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B3 Biennale

(Einspieldatum: 22.09.2017)

„Schon Beutekunst betrachtet?“ – Aktuelle Provenienzdebatten und das Humboldt Forum

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Podiumsdiskussion „Gehört Provenienzforschung zu DNA des Humboldt Forums?“ am 20. September 2017 im Foyer der Museen Dahlem, © Claudia Fritzsche, Stiftung Preußischer Kulturbesitz

Slogans wie „Schon Beutekunst betrachtet?“ oder „Räumt die kolonialen Schatzkammern!“ prangen auf den Plakaten der Demonstrant*innen vor dem Gebäude des Ethnologischen Museums Berlin. Die Organisation „No Humboldt 21!“ protestiert gegen den Umgang des zukünftigen Humboldt Forums mit völkerkundlichen Sammlungen und fordert „die Offenlegung der Erwerbsgeschichte aller Exponate und die Befolgung der unmissverständlichen UN-Beschlüsse zur Rückführung von Kunstwerken“, wie auf ihrer Homepage zu lesen ist. Das eurozentristische „Schmücken mit fremden Federn“ solle endlich ein Ende nehmen.

Anlass für die Demonstration war die Diskussion zum äußerst brisanten Thema „Gehört Provenienzforschung zur DNA des Humboldt Forums?“, die Mittwochabend im Foyer des Museumsgebäudes in Dahlem stattfand. Das Podium rund um Moderatorin Maria Ossowski setzte sich zusammen aus Hermann Parzinger (Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und einer der drei Gründungsintendanten des Humboldt Forums), Viola König (Direktorin des Ethnologischen Museums), Christina Haak (stellvertretende Generaldirektorin der Staatlichen Museen zu Berlin), Johannes Vogel (Direktor des Museums für Naturkunde) und Larissa Förster (wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität). Parzinger, König und Haak, die in Bezug auf das Humboldt Forum eng zusammenarbeiten und somit im gleichen Boot sitzen, waren sich erwartungsgemäß in den wichtigsten Punkten einig: Als Antwort auf die harschen Kritiken etwa von Bénédicte Savoy oder Jürgen Zimmerer, die in den letzten Wochen die deutschen Feuilletons beherrschten, stellten sie bei dieser Veranstaltung in den Vordergrund, welche Projekte zur Provenienz-Forschung bereits in Gang sind und zeigten auf, wie kosten- und zeitintensiv die Rekonstruktion dieser „Objektgeschichten“ ausfällt. Zu diesem Zweck gab es einführende Impulsvorträge von Kristin Weber-Sinn, Lili Reyels, Ina Heumann und Regina Höfer, die als Mitarbeiterinnen von Projekten wie beispielsweise dem „Humboldt Lab Tanzania“ über die Ergebnisse der Provenienz-Forschung zu einzelnen Objekten berichteten. Dabei wurde eindrucksvoll bewiesen, wie hochkomplex und vielschichtig diese Aufgabe ist und wie weit (oder eben wenig weit) man mit akribischer Forschung kommen kann. Wichtige Instrumente stellen die Digitalisierung der Objekte, die internationale Vernetzung von bereits akquiriertem Wissen und die enge Zusammenarbeit mit Betroffenen aus den jeweiligen Herkunftsländern dar.

Die eine Schwierigkeit ist also der enorme Aufwand, die zweite die zu bewältigende Masse (alleine die Sammlung aus Tansania umfasst 10.000 Objekte) und die dritte die fehlenden monetären und personellen Ressourcen. Bei Letzterem sah das Podium geschlossen die Politik in Bringschuld: Bis jetzt müssen die Institutionen aufwändige Projektanträge stellen, die dann genehmigt oder eben nicht genehmigt werden. Tatsächlich bräuchte es deutlich mehr Stellen für diese fundamental wichtige und hochsensible Forschungsaufgabe. Momentan laufe das hauptsächlich bei Kurator*innen neben ihrer alltäglichen Arbeit her, wie Viola König anmerkte. Der Schlüssel für mehr Unterstützung von politischer Seite sei der zunehmende Druck der Öffentlichkeit. Dementsprechend begrüßten alle Teilnehmer*innen am Podium, dass das Humboldt Forum die öffentliche Diskussion um einen ethischen Umgang mit völkerkundlichen Sammlungen stark vorantreibt. Dass die einschlägige Forschung dabei erst in den Kinderschuhen steckt und zielführende Methoden — wie es auch in Bezug auf die NS-Raubkunst und deren Restitution der Fall war — erst erprobt und entwickelt werden müssen, betonte Parzinger dabei immer wieder.

Neben Johannes Vogel, der über die Unterschiede in der Provenienz-Forschung von ethnologischen und jenen Sammlungen des Naturkundemuseums berichtete und auf den hohen Stellenwert von einigen Objekten für die Forschung hinwies, saß am Podium Larissa Förster: Ihr – und nur ihr; jemanden von „No Humboldt 21!“ oder einen außereuropäischen Beteiligten der Provenienz-Debatte vermisste man am Podium – kam als unabhängige Wissenschafterin und Provenienz-Forscherin in Namibia die Rolle zu, das Humboldt Forum kritisch zu beleuchten. So machte sie gegen Ende der Diskussion die Moderatorin und alle Anwesenden darauf aufmerksam, wie wenig bis jetzt konkret über das eigentliche Thema der Podiumssitzung, nämlich das Humboldt Forum, gesprochen wurde. En gros waren sich die Sprecher*innen einig über den Stellenwert und die Schwierigkeiten von Provenienz-Forschung im Allgemeinen; wie das Humboldt Forum damit aber konkret umgehen werde, wurde überraschend wenig besprochen. Wie viele Stellen werden dafür zur Verfügung stehen, wie wird die Vermittlung gegenüber der interessierten Öffentlichkeit aussehen? Förster und viele Kritiker*innen vermissen diesbezüglich eine übergreifende Systematik (einen „Schlachtplan“) im Konzept des Humboldt Forums.

Insgesamt war der Abend sehr informativ was die Herausforderungen und die interessanten Ergebnisse von Provenienz-Forschung anbelangt. Es bleibt aber weiterhin abzuwarten, wie das Humboldt Forum nach seiner Eröffnung im Jahr 2019 jene Objekte, die unrechtmäßig nach Berlin gelangten oder zu Kolonialzeiten geraubt wurden, präsentieren wird. Wünschenswert wäre, sich nicht mit einem kleinen Info-Täfelchen neben dem Exponat zu begnügen, sondern den historischen Erwerbungskontext aktiv zu einem übergreifenden Thema zu erklären und ihn nicht nur bei einigen wenigen zufällig ausgewählten Objekten als Appendix auftreten zu lassen.

Anna Wegenschimmel

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