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B3 Biennale

(Einspieldatum: 29.09.2003)

art+com im Jüdischen Museum

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Im Jüdischen Museum werden bis zum 14. Dezember 03 Objekte und Zeichnungen von Daniel Libeskind präsentiert. Darüber hinaus sind aber auch zwei interaktive Installationen der Firma art+com zu sehen, zu fühlen, zu entdecken oder zu hören: Sie laden ein, sich mit der Libeskindschen Architektur und ihrer Entstehungsgeschichte auf eine etwas andere Art auseinander zu setzen.

art+com feiert diesen Monat 15. Geburtstag und ist damit ein echter "oldie" der Medienbranche. Zwei gute Gründe sich einmal näher mit der Aktiengesellschaft zu beschäftigen. Stella Hoepner-Fillies von art-in-berlin.de sprach mit einem der vier Geschäftsführer, Sebastian Peichl:

Stella Hoepner-Fillies: Gibt es eine übergeordnete Unternehmensphilosophie bei art+com?

Sebastian Peichl: art+com ist eine Art Übersetzungsbüro. Wir übersetzen Inhalte, Produkte oder auch Dienstleistungen mittels neuer Medien in den Raum. Und das mit einem sehr hohen Anspruch. Wir lieben das Experiment und haben den Ehrgeiz, an die Grenzen zu gehen; innovativ zu arbeiten mit Hilfe eines großen Netzwerkes. Es gibt ein internationales Netzwerk von Experten, auf das man zurückgreifen kann.

Stella Hoepner-Fillies: Das heißt, Sie holen Experten nach Berlin?

Sebastian Peichl: Ja. Der Anspruch alles selbst zu können, ist falsch.

Stella Hoepner-Fillies: Im Bereich der Neuen Medien gibt es viele verschiedene Aufgabenfelder, hat sich Ihre Firma spezialisiert?

Sebastian Peichl: Es gibt vier Formate, die wir bespielen. "Screen based" Anwendungen sind die klassischen Bereiche wie CD-Rom, DVD, Web und PDA. Zweitens gibt es interaktive Installationen wie Kiosk- und Terminal-Installationen für 2-5 Personen, die vor einem Terminal interagieren können. Das dritte Format beinhaltet die sogenannten interaktiven Environments, in denen die Menschen in einem Raum interagieren können. Zum Schluss noch interaktive Architekturen, die immer häufiger kommen und die wir künftig verstärkt umsetzen wollen.

Stella Hoepner-Fillies: Was wäre zum Beispiel eine "screen based" Anwendung?

Sebastian Peichl: Die Museumsinsel vielleicht, die ist seit Ende letzten Jahres im Netz zu sehen. / museumsinsel-berlin.de
Am Anfang gibt es manchmal ein Problem. Die Leute glauben, art+com ist ein Hightech-Unternehmen. Dem ist nicht so. Unsere Vorgehensweise kommt aus einer Kommunikationsthematik, von einer Problemstellung heraus, mit der jemand an uns herantritt, ein Kunde aus Industrie oder Forschung. In diesem Fall kam die SMPK (Staatliche Museen zu Berlin-Stiftung Preußischer Kulturbesitz) / smpk.de und sagte: "Es wird eine Milliarde Euro bis 2012 in den Masterplan für die Museumsinsel investiert." Fragen Sie nun einen Berliner, ob der das weiß. Wenn ja, wird der Ihnen - vereinfacht ausgedrückt - sagen, dass dort die Wände bunt angemalt werden. Es ging also darum, ein Kommunikationsvakuum zu schließen.
Dazu wurde ein integriertes Kommunikationskonzept präsentiert, ein 3D Modell als Echtzeit-Modell, das als Arbeitsmodell für die SMPK und die Architekturbüros dient. Es geht um die Verortung der Sammlungen, aber auch um die Erschließung der Architektur, das ist ein "work in progress" bis 2012 oder sogar noch später.

Stella Hoepner-Fillies: Sitzen jetzt gerade Architekten an der Aktualisierung des Modells?

Sebastian Peichl: Das Modell steht bei der SMPK und wird auch genutzt. Es ist ja in Zusammenarbeit mit dem SMPK und verschiedenen Architekturbüros entstanden. Das heißt, dass wir hier von Chipperfield bis Ungers mit allen Büros Kontakt haben und deren Fortschritte laufend integrieren.
Die zweite Stufe bestand darin, aus dem Arbeitsmodell ein Präsentationsmodell zu machen. Daraufhin entwickelte unsere Firma einen Web-Auftritt zum Masterplan Museumsinsel. Damit haben wir übrigens alle relevanten Multimedia-Preise gewonnen.

Stella Hoepner-Fillies: Herzlichen Glückwunsch. Warum wurde gerade diese Arbeit so ungeheuer positiv aufgenommen?

Sebastian Peichl: Weil sie so einfach wie möglich funktioniert. Es gibt eine Oberfläche, die Sie nie verlassen, mit einer - bei uns heißt das - redundanten Navigation. Zum einen für den strukturiert vorgehenden User: derjenige, der sich deskriptiv anhand von Texterklärungen Informationen erschließt. Welches Haus befindet sich wo, was sind die Inhalte, wie sind die Sammlungen verortet und dergleichen. Zum anderen die bildliche, intuitive Ebene, auf der man sich zum Beispiel den Grundriss spielerisch erschließen kann.

Stella Hoepner-Fillies: Und was muss man sich unter einer interaktiven Installation vorstellen?

Sebastian Peichl: Ja vielleicht ein Beispiel im Jüdischen Museum, wir haben vor der aktuellen Ausstellung eine Installation im Jüdischen Museum gemacht, da ging es um die Übersetzung des Talmud. Das Gesetzbuch der Juden, das in sich sehr komplex aufgebaut ist. Die Aufgabenstellung war: Menschen zu "teasen", sie zu begeistern und heranzuziehen und sie mit der Thematik des Buches zu konfrontieren. Einen Bezug zwischen Inhalt und Artefakt darzustellen. Zusammen mit dem DLR (Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt / dlr.de ) wurde ein neues Interface entwickelt: Nämlich dieses Blase-Interface, eine neue Art der Sensorik.

Stella Hoepner-Fillies: Was hat ein Blase-Interface mit dem Talmud zu tun?

Sebastian Peichl: Metaphorisch bedient sich diese Installation des "breath of god", der mündlichen Überlieferung des Buches. Die Idee dahinter ist, an das Buch heranzutreten und über die Seiten des Buches zu pusten. Durch dieses Pusten erscheint Text auf den beiden Buchseiten: Der eigentliche Talmudtext rechts und links die einzelnen Kapitel.
Wir versuchen, weg von den fettigen Touchscreens hin zu sinnlichen Interfaces zu kommen, die den Menschen eben eine andere Schnittstelle geben: blasen, mechanisch Dinge bewegen,  "hands on", eben was anderes.
In der Libeskind-Ausstellung kann man das jetzt gut beobachten, an unserem eher musikalischen, synästhetischen "piece" zu Schönbergs 12-Ton Musik.

Stella Hoepner-Fillies: Der dritte Geschäftsbereich umfasst Rauminstallationen. Sind das interaktive Installationen in der Dreidimensionalität?

Sebastian Peichl: Die interaktiven Environments? Vielleicht erkläre ich das am besten an einem Industriebeispiel für die Firma Wall, Stadtmöbel Wall / wall.de , da sind wir "leadagency", wie man das so schön nennt.
Von Wall kam die Aufgabe, einen Showroom zu entwickeln, und zwar in dem Kollhoffgebäude Friedrichstraße/Torstraße. Übrigens ist der Hausarchitekt der Firma J.P.Kleihues. Kleihues hat also von innen das Haus von Kollhoff umgestaltet.
Unsere Aufgabenstellung war es, die Produkte der Firma für eingeschränkte Zielgruppen entsprechend zu präsentieren. Stadtkämmerer, Bürgermeister aus der ganzen Welt, aber auch Werbetreibende und Mediaplaner.
Maximal 8-10 Menschen werden in einer Lounge empfangen, sehr elegant gestaltet. Das "interior-design " hat übrigens Triad / triad.de gemacht, wir sind ja keine Innenarchitekten. Von uns ist die mediale Konzeption und Realisation. Wir hatten die Idee einer medialen Wand: Rein kommen, begrüßt werden und dann diese Wand. Die bewegt sich "ein Bisserl", wie in einem James Bond Film, mechanisch durch den Raum, ungefähr 30 Meter. So wurde ein Environment geschaffen über alle Medien hinweg. Von rechts und links werden im Laufe der Fahrt Vitrinen frei, mit klassisch musealen Objekten und Flachware.

Stella Hoepner-Fillies: Ein enormer Aufwand für einen einzigen "Showroom".

Sebastian Peichl: Dieser gesamte "content" ist auf der Webseite, in den Broschüren, aber auch auf den Verkaufstools der Verkäufer. Es wird alles einmal generiert und cross-medial inhaltlich in alle Kommunikationsbereiche integriert. Das ist unser Ansatz. Nicht nur 3D Visualisierungen der Visualisierung wegen, so etwas will hier niemand, sondern intelligente, mediale Kommunikationsformate.

Stella Hoepner-Fillies: In Paris haben Sie letztes Jahr den Turm der französischen Nationalbibliothek zum größten Computerbildschirm der Welt gemacht. Über 3000 Quadratmeter Animation. Würden Sie das letzte Format der interaktiven Architektur als ein Hauptfeld von art+com einschätzen? Sebastian Peichl: Bei dieser Inszenierung haben wir den Chaos Computer Club unterstützt, der dort für Mini einen Event geschaffen hat. Prinzipiell gibt es keinen Hauptzweig bei art+com, auf allen vier beschriebenen Formaten wird gearbeitet.
Aber interaktive Architektur ist ein Bereich, von dem wir glauben, dass er ganz stark im Kommen ist. Der Grundgedanke darin ist der: Museen sind ganz beeindruckende Häuser, vom Innenleben genauso wie von der Architektur her. Tagsüber jedenfalls. Aber in der Nacht natürlich nicht, in der Nacht sind sie nicht erkennbar. Solche Häuser, dass müssen nicht Museen sein, es können auch Industriegebäude sein, sollen auch über die Nacht hinweg mit Sinn aufgeladen werden. Das ist unser Ansatz: Wir wollen sie sprechen lassen und daraus permanente Ikonen oder Landmarks machen.
Genau das sind die vier bespielten Formate, unsere Geschäftsfelder. Ein Format, an das ich persönlich ganz stark glaube, sind die interaktiven Environments, das sind interaktive Markenerlebnisse.

Stella Hoepner-Fillies: Wie zum Beispiel den Raum des schottischen Whiskymuseums, in dem man Eis brechen und Wasser trockenen Fußes durchwaten kann, um später direkt nebenan den Whisky zu kaufen?

Sebastian Peichl: Nach dem Besuch unseres "visitor centers" gehen die Leute nebenan in den Shop und kaufen plastiktütenweise Flaschen. Die verkaufen in diesem Shop zur Zeit so viel Whisky, das ist unglaublich. Die Investition hat sich für "The Famous Grouse" schon nach kürzester Zeit amortisiert.

Stella Hoepner-Fillies: Um was geht es bei Ihren interaktiven Installationen im Jüdischen Museum?

Sebastian Peichl: Es geht immer wieder um dasselbe, nämlich komplexe Inhalt zu übersetzen. Zum Beispiel jetzt die Architektur von Daniel Libeskind. Wie viel wird gesprochen und diskutiert: "Sag mal, wie kam der Libeskind eigentlich zu dem Entwurf?" oder dergleichen.
Dann beschäftigt man sich damit und liest, was er an Abhandlungen geschrieben hat, und auch was die anderen über ihn geschrieben haben. Wir setzen uns zur Aufgabe, das zu übersetzen und den Menschen, den Museumsbesuchern näher zu bringen. Vielleicht kann sich der Besucher durch uns eine neue Interpretation erschließen. Und das ist der Moment, wo art+com ins Spiel kommt. Jemand hat eine Aufgabenstellung, er möchte einen Inhalt vermitteln, der entweder völlig abstrakt ist wie ein jüdisches Gesetzbuch, oder aber wiederum so einfach wie eine Toilette von Wall.
In diesem Moment, entsteht für uns eine Herausforderung. Aber immer mit der Prämisse, mittels neuer Medien, Ideen zu entwickeln mit einem gestalterischen und technologischen, großen Know-how.

Stella Hoepner-Fillies: Eine der Installationen ist schon vom Ansatz her eine Interpretation der Libeskindschen Entwurfsprozesse. Machen Sie Kunst?

Sebastian Peichl: Das gilt nicht für diese erste Installation, die ist eine eher didaktische Inszenierung und konzeptionell in Zusammenarbeit mit dem jüdischen Museum erarbeitet worden.
Die andere ist eine eher synästhetische Inszenierung, eine durchaus künstlerische Auseinandersetzung. An der Stelle wurde auf Schönbergs "Moses und Aron, die Unvollendete" aufgebaut, als Grundlage für die Architektur des Hauses. Und wir haben uns dann mit seinem Formenalphabet auseinandergesetzt und kamen zu der Frage: Warum verbindet man das nicht einfach? Die Formensprache der Architektur von Libeskind mit eben dieser 12-Ton Musik und das ist ein Moment der künstlerischen Freiheit und Interpretation. Hier wird dem Besucher die Möglichkeit gegeben, sich spielerisch und künstlerisch mit Architektur und Musik auseinander zu setzen. Aber es ist zweifelsohne ein "piece", mit sehr künstlerischem Ansatz.

Stella Hoepner-Fillies: Herr Peichl, im Vergleich zu anderen Firmen der Branche schreibt Ihr Unternehmen Erfolgsgeschichte. Worauf führen Sie das zurück?

Sebastian Peichl: Von den Leistungsfeldern ist es so, dass art+com ganz klar – wie man das so schön nennt - als "full service" Dienstleister aufgestellt ist, das heißt, es werden entweder partiell Phasen angeboten oder auch alles. Von der ersten Ideenskizze, Problemstellung oder Problemfindung - manchmal weiß der Kunde ja nicht genau, was er will - über Konzeption, Strategie, Gestaltung und Entwicklung, bis hin zur Fertigstellung. Damit meine ich den Bau vor Ort, die Umsetzung aber auch den Support. Wir sind definitiv ein Dienstleister, der in den letzten Jahren bewiesen hat, große Projekte und Budgets in entsprechenden Timings abzuwickeln. Wichtig für die Glaubwürdigkeit des Hauses ist unsere absolute Zuverlässigkeit.

Stella Hoepner-Fillies: Sind Sie damit in einer Nische, die funktioniert?

Sebastian Peichl: art+com ist sicher der "Fels in der Brandung". Und sicherlich auch noch da, weil wir nicht den "new economy hype" mitgespielt haben.

Stella Hoepner-Fillies: Weil Sie trotz der Bildung einer Aktiengesellschaft nicht an die Börse gegangen sind?

Sebastian Peichl: Genau, das war mit ein Grund. Wir sind immer am Boden geblieben. Natürlich gehört auch Glück dazu, aber sicherlich auch eine sehr gute betriebswirtschaftliche Führung. Andreas Wiek, der seit rund zwei Jahren im Hause ist, hat zu einer erheblichen Konsolidierung beigetragen. Ansonsten gibt es bei uns ein wunderbares interdisziplinäres Team, das den Erfolg von art+com möglich macht.

Stella Hoepner-Fillies: Gibt es großen Handlungsbedarf im interaktiven Marketing?

Sebastian Peichl: Zweifelsohne! Zum Teil fahren wir wie die Evangelisten durchs Land und versuchen den Leuten klar zu machen: Es gibt so etwas wie eine interaktive "Corporate Identity". Es hilft ja nichts, wenn ich ins Museum gehe und denke mich im Erdgeschoss in eine Installation hinein, gehe ins nächste Stockwerk und finde dort sozusagen die nächste Sprache vor und zu Hause auf der Web-Seite des Museums ist dann wieder alles anders. Unsere Überzeugung ist es, dass man hier eine einheitliche Sprache finden muss, in Form eines interaktiven "Corporate Designs", in Form einer interaktiven "Corporate Identity". Das ist uns ein großes Anliegen.

Stella Hoepner-Fillies: Herr Peichl, ich danke Ihnen für das Interview.

Stella Hoepner-Fillies

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