(Einspieldatum: 04.04.2017)

Zwischen Arlberg und Kasachstan – das „Riesenkommunikationsding“ von Uli Aigner

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Uli Aigner, Installation One Million, Uli Aigner / Sonntag, April Gertler & Adrian Schiesser, Berlin, Foto: copyright © Michal Kosakowski

„Wozu ist mein Körper fähig?“ lautet die Frage, die sich Uli Aigner bis an ihr Lebensende stellen möchte. Dabei ist sie keine Hochleistungssportlerin, sondern eine Künstlerin, die ihre Arbeit als Performance versteht. Sie schafft Porzellan und stellt sich damit in eine uralte hochkomplizierte Handwerkstradition. „Ich möchte die Geschichte des Porzellans weiterschreiben“, erklärt sie. Und dies stets in Ruhe und hochkonzentriert. Wichtig sei es, mit ihrem Körper zu arbeiten und nicht gegen ihn. Stress ist daher tabu. Und ihr Brennofen steht zuhause, so dass die 51-jährige Mutter von vier Kindern der Familie nahe ist.

Durch ihren Körpereinsatz entstehen weiße Gefäße, die erst einmal nicht mehr als formschöne, präzise gefertigte Gebrauchsobjekte zu sein scheinen. Und das alleine ist schon ein Wert an sich. Doch die Gefäße sind Teil eines umfassenden Konzeptes, in dem es vor allem um Austausch und Vernetzung geht. Jedes Item entsteht im persönlichen Gespräch mit dem Auftraggeber, bezieht sich funktional und formal auf dessen individuelle Wünsche, Vorlieben und Träume. EINE MILLION lautet der Name des Projektes und eine Million Objekte sollen es werden, wobei die Zahl wohl eher für die unendlichen Möglichkeiten steht, die das „Riesenkommunikationsding“ in sich birgt. Aktueller Stand: 2033 Items.

Uli Aigner nummeriert die Objekte durch, während ihr Mann, der international renommierte Filmemacher Michal Kosakowski, sie fotografiert. Im Internet lässt sich nachschauen, wohin die Reise jedes Items geht – die jeweiligen Besitzer wachsen so zu einer internationalen Community heran. Die „Topferl“, wie die Österreicherin ihre Gefäße nennt, kommen längst schon zwischen Arlberg und Kasachstan zum Einsatz. Zerbricht eines, fertigt die Künstlerin dem Besitzer das identische Objekt neu.

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Atelier Uli Aigner / Europäische Tage des Kunsthandwerks, Berlin, Foto: copyright © Michal Kosakowski

Kommunikation steht ganz klar im Vordergrund, so auch anlässlich der Europäischen Tage des Kunsthandwerks, als Uli Aigner am 31. März und 1. April in ihr Atelier lud. Bei Suppe und Apfelstrudel, die alleine schon den Besuch lohnten. Und selbstverständlich auf eigenkreiertem Geschirr. In einem Video, ebenfalls von Michal Kosakowski produziert, erklärt Uli Aigner das Konzept der EINEN MILLION.

Die lange Tafel im Berliner Zimmer der Charlottenburger Altbauwohnung ist festlich gedeckt. Ein Sammler hat das Geschirr – afrikanisch inspiriert – für eine Jubiläumsveranstaltung bestellt. Beim Festmahl in der Galerie werden Gespräche über Kunst stattfinden – und sich vermutlich auch dort wieder neue Querverbindungen ergeben. Im Regal befinden sich – für Berlin ein durchaus seltener Anblick – Kerzenständer, in denen Aigner das christliche Alpha und Omega-Zeichen eingeritzt hat. Ein Jesuitenpater hat diese für die Erstkommunion bestellt, ebenso wie Gefäße für die Fußwaschung und die Liturgie.

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Uli Aigner, 13 Universalbecher / Ausstellung Bodily Skills, Secret Garden, Berlin, Foto: copyright © Michal Kosakowski

Dies sind nur zwei der Million Möglichkeiten, doch ständig tun sich neue auf. „Es ist wie eine Lawine“, freut sich Uli Aigner. Währenddessen klingelt das Telefon: Eine Anfrage, ob sie an einer Ausstellung in Griechenland interessiert sei. Im Juni wird sie nach China reisen, wo in Jingdezhen chinesische Töpfer - unter ihrer Aufsicht und Mitarbeit - ein Gefäß von 2,20 Meter Höhe und 1,20 Meter Durchmesser schaffen werden.

Die Buchhandlung von Walther König im Hamburger Bahnhof präsentiert seit März eine Auswahl der EINEN MILLION in einer Vitrine. Doch Uli Aigner verkauft ihr Geschirr nicht nur: Jüngst besuchte sie alkoholkranke Männer in einem Heim und wird jedem ein Gefäß seiner Wahl schaffen. „Ich möchte, dass sie erfahren, dass ihr Leben Schönheit in sich birgt, dass ihre Wünsche erst genommen werden.“ Auch tauscht sie Porzellan: etwa gegen Stimmbildungs- oder Schachunterricht.

Bereits als Sechzehnjährige hatte Aigner in Wien eine Töpferlehre absolviert, bevor Matteo Thun sie an der Wiener Hochschule für Angewandte Kunst in die Keramikklasse aufnahm. Später entschied sich die mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnete Künstlerin und Designerin jedoch für die Konzeptkunst, wobei diverse Stipendien sie u.a. nach Mexiko und London führten.

Mit der EINEN MILLION fühlt sie sich angekommen, vor allem, weil das Projekt so „niederschwellig“ sei. Soeben erschien im avedition-Verlag die Publikation „Visionen gestalten. Neue interdisziplinäre Denkweisen und Praktiken in Design und Architektur“ von Elisabeth Hartung. Hartung interviewte Designer, Künstler, Architekten, Philosophen und andere Menschen, die „frischen Wind erzeugen und überraschende Ausblicke eröffnen“, zu ihren Vorstellungen davon, wie die Zukunft zu gestalten sei.

„Die Vorboten der digitalen und globalen Zukunft sind angekommen, und zwar mit einer Kraft und Geschwindigkeit, die mit ihrer Präsenz in der Praxis überraschen und mitunter beängstigen können“ – fasst die Herausgeberin den Tenor der Interviews zusammen. Umso mehr seien sich die GestalterInnnen einig, dass ihr Handeln gefragt sei sowie die Konzentration auf den Menschen, seine Lebenspraxis und seine kreativen Fähigkeiten.

In diesem Sinne ist auch „EINE MILLION“ als Vorbote einer neuen Entwicklung der Zukunftsgestaltung zu sehen, in der der Mensch wieder in den Fokus rückt, sich auf seine Grundbedürfnisse konzentriert. Neue Bekanntschaften zu machen, formschöne Gefäße in der Hand zu halten, und sich eine Tomatensuppe schmecken zu lassen, sind da ein guter Anfang. Manchmal darf es auch ganz einfach sein.

Weitere Informationen:
eine-million.com
einemillionporzellan.com
uliaigner.net

Buchtipp: Elisabeth Hartung (Hg.) Visionen gestalten. Neue interdisziplinäre Denkweisen und Praktiken in Design, Kunst und Architektur, avedition, 2017, 256 Seiten, broschiert. SBN 978-3-89986-263-8

Inge Pett

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