(Einspieldatum: 26.07.2017)

Der Bauhaus Campus Berlin: Dorf von heute – Welt von morgen

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“CAFE GRUNDEINKOMMEN”, Foto: kuag

Das Dorf liegt im Schatten des Bürokomplexes der Wirtschaftsprüfergesellschaft KPMG, vis-à-vis der CDU-Zentrale, an vielspurigen, verkehrsreichen Straßen. „Kein Ort, wo man abends gerne sein Bierchen trinkt“, konstatiert Van Bo Le-Mentzel. Er ist der Kurator dieses Dorfes, das seit dem Frühjahr auf dem Parkplatz und im Hof des Berliner Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung stetig wächst.

Trotz oder gerade wegen der herausfordernden Lage geschieht hier, auf dem „Bauhaus Campus“, Zukunftsweisendes. In unmittelbarer Nachbarschaft zu Bastionen von Politik und Wirtschaft erschaffen Menschenrechtler, Wissenschaftler und Umweltaktivisten Hand in Hand ein Dorf, unterstützt von Gestaltern sowie Geflüchteten. Ein „utopisches Dorf“, wie Le-Mentzel betont. „Hier wird im Kleinen aufgedröselt, was uns ärgert, und nach Alternativen gesucht.“ Ebenso wie beim historischen Bauhaus, das eine schulische Institution war, liegt der Schwerpunkt beim Bauhaus Campus nicht nur auf dem Bauen, sondern auch auf der Bildung. In Workshops und bei Lesungen sind Interessierte eingeladen teilzuhaben und handwerklich oder intellektuell mitzuschaffen, ganz gleich, ob Museumsbesucher, Passant oder Nachbar.

Bislang besteht das Dorf aus neun Häusern oder besser: Häuschen auf Rädern. Sinnigerweise sind diese Tiny Houses etwa so groß wie ein Parkplatz. In den nächsten Monaten soll ihre Zahl sich verdoppeln. „Warum stehen einem Auto zehn Quadratmeter Fläche zu, einem Menschen nicht?“, fragt Van Bo Le-Mentzel. Längst hätten wir uns an die Blechlawinen gewöhnt, die unsere Innenstädte prägen. Doch während die Autofahrer durch eine starke Lobby vertreten seien, hinke die deutsche Baugesetzgebung den Entwicklungen auf dem Wohnungsmarkt hinterher. Vor allem Studenten, Geflüchtete und Sozialschwache hätten das Nachsehen. „Die Tiny Houses bieten einen möglichen Ausweg“, ist Le-Mentzel überzeugt.

Inzwischen nimmt der Trend Fahrt auf. Aus der Idee der mobilen Häuschen ist eine internationale Bewegung geworden. Für Theresa Steininger, Geschäftsführerin der österreichischen Firma WOHNWAGON, sind die Tiny Houses gar „Flaggschiffe für neue Formen des autarken Lebens“.

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TINY HOUSE “35 KUBIK HEIMAT”, Foto: kuag

Wie Wohnen auf kleinem Raum aussehen kann, zeigt beispielhaft das Tiny House „35KubikHeimat“. Welche Möbel machen eine Wohnung zu einem Zuhause? Das haben sich die 19 Studentinnen von Prof. Denise Dih an der Hochschule Rosenheim gefragt, um zu dem Schluss zu kommen, dass sich auf Mobiliar gänzlich verzichten lässt. So ist das Bett in den Holzboden eingelassen und kann mit einfachen Handgriffen freigelegt werden. Ebenso wie der Tisch, der sich mühelos aus der Versenkung holen lässt. Ein Miniherd und ein Kühlschrank sind ebenso vorhanden wie eine Dusche, wobei ein Regenwasserfilter für fließendes Wasser und Solarzellen für Strom sorgen.

Wie auch bei anderen Tiny Houses gibt es eine Toilette mit Terra-Preta-System. Die humusreiche fruchtbare Schwarzerde neutralisiert Gerüche, so dass die einschlägigen Hinterlassenschaften nicht mit Wasser fortgespülte werden müssen. Sie werden durch die Terra Preta in Humus umgesetzt und können bedenkenlos als Dünger eingesetzt werden. Der ist hochwillkommen in den zahlreichen Hochbeeten auf dem Campus, in denen Tomaten und Basilikum wachsen. Auch wenn der Gedanke im Land der Kanalisationsanschlusspflicht erst einmal befremdlich sein mag, so zeigt er doch eine nachhaltige Alternative zur gängigen Abwasserentsorgung auf. Etwas, worüber man ernsthaft nachdenken sollte, findet zumindest Le-Mentzel.

Durch eine große Treppe wirkt das Häuschen der Rosenheimer Studentinnen übrigens alles andere als „tiny“, sondern öffnet sich dem Umfeld, lädt ein, sich dazu zu gesellen, auf den großzügigen Stufen Platz zu nehmen.

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TINY HOUSE “HOUSE OF RIGHTS”, Foto: Inge Pett

Als „Plädoyer für die offene Gesellschaft“ versteht sich auch das „House Of Rights“, ein Projekt von DeutschPlus e.V., der Berliner Ernst-Reuter Schule und dem Labyrinth Kindermuseum. Fünf jugendliche Schüler aus Afghanistan, haben sich das Grundgesetz vorgenommen und die Rechte in einfache Sprache „übersetzt“. Diese sind auf den Wänden nachzulesen, die aus 19 alten Schultafeln – je eine Tafel pro Recht – gefertigt sind. Aus dem Artikel Nr. 1 „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ wird so „Jeder Mensch verdient Respekt“. Die sechs Quadratmeter verwandeln sich in einen „Schutzraum für politische Bildung“. Die Jugendlichen sind mit eigens gefertigten Dokumenten ausgestattet, die sie als Hüter der Menschenrechte ausweisen.

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TINY HOUSE TINY HOUSE “HOLY FOODS HOUSE”, Foto: kuag

Die Inhaber des „Holy Foods House“, gegründet von Noam Goldstein und Foodsharing Berlin, erklären das Essen als heilig und plädieren dringend dafür, Verschwendung zu vermeiden. Aus guten Grund, denn nicht weniger als ein Drittel aller Lebensmittel weltweit wird nicht verzehrt, sondern verschwindet in der Mülltonne. Um ein neues Bewusstsein für die Wertigkeit des Essens zu schaffen, lädt das Holy Foods House jeden Mittwoch ein, übrig gebliebene Lebensmittel - etwa in der Bäckerei nicht mehr verkäufliche Backwaren oder Waren mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum – einzusammeln, um damit gemeinsam zu kochen. Außen am Tiny House ist zudem ein „Fairverteiler“ installiert, ein Kühlschrank, über dem Nachbarn nicht benötigtes Essen an andere weitergeben können.

Alle neun Tiny Houses haben einen Not-Schlafplatz, selbst das winzige House of Rights. „Wenn
wir das mit unseren zehn Quadratmeter großen Minihäusern schaffen, können das andere auch“, ist Van Bo Le-Mentzel überzeugt. Seine Vision ist es, temporäre Tiny House-Nachbarschaften in brachliegenden Innenstadtflächen zu errichten: „Schließlich haben alle Menschen ein Recht auf Stadt.“

BAUHAUS CAMPUS BERLIN
bauhauscampus.org/

10.03.2017 - 9.03.2018

Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung
Klingelhöferstraße 14
D - 10785 Berlin

Inge Pett

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Der Bauhaus Campus Berlin: Dorf von heute – Welt von morgen
Besprechung: Das Dorf liegt im Schatten des Bürokomplexes der Wirtschaftsprüfergesellschaft KPMG, vis-à-vis der CDU-Zentrale, an vielspurigen, verkehrsreichen Straßen. „Kein Ort, wo man abends gerne sein Bierchen trinkt“, konstatiert Van Bo Le-Mentzel.

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