(Einspieldatum: 19.03.2017)

Mit Korsett und Pinsel – Der Verein der Berliner Künstlerinnen feiert 150-jähriges Jubiläum

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Lotte Laserstein, Selbstbildnis an der Staffelei, 127,60 x 47,00 cm, Öl/Sperrholz, 1938, Stiftung Stadtmuseum:
Reproduktion: Hans-Joachim Bartsch, Berlin


Lässig steckt die rechte Hand in der Hosentasche. Über der weiten Marlene Dietrich-Hose trägt sie einen Malerkittel, in der rechten erhobenen Hand schwingt sie den Pinsel. Konzentriert schaut die Frau mit dem edlen schmalen Gesicht und dem auffällig roten Lippenstift den Betrachter an. Elegant, entspannt, selbstbewusst. Und offensichtlich ganz bei sich. Es handelt sich um ein Selbstporträt der Künstlerin Lotte Laserstein aus dem Jahr 1938.

Die Künstlerin, die zu den wichtigsten Malerinnen der Weimarer Republik zählt, ist nur eine der vielen Frauen, die in den letzten 150 Jahren dem „Verein der Berliner Künstlerinnen 1867 e. V.“ angehörten. Anlässlich dieses Jubiläums gibt die Ausstellung „Fortsetzung folgt!“ in der Berliner Camaro Stiftung einen Einblick in die reiche Historie des Vereins und seiner Mitglieder. Bis zum 24. März 2017 ist die Schau, kuratiert von Birgit Möckel und Carola Muysers, in den großzügigen Räumen in der Potsdamer Straße zu sehen.

Und tatsächlich folgt die durch den Titel insinuierte Fortsetzung, denn heute wie einst erfreut sich der Verein - immerhin der älteste Berufsverband bildender Künstlerinnen - großer Beliebtheit. Derzeit gebe es sogar einen Aufnahmestopp, so die Vorstandsvorsitzende Ute Gräfin von Hardenberg.

Voraussetzung für die Aufnahme ist der Abschluss an einer Kunsthochschule. Seit 1919 – dem Jahr, in dem Frauen an Kunstakademien zugelassen wurden - hatte sich die Ausrichtung des Vereins – von der Zeichen- und Malschule hin zur Fortbildungsstätte orientiert.

Werkabbildung
Käthe Kollwitz, Mutter mit totem Sohn im Schoß, die sog. Pietà, 38 x 28,5 x 39,2 cm, 1937-38, Stukko, Privatbesitz, Foto: Eric Tschernow

Jedoch nicht immer in der Vereinsgeschichte arbeiteten die Künstlerinnen in Hosen so wie Lotte Laserstein. „Die Gründerinnen trugen Korsett und Krinoline“ berichtet Carola Muysers, die bereits vor 25 Jahren mit akribischer Sorgfalt das im Zweiten Weltkrieg durch einen Bombenangriff zerstörte Vereinsarchiv rekonstruiert hatte und für die umfassende Ausstellung "Profession ohne Tradition" in der Berlinischen Galerie mitverantwortlich zeichnete. Das Archiv befindet sich seit 2012 im Besitz der Akademie der Künste, betreut von Michael Krejsa. Den bedeutendsten und umfangreichsten Teil des Schriftguts bildeten die Dossiers zu Leben und Werk von mehr als 1.200 Künstlerinnen, 700 Kunstfreundinnen und Ehrenmitgliedern des Vereins, resümiert Krejsa.

Bei den sechs Initiatorinnen handelte es sich allesamt um höhere Töchter. Da Frauen 1867 keine beruflich orientierten Vereine gründen durften, holten die Gründerinnen finanzstarke und einflussreiche Männer ins Boot: So zählte der Unternehmer Werner von Siemens zu den ersten Mentoren, der eine Darlehns- und Unterstützungskasse sowie eine Pensionskasse ins Leben rief. Der Preußische Hof unterstützt das Projekt, damals noch Verein der Künstlerinnen und Kunstfreundinnen, großzügig. In der Anfangszeit standen 29 Künstlerinnen 62 Kunstfreundinnen gegenüber. „Die Vernetzung untereinander war beachtlich“, betont Muysers.

Zu den berühmtesten Künstlerinnen des Vereins zählen Jeanne Mammen, Paula Modersohn-Becker und Käthe Kollwitz, von der in der Ausstellung u.a. das Bronzerelief „Die Klagende über den Tod von Barlach“ (1938-40) zu sehen ist. Überhaupt ist es den Kuratorinnen gelungen, eine Fülle an wertvollen Leihgaben aus Privatbesitz zu erlangen.

Werkabbildung
Jeanne Mammen, Valeska Gert, o. D. [um 1929], Feder, 26 x 20 cm, Förderverein der Jeanne-Mammen-Stiftung e.V.

Interessante Einblicke in das Leben der zahlreichen Vorsitzenden des Vereins bieten Vitrinen mit Dokumenten und Fotografien. Da ist etwa Emilie Jansen, Tochter eines Staatsministers, die zwischen 1909 und 1910 den Verein leitete. Zweiundzwanzigjährig hatte sie mit der „Zeitgemäßen Charakterstudie aus deutschen Salons“ einen Skandal entfacht. Allerdings fertigte sie das Bild unter Pseudonym.

Elisabeth von Oertzen, die 1933 bis 1935 dem Verein vorstand, begann erst als Witwe mit dem Kunststudium. Ihre Lehrer: Leo von König und Ernst Neumann.
Elise von Delbrück wiederum, Vorstandsvorsitzende bis 1897, war eine stadtbekannte Salonnière, in deren Haus Politiker und Gelehrte verkehrten und die sich in diversen Wohltätigkeitsverbänden betätigte.

Einen Bogen in die Jetztzeit schlägt – vis-à-vis des Selbstporträts von Lotte Laserstein - eine große Fotowand: Jedes der aktuellen Vereinsmitglieder wird hier in seinem Atelier vorgestellt.

Und die Männer? Diese wurden gebraucht – und nicht nur als Förderer und Sammler. Seit 1890 waren sie sogar außerordentlich erwünscht: als Aktmodell.

Künstlerinnen:
Charlotte Berend-Corinth | Sella Hasse | Else Hertzer | Dora Hitz | Ilse Jonas | Käthe Kollwitz | Lotte Laserstein | Sabine Lepsius | Emmy Loewenstein | Jeanne Mammen | Paula Modersohn Becker | Käthe Münzer-Neumann |
Clara Oenicke | Cornelia Paczka-Wagner | Doramaria Purschian | Johanna Reinke | Emy Roeder | Thea Schleussner | Elisabeth Schott | Clara Siewert | Maria Slavona | Gertrud Spitta | Eva Stort | Julie Wolfthorn | Augusta von Zitzewitz und Rita Preuss.

Fortsetzung folgt!
150 Jahre Verein der Berliner Künstlerinnen 1867 e.V.

Ausstellungsdauer:
26. November 2016 bis 24. März 2017

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Samstag 13 – 17 Uhr, Mittwoch 13 – 20 Uhr

Alexander und Renata Camaro Stiftung
Potsdamer Straße 98A
D-10785 Berlin
Tel +49(0)30.263 929 75
camaro-stiftung.de
vdbk1867.de/

Inge Pett

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Titel zum Thema Verein der Berliner Künstlerinnen:

Mit Korsett und Pinsel – Der Verein der Berliner Künstlerinnen feiert 150-jähriges Jubiläum
Nur noch ein paar Tage zu sehen (bis 24.3.). Unsere Ausstellungsbesprechung zu Fortsetzung folgt! 150 Jahre Verein der Berliner Künstlerinnen 1867 e.V. in der Camaro Stiftung.

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