem T-Shirt geschrieben steht. Aber als sie die Übersetzung des Slogans auf Farsi hört, strahlt sie übers ganze Gesicht. Vor einigen Monaten erst ist die Iranerin nach Berlin gekommen und lebt seitdem im Flüchtlingswohnheim im ehemaligen Rathaus Wilmersdorf.

Sharmila ist eine der Teilnehmerinnen des einwöchigen Projektes „Chronik eines Ortes – kulturelle Bildung für Menschen aus Flüchtlingsunterkünften“ (18.-22.04.16), initiiert von der Berliner Künstlerin Jenny Brockmann. Der Montag begann bereits mit einem Ausflug in den Botanischen Garten in Dahlem, wo jede der Frauen sich eine Pflanze ausgesucht und diese abgezeichnet hat.

Eine große Hürde für die 54-jährige Leila aus Afghanistan, denn in Deutschland hat die Mutter von neun Kindern das erste Mal in ihrem Leben einen Stift in der Hand gehalten. Thea, die pensionierte Lehrerin, die ehrenamtlich den Alphabetisierungskurs am Fehrbelliner Platz betreut, berichtet von Leilas anfänglichen Schwierigkeiten. Nicht nur habe diese bislang weder lesen noch schreiben können, auch habe sie sich an die entgegengesetzte Schreibrichtung im Deutschen gewöhnen müssen. Derzeit sei der Kurs beim Buchstaben „W“ angekommen, den Leila dann im Übereifer oft in ein „M“ umwandele.

Werkabbildung
Foto / Copyright Jenny Brockmann

Um abstraktes Denken geht es auch in dem Kunstprojekt, denn am zweiten Tag, dem Dienstag, zeichnen die Frauen Vorlagen ihrer Blumen für Schablonen, deren Motive sie am Donnerstag auf Stromkästen des Sponsors Stromnetz GmbH in der Nachbarschaft der Unterkunft aufsprühen werden.

Leilas Scheu vor dem Stift ist offenbar gewichen. Sichtbar stolz zeichnet sie die Konturen ihrer stimmig proportionierten Blume auf die Pappe an der Wand, auf die Jenny Brockmann Bilder projiziert.

Eine rosa Lilie hat eine Iranerin gewählt, eine Zwiebelpflanze eine Afghanin. Die Frauen stimmen überein, dass der Besuch im Botanischen Garten ihr bislang schönstes Erlebnis seit der Flucht gewesen sei. „Sie haben von den Landschaften ihrer Heimat berichtet, von ihren Gärten, von Nutz- und Zierpflanzen“, erklärt Jenny Brockmann. Nur eine junge Frau, die die Ermordung der eigenen Eltern miterleben musste, schaut apathisch vor sich hin. „Sie ist noch nicht ganz angekommen“, erklärt die Übersetzerin. Und dennoch fühlt man, dass es gut für die Afghanin ist, Teil der Gemeinschaft zu sein.

Am Mittwoch wird die Gruppe wieder einen Ausflug machen, diesmal in die Waldschule im Plänterwald mit anschließendem Picknick, am Donnerstag werden die Frauen die Stromkästen besprühen; der Kurs endet dann am Freitag mit einem Spaziergang zu den mit Blumenmotiven verzierten Kästen. Insgesamt fünf Projekte wird Brockmann dieses Jahr realisieren, drei davon in der Geflüchtetenunterkunft in Karlshorst. Sie habe sich zuvor nicht ausmalen können, auf welche Resonanz sie stoßen würde: „Alleine die Begeisterung der Frauen im Botanischen Garten rechtfertigt das gesamte Projekt“, freut sie sich. Als Künstlerin interessiere sie in erster Linie der Diskurs.

Werkabbildung
Foto / Copyright Jenny Brockmann

Kreativer „Star“ der Gruppe ist Sharmila, die ihr schweres goldenes Kreuz erst seit einigen Tagen selbstbewusst über dem T-Shirt trägt. Mit dynamischem Gestus hat sie eine gefiederte Palme gezeichnet. Mit 16 sei sie im Iran verheiratet worden und Mutter geworden, erzählt sie freimütig. Doch sie habe ihr Leben selbst in die Hand genommen, ihren Mann verlassen und einen neuen Partner gefunden, der sie fördere und der stolz auf sie sei. Zum Beispiel darauf, dass sie bald mit einem Kunststudium für Geflüchtete an der Kunsthochschule Weißensee beginnen werde. Ihr Berufsziel: „Designerin für Chanel“, lacht sie. Schon als junges Mädchen habe sie sich für Kunst, Mode und Design interessiert, in der Heimat Modekanäle verfolgt und selber Schuhe entworfen. Nun ist sie 40 geworden und endlich würden ihre Träume wahr. Der Slogan auf ihrem T-Shirt ist somit Programm: „Make it happy today“.

Inge Pett

weitere Artikel von Inge Pett

Newsletter bestellen




top

Titel zum Thema Chronik eines Ortes:

Zwiebelblumen - Chronik eines Ortes – kulturelle Bildung für Menschen aus Flüchtlingsunterkünften
Besprechung: „Make it happy today“. Sharmila (alle Namen von der Redaktion geändert) weiß nicht, welch lebensfrohes Motto da auf ihrem T-Shirt geschrieben steht. Aber als sie die Übersetzung des Slogans auf Farsi hört, strahlt sie übers ganze Gesicht.

top

zur Startseite

Anzeige
Responsive image

Anzeige
Responsive image

Anzeige
Responsive image

Anzeige
Responsive image

Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Alfred Ehrhardt Stiftung




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
ifa-Galerie Berlin




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
museum FLUXUS+




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Meinblau Projektraum




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Kommunale Galerie Berlin




Copyright © 2014 - 18, art-in-berlin.de Kunstagentur Thomessen Hartlieb-Kühn GbR.