(Einspieldatum: 17.06.2017)

Das Aufspüren von Geschichte: Kemang Wa Lehulere in der Kunsthalle Deutsche Bank

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Kemang Wa Lehulere, My Apologies to Time, 2017
Installation, Maße variieren
© Kemang Wa Lehulere, courtesy STEVENSON Cape Town and Johannesburg


Auf Teilen alter Schulmöbel sind Vogelhäuser befestigt, überwacht von Hunden aus Porzellan. Die Installation stammt von Kemang Wa Lehulere (*1984, Kaptstadt), der von der Deutschen Bank als Künstler des Jahres 2017 ausgezeichnet wurde und dessen Ausstellung “Bird Song” aktuell in der Deutsche Bank Kunsthalle gezeigt wird.

Seit 2010 kürt die Deutsche Bank jährlich den Künstler des Jahres. Vor Kemang Wa Lehulere erhielten u.a. Künstler wie Basim Magdy, Koki Tanaka oder Victor Man die Auszeichnung. Wa Lehulere zählt zu den bedeutendsten jungen Künstlern aus Südafrika und lebt in Kapstadt und Johannesburg. Er nahm unter anderem an der 8. Berlin Biennale, der 2. Triennale des New Museum in New York und der 11. Biennale de Lyon teil. Seine Arbeiten - Installationen, Zeichnungen, Malerei und Performances - erzählen von Zerrissenheit und Unterdrückung, sie thematisieren die Apartheid und die Folgen des Kolonialismus in Südafrika.

Wa Lehulere wählt hierfür einen sehr persönlichen Weg: Die Tante des Künstlers lernte die südafrikanische Künstlerin Gladys Mgudlandlu (*1979, Peddie - † 1979, Gugulethu) als Kind kennen und das führte sie eines Tages in deren Wohnhaus. Mgudlandlu war eine der ersten schwarzen Künstlerinnen, die eine Einzelausstellung 1964 in Johannesburg erhielt. Die Arbeiten der Künstlerin gerieten in Vergessenheit. Erst im Gespräch mit Wa Lehulere dachte seine Tante wieder an Gladys Mgudlandlu. Erinnerungen an bunte Wandbilder von Vögeln tauchten auf - ein bisschen verrückt kam ihr die Künstlerin vor, erzählte sie. Aufgrund der Vogelbilder wurde Mgudlandlu auch Bird Lady genannt. Wa Lehulere ging auf die Suche nach den verschwundenen Wandbildern. Mit Hilfe einer Archäologin konnten tatsächlich im ehemaligen Wohnhaus Bilder hinter sieben Schichten Farbe an der Wand befreit werden. Dieser Vorgang ist in einem Video in der Ausstellung zu sehen.


Kemang Wa Lehulere, Does this Mirror Have a Memory 4, 2015
links: Gladys Mgudlandlu, ohne Titel, 1966, Gouache auf Papier, 52 x 63 cm
rechts: Zeichnung in Zusammenarbeit mit
Sophia Lehulere, 2015, Kreide auf schwarzer Tafel, 70 x 100cm
© Kemang Wa Lehulere, Sophia Lehulere, Gladys Mgudlandlu, courtesy STEVENSON Cape Town and Johannesburg


Auf Schultafeln hatte der Künstler zusammen mit seiner Tante den Erinnerungsprozess festgehalten. Er bat sie um eine möglichst genaue Zeichnung der Räumlichkeiten des Hauses von Mgudlandlu. Es entstanden Skizzen, die immer wieder weggewischt, neu konstruiert wurden und schließlich die benötigten Beweise der Existenz von den Wandbildern lieferten.

Der Einfluss von Mgudlandlu auf Lehulere wird besonders offensichtlich durch die Hängung der Werke: jeweils zwei Arbeiten eng beieinander - eine Papierarbeit von Gladys Mgudlandlu neben einem Werk von Kemang Wa Lehulere, in dem er sich entweder inhaltlich oder formal auf die Papierarbeit bezieht.

In einem weiteren Raum verteilt stehen Installationen, die an eine wilde Häuserlandschaft für Vögel erinnern. Wie anfangs erwähnt sind auf Teilen alter Schulmöbel Vogelhäuser befestigt, die Anlage wird von Hunden aus Porzellan bewacht. Die Möbel stehen für die Erziehung, eine Bildung, die viele schwarze Kinder immer noch nicht bekommen können. Ohne Bildung gibt es aber keine Entwicklung, Bildung bedeutet Macht. Gegensätzlichkeit spiegelt sich auch in dem Vogel wider, der ausgestopft auf einem der Schultische sitzt. Ein Symbol der Freiheit, aber auch ein Symbol der Domestizierung.

Die Hunde hingegen bewachen das Zuhause. Für viele Südafrikaner sind damit tragische Erinnerungen verbunden. Die Tiere sind das Symbol für Polizeigewalt, für Machtstrukturen und deren Festigung. Doch sie sind auch geliebte Haustiere. Durch Zwangsumsiedlungen wurden Menschen aus ihren Häusern vertrieben und in Ghettos zusammengepfercht. Die Hunde mussten zurückgelassen werden. Sie wurden getötet und in Massengräber geworfen, wie Lehulere sehr emotional erzählte. Aus Angst vor dem erneuten Verlust eines Freundes, kauften sich viele Familien von da an nur noch einen künstlichen Ersatz.


Kemang Wa Lehulere, Broken Wing, 2016
Holz von aufgearbeiteten Schultischen, Zahnprothesen und Xhosa Bibeln, 51 Stück, je 135 x 26 x 14 cm
Foto: Mathias Schormann © Kemang Wa Lehulere,
courtesy STEVENSON Cape Town and Johannesburg


Aus demselben Schulmaterial ist die Arbeit Broken Wing. Krücken hängen im Raum und formen wie aus Knochen eines fliegenden Dinosauriers einen riesigen Flügel. Zwischen den einzelnen Krücken stecken ein Gebiss sowie eine Bibel. Die Bibel wurde bei der Kolonialisierung im Volk verteilt und galt als ein Instrument der Unterdrückung. Die Gebisse entsprechen den Zähnen des Künstlers. Ein Teil des Flügels ist zerbrochen, eine Krücke liegt am Boden. Zerstörungswut und ästhetische Setzung halten sie dich Waage.

In der Arbeit Broken Light sind Musiknoten zu sehen, ein Ausschnitt aus einem vom Künstler komponierten Song. Das Besondere daran: Die Noten sind aus dem Haar des Künstlers, ein Sinnbild für den sogenannten Bleistifttest, mit dem Menschen in Südafrika klassifiziert wurden: Steckte man einen Bleistift in das Haar der jeweiligen Person und bleibte dieser stecken - gehörte man einer niederen Klasse an.

Kemang Wa Lehulere Arbeiten erzählen viel. Viele kleine Erzählungen ergeben ein Ganzes, das das Individuum im Kontext seiner Geschichte fokussiert.

Ausstellungsdauer: vom 24.03 - 18.06.2017

Öffnungszeiten:
täglich: 10.00 bis 20.00 Uhr

Deutsche Bank Kunsthalle
Unter den Linden 13 / 15
10117 Berlin
deutsche-bank-kunsthalle.de

Olga Potschernina

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Daten zu Kemang Wa Lehulere:


- Art Basel 2013
- Art Basel 2016
- Berlin Biennale, 2014
- BIENNALE of DAKAR 2016
- EVA International 2016
- Lyon Biennale, 2011
- Stevenson - Gallery

Kataloge/Medien zum Thema: Kemang Wa Lehulere

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Titel zum Thema Kemang Wa Lehulere:

Das Aufspüren von Geschichte: Kemang Wa Lehulere in der Kunsthalle Deutsche Bank
Nur noch dieses Wochenende zu sehen: Kemang Wa Lehulere “Bird Song” in der Deutsche Bank Kunsthalle.

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16 Uhr: Ellinor Euler, Jürgen Kellig, Karsten Kelsch, Marianne Stoll im Rahmen der Ausstellung "gezeichnet."
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