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B3 Biennale

(Einspieldatum: 24.10.2017)

Ein Rückblick auf die Gegenwart

Blick Verschiebung im Zentrum für Kunst und öffentlichen Raum Schloss Biesdorf


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Ausstellungsansicht, Detail: raumlabor berlin, Nalepastraße - Raumstruktur 02, 2017

Welche Auswirkungen hat ein radikaler gesellschaftlicher Umbruch auf Orte, Menschen, Natur- und Stadtlandschaften? Wo deuten soziokulturelle Veränderungen auf einen Werte- und Bedeutungswandel bereits im Vorfeld hin? Die Ausstellung Blick Verschiebung im ZKR (Zentrum für Kunst und öffentlichen Raum Schloss Biesdorf) zeichnet einen künstlerischen Diskurs nach, der sich auf den Wandel Ostdeutschlands von der DDR über die Wendezeit bis in die Gegenwart konzentriert. Gezeigt werden aus einem Zeitraum von 1980 bis 2012 Fotografien und Videos von 22 Künstler_innen, die in einer ungewöhnlichen Ausstellungsarchitektur von raumlabor berlin ihren Dialog entfalten. raumlabor berlin, ein Kollektiv aus 8 Architekt_innen, setzt sich mit Fragen temporärer Architektur für Kunst-Zwischennutzungen, Planungen für schrumpfende Städte oder die Rückeroberung der Innenstädte auseinander. Für die Ausstellung hat das Kollektiv Wohnungstüren aus einem Plattenbau am Funkhaus Nalepastraße als Stellwände und Sitzgelegenheiten umgearbeitet. Nur im Zentrum des Ausstellungsraumes, einem Oktogon, das sich über zwei Etagen hin öffnet, scheinen die Türen von jeglichem Zweck befreit, sie schweben monumental neben-, über-, miteinander und werden zur Raumskulptur. Sozusagen eine Reaktivierung des Materials durch Umnutzung, die zugleich symbolisch Erinnerungsmomente transportiert und damit einen Bezugsrahmen für die anderen Werke in der Ausstellung bildet.

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Ausstellungsansicht, Detail: Anne Heinlein, Wüstungen, 1970-86

Blick Verschiebung versammelt verschiedene künstlerische Ansätze, deren Spannungsbogen sich von konzeptueller über dokumentarische Fotografie bis hin zu poetisch subjektiven Momentaufnahmen erstreckt.
So bezieht Anne Heinlein (* 1977 in Potsdam) ihr dokumentarisch angelegtes Fotoprojekt "Wüstungen 1970-86" auf Siedlungen in dem ehemaligen, innerdeutschen Grenzgebiet. Zu sehen sind auf den großformatigen Schwarz-Weiß-Fotografien jedoch nur Waldlichtungen oder unspektakuläre Naturschauplätze. Kein Hinweis, kein Relikt vergangener Zeiten, nicht einmal ein letzter Baustein findet sich auf den düster wirkenden Bildern. Die Siedlungen wurden zu DDR-Zeiten abgerissen, um freie Sicht bzw. ein freies Schussfeld im Grenzstreifen zu gewährleisten. Mittlerweile hat sich die Natur das Terrain zurückerobert. Lediglich die Bildtitel erklären, dass es hier einmal eine Ortschaft gab. Neben der Arbeit vor Ort hat Heinlein die historischen Hintergründe durch Zeitzeugen recherchiert und war in Archiven von Stasi, Grenztruppen und Bundesgrenzschutz.
Auch in der Arbeit "Die Insel Kietz bei Küstrin 1994" von Joachim Richau (* 1952 in Berlin) wird die Landschaft zum versteckten Träger historischer Ereignisse, die auf den Fotografien vereinzelt als Ruinen zu erkennen sind. Die vier Kilometer lange und einen halben Kilometer breite Insel Kietz ist heute Naturschutzgebiet und war ehemals Teil der Festungsstadt Küstrin und Armeestützpunkt.

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Ausstellungsansicht, Detail: Stephanie Steinkopf, Manhatten - Straße der Jugend, 2012

Ein weiterer Schwerpunkt der Ausstellung ergänzt den bisherigen Blick auf die Transformationsprozesse verschwundener Orte und historischen Bedeutungsschichten durch den Blick auf den Menschen und seine sich wandelnden Lebensbedingungen im städtischen Raum. Als Beispiele lassen sich Stephanie Steinkopf, Tobias Zielony oder Göran Gnaudschun anführen. Göran Gnaudschun (* 1971 in Potsdam) zeigt seine über 7 Jahre hinweg geführte Tagebucharbeit "Luft berühren 2006-2012", für die er im ersten Jahr nur montags fotografierte, im zweiten Jahr nur dienstags usw. Zu sehen sind Alltagsbilder, Flüchtiges, Beiläufiges. Was sich nach Willkür anhört, offenbart beim längeren Betrachten der Fotografien eine gewisse Zwangsläufigkeit, die das scheinbar Zufällige - subtil und poetisch - in eine Erzählung über Künstler und Umfeld wandelt.
Die ebenfalls als Langzeitprojekt angelegte Arbeit "Manhatten - Straße der Jugend 2012" von Stephanie Steinkopf (*1978 in Frankfurt/Oder) widmet sich hingegen auf eindrückliche Weise den Menschen einer Plattenbausiedlung. Intime Blicke, die nur durch ein Vertrauensverhältnis zwischen Bewohnern und Fotografin möglich sind, geben präzise Einblicke in die unmittelbare Lebenswelt der Menschen. Der Plattenbau einst begehrtes Wohnobjekt wird zum Symbol für den ökonomischen Verfall.
Anders bei Tobias Zielony, von dem alte Arbeiten, zum Teil aus seinem Archiv zusammengesucht, sowie die Bildserie "Haus der Jugend" von 2017 ausgestellt sind. Der 1973 in Wuppertal geborene Künstler ist bekannt für seine Fotos von Heranwachsenden aus urbanen Randgebieten, die zwischen intimer Nähe und beobachtender Distanz variieren, ohne die Jugendlichen zur Schau zu stellen. Auch in der neuen Arbeit steht der Blick auf Jugendliche und deren Präsenz bzw. Aneignung des öffentlichen Raumes im Vordergrund. Es sind Zeitdokumente von gesellschaftlicher Relevanz, die in die Zukunft blicken lassen, und es sind zugleich subjektive Momentaufnahmen des Zeitgeistes. In dem Ausstellungsraum werden Zielonys Fotos übrigens erstmals zusammen mit Polaroids aus der Serie "Tableaus Mauerfall, 1989-1990" seines Lehrers Manfred Paul gezeigt.

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Ausstellungsansicht, Detail: Andres Gefeller, Supervisions, 2004

Zurück ins Private – vom Außen- in den Innenraum - führen die Fotografien "Supervisions 2004" von Andres Gefeller (* 1970 in Düsseldorf). Durch den Blick von oben, aus einer Kamera auf einem zwei Meter hohen Stativ, fotografiert Gefeller vorher festgelegte Motive in Wohnräumen, mal Oberflächen von Fußböden, mal Tapeten oder ganze Badeinrichtungen. Durch die digitale Montage werden die Bilder in Wohnungsgrundrisse eingesetzt. Die spezifische Art der Bildsprache vermittelt den Eindruck, Wohnungen kurz vor dem Abriss ohne Dach aus der Vogelperspektive zu betrachten. Auf diese Weise hinterfragen die Fotografien die Grenze zwischen Realität und Fiktion.

Die Verbindung zwischen öffentlichem Raum und politischer Setzung beleuchtet auf einer weiteren Ebene Ulrich Wüst (* in Magdeburg). Ulrich Wüsts menschenleere "Stadtbilder 1978-80" – fotografiert in Gera, Bitterfeld oder Leipzig - sind nüchterne Schwarz-Weiß-Aufnahmen des urbanen Raumes, dessen Architekturen auf ungewohnte Details heruntergebrochen werden. Wüsts fotografische Sichtweise auf Details entfremdet diese ihrem ursprünglichen Kontext. So entwickeln die Bilder eine Ästhetik, die der ehemals intendierten Inszenierung von Macht entgegensteht. Hier wird die nahende Veränderung erahnbar.

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Ausstellungsansicht

Die Vielfalt der fotografischen Ansätze und die intensive Spurensuche der Künstler_innen öffnet eigene Erinnerungsräume und lässt subtil die Vergangenheit in der Gegenwart lebendig werden. Eine sehenswerte Zeitreise.

Blick Verschiebung ist eine Kooperation des ZKR mit dem Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst, Cottbus & Frankfurt (Oder). Viele der ausgestellten Arbeiten entstanden im Kontext des Projektes "Fotografie und Gedächtnis", das die Arbeitsgemeinschaft für Bildquellenforschung und Zeitgeschichte kurz nach der Wende 1990 initiierte.

KÜNSTLER_INNEN DER AUSSTELLUNG:
Laurenz Berges, Katja Eydel, Arno Fischer, Seiichi Furuya, Sven Gatter, Andreas Gefeller, Pierre-Jean Giloux, Göran Gnaudschun, Anne Heinlein, Alexander Janetzko, Monika Lawrenz, Manfred Paul, Merit Pietzker, Ludwig Rauch, Jürgen Rehrmann, Joachim Richau, Stephanie Steinkopf, Ingeborg Ullrich, Clemens von Wedemeyer, Thomas Wolf, Ulrich Wüst, Tobias Zielony; Architekturskulptur von raumlaborberlin
Kuratiert von: Katja Aßmann (Direktorin ZKR), Ulrike Kremeier (Direktorin BLmK)
In Zusammenarbeit mit Carmen Schliebe (Kustodin Fotografie BLmK) und Nina Mende (Kuratorin ZKR)

ZKR
Zentrum für Kunst und öffentlichen Raum Schloss Biesdorf
Alt-Biesdorf 55 | 12683 Berlin
S-Bahnhof Biesdorf, U-Bahnhof Elsterwerdaer Platz

Ausstellungsdauer: 21. Oktober 2017 - 08. April 2018

Öffnungszeiten:
Mittwoch – Montag : 10 – 18 Uhr
Dienstag: Ruhetag

Eintritt: 5,00 € | ermäßigt 2,50 €

http://zkr-berlin.de/de/home-de/

chk

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