Berlin Daily 28.01.2020
Denkerei mobil

18:30 Uhr: Industrialisierung als menschliche Schöpfung und der Konsument als Weltverschlinger
Berlin-Saal der Bibliothek (ZLB), Breite Straße 36, 10178 Berlin, 2. Stock

(Einspieldatum: 08.04.2018)

Vertraute Momente - Ausstellungsbesprechung

Foto Album im Werkbundarchiv – Museum der Dinge


bilder

Seite aus einem Fotoalbum
Fotograf unbekannt
Sammlung Werkbundarchiv – Museum der Dinge
Foto: Armin Herrmann


Eine Schublade mit unsortierten Fotos aus vielen Jahren. Schon etwas vergilbte und abgeknickte Aufnahmen in Pralinenschachteln. Knallbunte Alben auf dem Kleiderschrank. … Wir alle kennen Erinnerungsobjekte dieser Art, doch scheinen sie ein wenig aus der Zeit gefallen. Heute dokumentiert die digitale Bildwelt in unüberschaubaren Mengen unseren Alltag, hält vermeintlich jeden Moment fest - und verschwindet dann oft in der Cloud. Eine kleine, dichte Ausstellung im Museum der Dinge holt nun die privaten Fotografien wieder in unsere be-greifbare Wahrnehmung zurück.

Der Ausstellungsraum wirkt wie ein begehbares Fotoalbum. Hunderte von Einzelfotos aus der Sammlung des Archivs der Dinge, beschriftet mit kurzen Kommentaren oder Anmerkungen, führen „in die Bilderwelt des Alltäglichen“, deren gemeinsames Merkmal, so die Kuratoren „ihre ursprüngliche Privatheit“ ist. Als private Bilder dokumentieren sie wichtige Momente des Familienlebens, dienen als Erinnerung an die Großeltern, Freund_innen und Hausgemeinschaften, lassen als Inszenierungen oder Schnappschüsse die Vergangenheit lebendig werden. Und bei aller Individualität zeigt sich stets etwas Universelles in den Szenen, den Gesten der Protagonisten.


Fotograf unbekannt
Sammlung Werkbundarchiv – Museum der Dinge
Foto: Armin Herrmann


Viele kennen die gewählte Systematik von den eigenen Familienfotos: „Posen“, „Rituale“ oder „Heiraten“. Auf einer großen Fotowand, die an eine Pinnwand im Flur erinnert, führen schwarz-weiße und farbige Aufnahmen durch die Jahrzehnte. Vater stolz vor dem neuerworbenen Opel („Mit Auto“), Tante Gerda und Onkel Fritz an der etwas stürmischen Nordsee („Windig“), die Kaffeetafel nach der Kommunionsfeier („Prost“). Die Fotos erzählen Geschichten, die privates Erleben in gesellschaftliche Verhaltensweisen einbetten, kollektive Erinnerungen in private zerlegen.

In den Vitrinen liegen weitere Erinnerungsstücke - Medaillons, Mäppchen und Etuis, in denen Fotos aufbewahrt wurden. Im Mittelpunkt steht der Nachlass der Berliner Artistenfamilie Berg: Werbekarten, Zeitungsausschnitte, ein Fotoalbum u.v.m. Das Fotoalbum, seit den 1860er Jahren zunächst als sogenanntes Steckalbum bekannt, diente dem Sammeln und vor allem auch dem Erzählen. Die Präsentation dieses Familienalbums verbindet beide Ebenen. Ein Video begleitet die ehemalige Artistin Ulla Berg beim Durchblättern des Albums, über eine Hörstation lässt sie die Besucher_innen teilhaben (Erzählen und Erinnern, Hörstation und Video, Fotografie und Lebensweg der Berliner Artistenfamilie Berg, Film- und Toninstallation).


Schachtel mit Fotos „Bilder“
Sammlung Werkbundarchiv – Museum der Dinge
Foto: Armin Herrmann


Es gelingt der Ausstellung nicht nur, über die privaten Motive, über den Blick auf gesellschaftliche Ereignisse und auf auch sehr humorvolle Momente, eine Verbindung zu den Besucher_innen herzustellen. Vielmehr entstehen aus den Motiven kleine Geschichten, sie verdichten sich, werden Erzählungen. Aus einer Ansammlung von analogen Bildern formen sich auch unsere Lebensgeschichten.

Am Eingang der Ausstellungsräume schlägt eine von Ivan Taranin progammierte Installation den Bogen in die gegenwärtige Fotokultur. Tausende von Selfies laufen über einen Bildschirm, Inszenierungen aus einer digitalen Bilderwelt (5000 Fotos mit # Selfie, Oktober 2017, Programmierung Ivan Taranin). Welche Geschichten erzählen sie? Denn durch die technischen Entwicklungen verändern sich die Inhalte und Identitäten.


Seite eines Fotoalbums
Fotograf unbekannt
Sammlung Werkbundarchiv – Museum der Dinge
Foto: Armin Herrmann


Die sehenswerte Ausstellung wird begleitet durch ein Programm mit Vorträgen, Gesprächen und Führungen. In Kooperation mit dem Verein Jugend im Museum sind auch Familien eingeladen, Workshops zu besuchen. Weitere Informationen auf der Website des Archivs.

Foto Album
Private und anonyme Fotografie aus der Sammlung
des Werkbundarchivs – Museum der Dinge
bis 09.04.2018

Werkbundarchiv – Museum der Dinge
Oranienstraße 25
10999 Berlin
www.museumderdinge.de/
Do – Mo 12 – 19 Uhr

Barbara Borek

weitere Artikel von Barbara Borek

Newsletter bestellen




top

Titel zum Thema :

Die Ordnung der Natur. herman de vries im Georg Kolbe Museum
Ausstellungsbesprechung: Die Beschäftigung mit der Natur hat Konjunktur. Der Klimawandel und durch ihn verursachte Naturkatastrophen fordern unsere Aufmerksamkeit.

And the winner is ...
Preise: Am Freitag (24.1.20) wurde der Neuköllner Kunstpreis 2020 verliehen: Der 1. Preis ging an Catherine Evans, gefolgt von Jinran Ha und Vanessa Enriquez auf Platz 2 und 3.


berlin daily (bis 2.2.2020)
berlin daily mit ausgewählten Tagestipps zu Veranstaltungen rund um die zeitgenössische Kunst in einer wöchentlichen Vorschau:


Mentoringprogramm Forecast
Ausschreibung: Forecast gibt Ausschreibung für die 5. Ausgabe 2020/2021 bekannt und benennt sechs Mentor*innen.

Jenny Brockmann erhält Willms Neuhaus Preis
Auszeichnung: „Es geht mir um den Zeitpunkt, der überschritten wird, an dem es kein Zurück mehr gibt“, erklärte Jenny Brockmann 2016 anlässlich ihrer Ausstellung Wissensraum Irreversibler Moment in der Schering Stiftung.

Scheinwelten, reale Welten? – Modell-Naturen in der zeitgenössischen Fotografie
Besprechung: Die kleine, umso mehr feine Gruppenschau in der Alfred Ehrhardt Stiftung stellt überzeugend dar, wie leicht wir uns von vermeintlich echten Bildern verführen und trompieren lassen.

*foundationClass geht in die nächste Runde
Die *foundationClass weißensee kunsthochschule berlin richtet sich an Geflüchtete, die in ihren Heimatländern entweder ein Kunst- oder Designstudium aufnehmen wollten, schon begonnen hatten oder einen Studienwechsel anstreben.

Wiepersdorf-Stipendiatinnen und -Stipendiaten des Landes Brandenburg für 2020
Stipendien: Erste Wiepersdorf-Stipendiaten 2020 ausgewählt

berlin daily (bis 26.1.2020)
berlin daily mit ausgewählten Tagestipps zu Veranstaltungen rund um die zeitgenössische Kunst in einer wöchentlichen Vorschau:

STRABAG Artaward
Ausschreibung: Bis 30.01.2020 können sich Künstlerinnen und Künstler aus Deutschland und Österreich, die nicht älter als 40 Jahre sind und die im Bereich Malerei und Zeichnung arbeiten, um den Preis bewerben.

The Armory Show 2020
Messe-Info: ... aus Berlin dabei:

Performance „Borders Are Boring and Nations Are Nuts" + Katalogvorstellung
Tagestipp: Das museum FLUXUS+ präsentiert anlässlich der Katalogvorstellung zur Ausstellung "OUT LOOK" von Costantino Ciervo – die Performance „Borders Are Boring and Nations Are Nuts".

Vergabe eines Projektraums
Langfristige Vergabe eines öffentlich geförderten Projektraums im Rahmen des Arbeitsraumprogramms.

Christina Weiss wird Mitglied im Hochschulrat der weißensee kunsthochschule
Personalien: Neues Mitglied des Hochschulrates der weißensee kunsthochschule berlin wird die ehemalige Beauftragte für Kultur und Medien der Bundesregierung und ehemalige Vorsitzende des Vereins der Freunde der Nationalgalerie Christina Weiss.

Kulturstiftung des Bundes fördert 9 neue Projekte in Berlin
Zur Information: Die Kulturstiftung des Bundes fördert 9 neue Projekte in Berlin und stellt dafür rund 1,4 Mio. Euro bereit. Dazu gehören:

top

zur Startseite

Anzeige
Responsive image

Anzeige
Responsive image

Anzeige
Responsive image

Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Schloss Biesdorf




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Deutsches Historisches Museum (DHM)




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Rumänisches Kulturinstitut Berlin




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
ifa-Galerie Berlin




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Haus am Lützowplatz




© 1999 - 2020, art-in-berlin.de Kunstagentur Thomessen Hartlieb-Kühn GbR.