Berlin Daily 07.06.2020
flutung - Videoarbeit

14-21h: von Neo Hülcker und Matthias Kaul
ohrenhoch | der Geräuschladen | Weichselstr. 49 | 12045 Berlin-Neukölln

(Einspieldatum: 29.07.2016)

Text verlässt Papier … Worte führen durch die Stadt

von Dr. Barbara Boreck
bilder


"Häuserzeilen" - Ein Experiment für Flanerie, 1600m Monostichon in Moabit, Courtesy Sophia Pompéry

Wenn dieser Text erscheint, wird wohl nichts mehr zu sehen sein. Ein Gedicht, als fortlaufende Linie auf Gehwege, Fahrbahnen und Straßenkreuzungen geschrieben, zieht sich durch Moabit – eine temporäre poetische Intervention. Geschrieben mit weißer Kreide, in der Nacht von Donnerstag auf Freitag letzter Woche, schwungvoll mit einem Pinsel.

„Die Spree im Rücken der Flieder am Ufer …“ So fängt die Poesie auf der Straße an, das Experiment für Flanerie der Berliner Künstlerin Sophia Pompéry und des Autors Tobias Roth. Beginnend am Bundesratufer in Höhe des Hauses Nr. 9 führt der dichterische Spaziergang von der Treppe, die vom Ufer auf die Straße folgt, über gut eineinhalb Kilometer durch den Berliner Bezirk Moabit. Vorbei an gutbürgerlichen Häusern aus der Gründerzeit, kleinen Restaurants, schönen Fassaden. Der Text zieht sich in Schreibschrift über den Bürgersteig und die Straßen, nicht ganz leicht zu lesen. Auch ist es auf den ersten Blick nicht für alle Passant_innen ersichtlich, dass es sich hier um eine Kunstaktion handelt. Viele laufen vorbei, andere registrieren die Wörter.

Vielleicht ist es ja auch nicht wichtig. „Wie verändert ein Text die räumliche Wahrnehmung?“, fragt Sophia Pompéry. Gemeinsam mit Tobias Roth legt sie eine „vergängliche Fährte“. Das Projekt Häuserzeilen, gefördert vom Bezirksamt Mitte im Rahmen der miKrOPROJEKTE, verstehen beide als Experiment. „Text entsteht auf dem Papier“, so die beiden, „aber er kann das Papier auch wieder verlassen.“



"Häuserzeilen" - Ein Experiment für Flanerie, 1600m Monostichon in Moabit, Courtesy Sophia Pompéry

Sophia Pompéry (geb. 1984) studierte an der Kunsthochschule Weißensee, war Teilnehmerin am Institut für Raumexperimente bei Olafur Eliasson. Wahrnehmungsfragen interessieren die international tätige Künstlerin, das „Brücken schlagen zwischen Philosophie und Physik“. Auch Tobias Roth (Jahrgang 1985) verbindet in seinen mehrfach ausgezeichneten literarischen Werken Sprache und kulturelle Partizipation.

„Neben Korinthischen Kapitellen hohe Fenster …“ steht so auf den Gehwegplatten, in sehr gerader Schreibschrift … und „Alle Tage vergehen einzeln …“ Von der Bochumer über die Elberfelder Straße, die Worte teilweise verdeckt durch Tische und Stühle eines Cafés. Poesie trifft auf Alltag - Alltag auf Poesie. Auch an der nächsten Ecke, der Essener Straße. Kinder pusten Seifenblasen in die Luft, sie hüpfen über die Zeilen. Weiter geht es über die Kreuzung an der Krefelder Straße, dann über die stark befahrene Turmstraße, vorbei am Rathaus und in Richtung historischer Markthalle. Hier verändert sich die Kulisse, es wird wieder ruhiger, weniger stilvolle Altbauten mit netten Cafés, dafür Eckkneipen und Änderungsschneidereien. Jetzt nach links in die Bugenhagenstraße, vorbei am Amstel House, einem ehemaligen Ledigenheim für Männer. Das denkmalsgeschützte Bauwerk in der Waldenserstraße ist heute ein Hostel. An der Ecke zur Oldenburger Straße endet die poetische Spur „…nicht mit der Spree im Rücken.“

Ein schönes Projekt, ein gelungenes Experiment. Eine „Einladung, den Moment zu ergreifen … durch ein Gedicht zu spazieren“, so Tobias Roth. Die Flanierenden können dem Text folgen, seine Buchstaben zu Wörtern zusammensetzen oder aber einfach den geschwungenen Buchstaben und Linien nachgehen.

Ein begleitendes Heft mit dem Text des Gedichtes wäre hilfreich gewesen, mit Informationen zum Kiez, den Bauten und Bewohner_innen. Aber vielleicht ist es ja gerade das Flüchtige, Unerklärte, Nicht-Vorgegebene, das uns das Flanieren, Schauen und Entdecken ermöglicht und einen neuen, eigenen Blick auf die Stadt eröffnet.

Häuserzeilen
Ein Experiment für Flanerie - 1600 Meter Poesie auf der Straße
Sophia Pompéry sophiapompery.de
Tobias Roth Tobias Roth

Dr. Barbara Boreck

weitere Artikel von Dr. Barbara Boreck

Newsletter bestellen




top

Titel zum Thema :

Corona und Öffentlicher Nahverkehr
Information: Sicherer Nahverkehr durch ein Lichtssystem namens Firefly. Entwickelt von einem Studierendenteam aus dem Fachgebiet Produkt-Design der weißensee kunsthochschule berlin und dem Institut für Informatik (Human-Centered Computing) der Freien Universität Berlin.

Diskussionen um die Kultur-Milliarde
Zur Information: Vor zwei Tagen hat der Koalitionsausschuss ein Rettungs- und Zukunftspaket Kultur auf den Weg gebracht.

Gallery Weekend Berlin: Teilnehmerliste
Kurzinformation: 48 Galerien nehmen im September am Gallery Weekend teil.

Interviews in Ausnahmesituationen – mit Pierre Wolter und Melanie Zagrean
Carola Hartlieb-Kühn im Gespräch mit den beiden Berliner Galeristen Pierre Wolter und Melanie Zagrean von der Galerie Galerie Art Claims Impulse.

OSTRALE Biennale 2021 nimmt Bewerbungen an
Open Call: Die OSTRALE Biennale (voraussichtlich 01.07.-03.10.2021) in Dresden lädt wieder Künstler*innen aus aller Welt dazu ein, sich für die internationale Ausstellung zeitgenössischer Künste zu bewerben.

Ein akribischer Chronist der Zeit – Mazen Kerbaj in der ifa-Galerie Berlin
Ausstellungsbesprechung: Mazen Kerbaj ist ein obsessiver Zeichner. Er hat seinen dünnen schwarzen Marker immer dabei, um die kleinen und großen Ereignisse, aus denen das Leben besteht, als Bild und Text zu verewigen.

Die aktuelle Ausgabe 1 | 2020 des KUR-Journals u.a. mit folgenden Themen:
- Fluchtgut – ein zufälliger Begriff (Thomas Buomberger)
- Die Bedeutung des Kunstsachverständigen vor Gericht (Uwe Wasserthal)

berlin daily (bis 07.06.2020)
Der Juni beginnt: berlin daily mit Tipps zu Veranstaltungen rund um die zeitgenössische Kunst


Neues Förderprogramm: Digitale Entwicklung im Kulturbereich
Bewerbungen für das Förderprogramm ab sofort möglich

artspring berlin 2020 – Das artspring Kunstfestival
artspring berlin 2020 – Der Stadtbezirk wird Galerie. Offene Ateliers in Pankow, Prenzlauer Berg und Weißensee. (Medienkooperation)

IBA Aufruf 2020: Eintritt frei! Deine Saison im Eiermannbau
Bewerbungen bis Mitte Juni 2020 möglich (Sponsored Content)

Interviews in Ausnahmesituationen – mit Martin Kwade
Urszula Usakowska-Wolff im Gespräch mit dem Berliner Galeristen Martin Kwade: „Die Entschleunigung ist nichts für mich. Ich hätte es gern, dass das Tempo noch schneller wird. ...

Siebter Kunst-am-Bau Wettbewerb für das Humboldt Forum im Berliner Schloss
Informationen: Die Preisträger*innen sind Antje Schiffers und Thomas Sprenger. Einen weiteren Preis erhält Emeka Ogboh (Berlin).

Krist Gruijthuijsen bleibt Direktor und künstlerischer Leiter der KW
Personalien: Der Vertrag des Direktors und künstlerischen Leiters der KW Institute for Contemporary Art, Krist Gruijthuijsen, wurde bis 2024 verlängert.

top

zur Startseite

Anzeige
Responsive image

Anzeige
Responsive image

Anzeige
Responsive image

Anzeige
Responsive image

Anzeige
Responsive image

Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Art up




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Alfred Ehrhardt Stiftung




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Galerie Parterre Berlin




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Haus am Kleistpark | Projektraum




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Galerie im Körnerpark




© 1999 - 2020, art-in-berlin.de Kunstagentur Thomessen Hartlieb-Kühn GbR.