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B3 Biennale

(Einspieldatum: 11.07.2017)

Verlassene Orte - Ausstellung Endmoräne e.V.

Weiße Schatten. Wege durch die verlassene Papierfabrik Wolfswinkel


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Claudia Busching, Zwei Knoten (sterbender Schwan), Courtesy Endmoräne e.V.

Eine riesige alte Fabrikanlage, verlassen. Zerstörte Gebäudeteile aus roten Ziegeln, Mauerfragmente mal mit, mal ohne Fenster, Autowracks, die vor sich hin rosten und schon lange nicht mehr bewegt wurden. Es ist ein ungewöhnlicher Ort für eine Ausstellung. Wäre ich abends alleine hier, könnte das die perfekte Kulisse für einen Gruselfilm werden. Doch zur Eröffnung von „Weiße Schatten. Wege durch die verlassene Papierfabrik Wolfswinkel“ (1. + 2. / 8. + 9. / 15 + 16. Juli 2017) des Endmoräne e.V. sind neben mir viele andere Besucher gekommen. Wir befinden uns in Brandenburg, Eberswalde, Landkreis Barnim in der ehemaligen Papierfabrik Wolfswinkel. Es ist eine gute Gelegenheit als Berlinerin mal wieder über den Tellerrand zu schauen, denn Ausstellungsprojekte in Brandenburg werden in der Hauptstadt (sieht man von Potsdam ab) oft ungerechtfertigterweise übergangen.

Über ein Jahr wurde „Weiße Schatten. Wege durch die verlassene Papierfabrik Wolfswinkel“ von dem Künstlerinnenkollektiv Endmoräne geplant: 22 Künstlerinnen zeigen nun in vier Hallen ihre Kunst. Bereits seit 25 Jahren finden die Endmoräne Ausstellungen statt. Immer werden besondere Örtlichkeiten - verlassene und vergessene „Un- orte“ - in Brandenburg aufgesucht und über einen gewissen Zeitraum mit Kunst bespielt. Es geht den Berliner und Brandenburger Künstlerinnen des Endmoräne Vereins darum, den Orten neues Leben einzuhauchen, eine eigene Interpretation zu hinterlassen.

Werkabbildung
Ka Bomhardt, Gute Nacht, Courtesy Endmoräne e.V.

Passend zur Papierfabrik als solche, weisen die Künstlerinnen in der diesjährigen Ausstellung eine hohe Affinität zu Papier auf. Nicht ganz so sehr passte sich das Wetter der letzten Tage an: Wasser drang an Orte, wo es nicht unbedingt erwünscht war, kam mit den empfindlichen Arbeiten in Berührung. Doch das sollte kein großes Problem werden, denn es geht auch um Anpassung an Gegebenheiten, an eine lebendige Ruine - hier kann wenig mit Sicherheit vorausgesehen werden. „Abwesendes wird zum Leben erweckt, gezeigt wird eine Kunst aus Schatten, Verlust und Abwesenheit. Zu sehen sind überraschende, ironische, witzige und kritische Ein- und Aufgriffe.“, so die Kunsthistorikerin Dorothée Bauerle Willert.

Anfangs beeindruckt mich die Ruine als Baufragment, das von einer 230jährigen Geschichte erzählt und von Zeit und Wetter der vielen Jahre gezeichnet ist. Erst 1994 wurde der Betrieb der VEB Papierfabrik eingestellt. Abgelenkt durch dieses übermächtig wirkende Umfeld, ist die Kunst fast zu übersehen - perfekt hat sie sich den Ort angeeignet. Wie zum Beispiel die Arbeit von Claudia Busching (*1954 München) mit dem Titel „Zwei Knoten (sterbender Schwan)“. Weiße Baufolie wurde an alte Rohre geknotet, wie ein Geist bauscht sie sich langsam im Wind auf. Es eröffnet sich ein Spannungsbogen zwischen Ruhe und Bewegung, zwischen Objekt und Raum, zwischen Vergangenheit und Zukunft. Trotz ihrer Größe und der leuchtend weißen Farbe, kann diese Arbeit schon immer hier gehangen haben – vielleicht als Überbleibsel von Bauarbeiten, die nie zu Ende geführt wurden.

In unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich die Installation „Gute Nacht“ von Ka Bomhardt (*1962 Hamburg). Ein Schlafzimmer aus Papier, Draht und Bambus inmitten der Halle: ein Bett, ein Schrank, ein Spiegel, sogar die Tür - alles was man in seinem Schlafzimmer brauchen könnte. Doch diese Arbeit markiert nur die Umrisse der Gegenstände. Sie deutet lediglich an und überlässt dem Betrachter die Aufgabe, die Dinge zu vervollständigen. Dabei wirken die dünnen Linien aus Papier fragil und zerbrechlich, wie der verzweifelte Versuch, in die Kälte der Fabrik ein bisschen häusliche Gemütlichkeit einzubringen.

Werkabbildung
Ilka Raupach, Lichtblicke, Courtesy Endmoräne e.V.

Ähnlich filigran ist ein Teil des Werks „Lichtblicke“ von Ilka Raupach (*1976 Hennigsdorf). Ein Tisch auf dünnen Stahlbeinen - die mich an die Möbel der dänischen Designmarke Hay erinnern - auf dem mehrere dicke Schichten aus dem Fensterglas der Fabrik als Abstellfläche dienen. Das ästhetische Zusammenspiel der massiven Platten auf der zarten Stahlkonstruktion an diesem grauen, verlassenen Ort erzeugt eine Ambivalenz von Leichtigkeit und Schwere und erinnert an Werbefilme, in denen schöne Einrichtungsgegenstände wirkungsvoll und kontrastierend an einem grauen, verlassenen Ort in Szene gesetzt werden.

Werkabbildung
Dorothea Neumann, Schwarm, Courtesy Endmoräne e.V.

Die Arbeit von Dorothea Neumann (*1950 Lüdinghausen) „Schwarm“ sehe ich zunächst nur aus dem Augenwinkel - wie ein kurzes Aufblinken im gewohnten Weiß. Genauer hingeschaut, eröffnet sich mir der nächste Raum mit einem Schwarm aus Papierfriedenstauben, die durch den Raum schweben - zwischen diesen rauen Wänden ist das einfach (und) schön. Sie bewegen sich durch die Luft, jede in ihrem eigenen Rhythmus und lassen die Fabrik an dieser Stelle sofort harmonisch und lebendig wirken.

Ganz anders als die Arbeit von Masko Iso (*1949 Tokyo), die mich unwillkürlich schaudern lässt. Übereinandergelegtes Holz wie für ein Lagerfeuer aufgebaut. Es liegt auf einer Empore, gleich dahinter ist ein unheimlicher, roter Fisch mit menschlichen Zähnen zu sehen - ein Graffiti, das in der Fabrik so aufgefunden wurde. Ich muss an Hexenwerke denken, an eine Konstellation aus Ästen, wie sie in Blair Witch Project eine Rolle spielte.

Der Besuch der Ausstellung ist für mich wie das Betreten einer anderen Welt, einer Welt die mit stimmungsvollen Gegensätzen spielt und sich doch perfekt integriert in Zeit und Raum. Dorothée Bauerle Willert führt Bertolt Brechts Zitat an: „Ja, mach nur einen Plan! Sei nur ein großes Licht! Und mach dann noch’nen zweiten Plan Gehn tun sie beide nicht.“ Eine Anspielung auf alle Überraschungen, mit denen die Macherinnen der Ausstellung aufwarten.

Künstlerinnen: Ina Abuschenko-Matwejewa, Susanne Ahner, Kerstin Baudis, Ka Bomhardt, Anna Borgman, Claudia Busching, Monika Funke Stern, Gisela Genthner, Renate Hampke, Masko Iso, Ingrid Kerma, Gunhild Kreuzer, Angela Lubič, Barbara Müller, Dorothea Neumann, Patricia Pisani, Elke Postler, Ilka Raupach, Antje Scholz, Erika Stürmer-Alex, Christiane Wartenberg, Tina Zimmermann

Weiße Schatten. Wege durch die verlassene Papierfabrik Wolfswinkel
Endmoräne e.V.
Öffnungszeiten:
1. + 2. / 8. + 9. / 15 + 16. Juli 2017
13 - 18 Uhr
Eberswalder Straße 27-31
16227 Eberswalde
endmoraene.de

Olga Potschernina

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Verlassene Orte - Ausstellung Endmoräne e.V.
Ausstellungsbesprechung: Eine riesige alte Fabrikanlage, verlassen. Zerstörte Gebäudeteile aus roten Ziegeln, Mauerfragmente mal mit, mal ohne Fenster, Autowracks, die vor sich hin rosten und schon lange nicht mehr bewegt wurden. Es ist ein ungewöhnlicher Ort für eine Ausstellung.

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