(Einspieldatum: 23.05.2017)

Alles Luther oder was?

Luther und die Avantgarde

Eija-Liisa Ahtila
The Annunciation, 2010
3-channel projected installation
© 2010 Crystal Eye Kristallisilmä Oy, Helsinki
Courtesy of Marian Goodman Gallery New York, Paris and London


Es gibt viele Ausstellungen über Luther im Reformationsjahr, jedoch nur eine, in der die zeitgenössische Kunst im Fokus steht. „Luther und die Avantgarde“, so der Titel der Schau, die bis zum 17. September in Wittenberg, Kassel und Berlin zu sehen ist.

Die Künstlerliste liest sich wie das „Who is Who“ der deutschen und internationalen Kunstszene. Bemerkenswert viele international renommierte Künstler sind vertreten, darunter Ai Weiwei, Olafur Eliasson, Jonathan Meese, Erwin Wurm und Alexander Kluge. Kuratiert wird die Ausstellung, die von der Malerei bis hin zur urbanen Intervention 69 Positionen verschiedener Sparten zeigt, von einem fünfköpfigen Team. Dem gehörten unter anderem Walter Smerling, Vorsitzender der Stiftung für Kunst und Kultur e.V., und Peter Weibel an, Direktor ZKM Zentrum für Kunst und Medientechnologie.

Es bedarf jedoch einer strapazierfähigen Assoziationsgabe, einige der Werke mit Person oder Gedankengut des Reformators Martin Luther in Verbindung zu bringen. So etwa bei der Lichtinstallation „Bent in Shape“ von Monica Bonvinci. Das Neonlicht stehe metaphorisch für das Licht der Aufklärung, erläutert der Begleittext. Auch wird die Künstlerin zitiert: „Denn wir brauchen Klarheit und Transparenz, um nicht im Dunkeln zu tappen.“

Die Wälder der Region, in denen Luther einst gewandert ist, eine goldene Himmelpforte, mit Pelz bedecktes Geschirr (Meret Oppenheims lässt grüßen), das als „symbolhaftes Bild für menschliches Miteinander“ herhält – alles ist irgendwie „lutherisch“.

Was nicht passt, wird passend gemacht, ist man geneigt zu denken, wenn die Deutung allzu bemüht daherkommt. Oder wenn Werke aus ihrem Kontext genommen und für die Ausstellung uminterpretiert werden, wie etwa die Rauminstallation von Pascale Tayou, die in einem postkolonialen Kontext zu verstehen ist. Während die Arbeiten der Künstler ohne die Texte vermutlich besser zu Wort kämen, haben die Kuratoren auf Informationen zu den Materialien oder etwa der Längenangabe eines Videos ganz verzichtet.

Einige Arbeiten erscheinen ausgesprochen eindeutig, so etwa die Betonskulptur „man in a cube“, die Ai Weiwei eigens für die Ausstellung geschaffen hat, oder die Skulptur „Eiferer“ aus Gips, mit der Markus Lüpertz dem Kirchenmann, der für ihn „in seiner ganzen Angreifbarkeit ein Heros“ ist, ein Denkmal setzt.

Luther und die Avantgarde
Olaf Metzel
Luther rauf und runter
Foto Leonie Felle
© Olaf Metzel


Ebenfalls konkret mit Luther hat sich Olaf Metzel beschäftigt, der das Medien- und Marketingspektakel in seiner Installation „Luther rauf und runter“ reflektiert, passenderweise im Treppenhaus des Alten Gefängnisses, wobei das Gebäude für die Ausstellung eigens kostspielig renoviert wurde. Ein Wust an Plakaten und Medienberichten begleitet den treppensteigenden Besucher.

Doch es gibt es auch Kleinode, die leise und vielschichtig daherkommen. Großartig in ihrer poetischen Schlichtheit etwa ist die Fotoserie „Combray“ des Fotografen Elger Esser. In Südfrankreich fotografierte der Düsseldorfer Künstler menschenleere Kirchenräume, stets „auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, nach „zugleich vergangenen und unvergänglichen“ Sehnsuchtsorten, wie Marcel Proust sie bedichtete. Poetisch und intim auch die Arbeit des bekennenden Atheisten Jörg Herold, der in minutiöser Kleinarbeit die „99 schönen Namen Allahs“ in die Wände der ihm zugeordneten Gefängniszelle geritzt hat.

Sich selber treu bleibt Jonathan Meese mit seiner opulenten Arbeit, deren Titel – natürlich in kapitalsten Lettern – für sich genommen schon ein kleines Kunstwerk ist: ERZTARZAN’S ZELLE, DIE 95 KUNSTTHESEN DES TEUGELS(BABIES) ALASKA KIDADDY MACHT DAS RENNEN „K.U.N.S.T“.

Neben „Casting Jesus“, einer Videoarbeit von Christian Jankowski aus dem Jahr 2011, in der dreizehn Schauspieler vor einer vatikanischen Jury Aufgaben erfüllen, bis einer als Gewinner hervorgeht, lohnt es vor allem auch bei der Mehrkanal-Installation der finnischen Künstlerin Eija-Liisa Ahtila etwas länger zu verweilen. Sie thematisiert die Verkündigung Mariae durch den Engel: Zwei Frauen nähern sich langsam der biblischen Szene an, um sich dann nach und nach in das Sujet zu versenken: „Glaubst du das wirklich?“ fragt die eine skeptisch. „Ja, ich glaube“, so die prompte Antwort.

Luther und die Avantgarde
robotlab
bios [bible]
2007/2017
© robotlab


Leise ist auch die Arbeit „bios“ des Künstler- und Programmierer-Kollektivs Robotlab, in der ein Roboter die Bibel handschriftlich ausführt. Wie einst ein Mönch im Scriptorium, schreibt der Roboter so nach und nach die 66 Bücher der Bibel, beginnend mit dem Alten Testament und den Büchern Mose. Neun Monate dauert dieser Prozess, und 900 Meter Papier sind dazu vonnöten.

„Bios“ ist eine Arbeit, die zwischen Religion und wissenschaftlichem Rationalismus changiert. Die künstliche Intelligenz markiert einen Zeitenwandel, wie ihn 500 Jahre zuvor Luthers Thesen und die Erfindung des Buchdrucks einleitete. So gesehen ist dies die Arbeit, die Geschichte und Zukunft schreibt.

Altes Gefängnis, Berliner Straße, 06886 Lutherstadt Wittenberg
luther-avantgarde.de

Inge Pett

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