Berlin Daily 24.10.2018
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(Einspieldatum: 22.06.2018)

Kulturelle Galaxien: Philipp Lachenmanns DELPHI Rationale in der Schering Stiftung

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© Philipp Lachenmann: DELPHI Rationale, Filmstill, 4K-Video mit Ton, 12 min., 2015/2017

Das Orakel von Delphi blickte in die Zukunft. Es war der Nabel der antiken griechischen Welt. Das Delphi unserer Tage schaut eher Milliarden Jahre zurück, auf die Anfänge der Zeit. Es liegt nicht an den Hängen des Parnass, sondern tief in Schweizer Erde, ist aber ebenfalls ein Nabel der Welt – zumindest für viele Physiker. DELPHI heißt ein Partikeldetektor im Teilchenbeschleuniger der Europäischen Organisation für Kernforschung CERN.

Für den Konzeptkünstler Philipp Lachenmann war dies ein lange unerreichbarer Wunschort, bis der Zufall ihm in die Hände spielte und er die Gelegenheit bekam, im CERN künstlerisch zu arbeiten. Allerdings unter schwierigen Bedingungen. Mit je drei Stunden an einem Samstag und Sonntag stand Lachenmann ein denkbar knappes Zeitfenster für seine Filmaufnahmen zur Verfügung – eine kreative, logistische und finanzielle Herausforderung.

Lachenmanns Team lernte sich erst kennen, kurz bevor es hundert Meter tief in den Untergrund nahe Genf einfuhr – zur größten Maschine der Welt, die gebaut wurde, um im subatomaren Mikrokosmos das Innere der Materie zu erforschen.

Vom Teilchenbeschleuniger hatte Lachenmann bis dahin nur eine vage bildliche Vorstellung. 2012 wurde dort das Higgs-Boson nachgewiesen, ein Elementarteilchen, das wesentlich ist für unser Verständnis von der Entstehung aller Materie und damit der Welt.

Den Filmaufnahmen folgten zwei Jahre intensiver digitaler Bearbeitung. Das ebenso aufwendige wie vielschichtige Resultat, der zwölfminütige Film „DELPHI Rationale“, ist bis zum 24. Juni in der Berliner Schering Stiftung zu sehen.

Im ersten Teil stimmt ein indischer Lautenspieler auf seiner Sarod eine Morgen-Raga an. Er sitzt auf einem Tisch direkt vor dem Auge des riesigen Detektors, der ihn wie eine technoide Kuppel überwölbt. Lachenmann setzt einen Kontrapunkt zur westlichen Musik, die er als rational-mathematisch beschreibt. Im Gegensatz dazu spiegele die indische Raga, die der Dichter Rabindranath Tagore eine „Musik der Nacht“ nannte, die feinen Nuancen des sich stetig wandelnden subjektiven Empfindens.

Auch das Weltbild der Teilchenphysik ist in stetige Bewegung geraten. Wo das von beständigen Naturgesetzen und Formeln geprägte Standardmodell an die Grenzen der bislang Erklärbaren stößt, spielen exotische Teilchen, Energiefelder und unbeständige Quantenfluktuationen eine immer wichtigere Rolle.

Mit seinem kathedralartigen Aufbau bietet das DELPHI Lachenmann eine beeindruckende Kulisse. Die kreisrunde Öffnung im Zentrum weckt Assoziationen an ein allsehendes Auge, erinnert aber auch an HAL aus Stanley Kubricks Meisterwerk „2001: Odyssee im Weltraum“. Der Bordcomputer des Raumschiffs Discovery gerät außer Kontrolle und entwickelt ein für seine menschlichen Schöpfer teuflisches, immer bedrohlicheres Eigenleben, je „menschlicher“ er sich verhält.

Ein Eigenleben nimmt auch die Filmakustik an, nachdem der Musiker sein Instrument niederlegt hat und den Ort verlässt. Den bizarren Sound habe er aus den Geräuschen eines Flugzeugs oder das Klappern alten Spielzeuges komponiert, verrät der 1963 geborene Künstler.

Um das Auge des Detektors herum erstreckt sich ein aus Kabeln gebildeter Strahlenkranz der langsam, eingangs fast unmerklich, neue Farben annimmt. Es sind insgesamt acht Primärfarben, die Lachenmann quasi als Quintessenz aus alten Technicolorfilmen herausgefiltert hat: „Der Garten Allahs“, „Vom Winde verweht“ und „Der Zauberer von Oz“.

Gleichzeitig stellen die so entstehenden Bilder eine Hommage an die europäische Kunstgeschichte dar. Nachdem die letzten Töne des Musikers verklungen sind, legt sich die Farbigkeit eines Renaissance-Gemäldes über die Kabel. „Ich arbeite meist mit kollektiven Bildern, die ich mit anderen teile“, erläutert Lachenmann.

Konkrete Antworten gebe ein Orakel nie, so der ehemalige Villa Massimo-Stipendiat. Aber es verleite zur Reflexion und vermittle Selbsterkenntnis, „wie auch ein gutes Kunstwerk“. Und so sind es gerade die Widersprüche von Glaube und Wissen, von Kunst und Wissenschaft, die Lachenmann umtreiben. Dazu mag beitragen, dass der Künstler neben einem Diplom in Audiovisuellen Medien auch einen Magister der Kunstgeschichte und Philosophie innehat.

„Mein Ziel ist es, die Wissenschaft aufzubrechen und ihr ein irrationales Moment hinzuzufügen.“ Wo wäre dies besser möglich gewesen, als dort, wo der menschliche Verstand in seine Grenzregion vorstößt.

Ausstellungsdauer: 13. April bis 24. Juni 2018

Schering Stiftung | Unter den Linden 32-34 | 10117 Berlin
scheringstiftung.de/

Inge Pett

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