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Berlin Daily 25.04.2019
Lecture-Performance: Borrowed Faces: A Prologue

19 Uhr: von Fehras Publishing Practices (Künstlerkollektiv, Berlin)
Neuer Berliner Kunstverein | Chausseestr. 128/129 | 10115 Berlin

(Einspieldatum: 31.03.2019)

Wie zufrieden sind Sie? Eine Ausstellung widmet sich zeitgenössischer Kunst und Revolutionen

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Installationsansicht, Galerie im Körnerpark, mit einer Video-Arbeit von Stéphanie Lagarde („Deploiements“), © Nihad Nino Pušija

Während seit letztem Jahr zahlreiche kulturelle Projekte die Novemberrevolution von 1918/1919 in den Fokus rücken, konzentriert sich die Ausstellung „Are you satisfied? Aktuelle Kunst und Revolution“ in der Galerie im Körnerpark auf das Thema Gegenwart und Revolution. Die künstlerischen Positionen eröffnen Perspektiven auf aktuelle Formen des Protests sowie dessen staatliche Kontrolle und zeigen zeitgenössische Zugänge zu Geschichten von Revolutionen. Die Ausstellung, die in ähnlicher Form zuerst im Herbst 2018 in der Stadtgalerie Kiel zu sehen war, nahm ursprünglich den Kieler Matrosenaufstand von 1918 zum Anlass. Im Zentrum der Präsentation sowohl in Kiel als auch in der abgeänderten Version in Berlin steht jedoch die Beschäftigung mit der politischen Gegenwart, die stellenweise vor dem Hintergrund historischer Ereignisse befragt wird.

Schon allein für die „Videogramme einer Revolution“ des Filmemachers und Autors Harun Farocki und des Regisseurs und Drehbuchautors Andrej Ulica lohnt sich ein Besuch der Galerie im Körnerpark. Der Film aus dem Jahr 1992 verfolgt die rumänische Revolution 1989 von der letzten öffentlichen Rede Nicolae Ceaușescus bis zu der Verurteilung des rumänischen Politikers und seiner Ehefrau Elena Ceaușescu wenige Tage danach. Fast zwei Stunden entfaltet der Film Archivmaterial, das zum Teil aus dem rumänischen Fernsehen stammt, zum Teil privat gefilmt wurde. In den Blick gerät auch das Studio des staatlichen Fernsehsenders in Bukarest, das während dieser Tage von verschiedenen Akteuren besetzt und zum Schauplatz politischer Auseinandersetzungen wurde. Der Film behandelt vordergründig das Verhältnis von medialer Bildproduktion und Protest, eine Frage, die in Zeiten von Youtube und anderen Kanälen hochaktuell ist und den Bezug zum kuratorischen Konzept herstellt.

Ebenfalls aus „Found Footage Material“ besteht die Videoarbeit „Only Originals“ (2018) des Künstlers und Autors Steffen Zillig. In grellen und absurden Filmschnipseln aus den Wirrungen des Internets treten verschiedene Personen auf, die sich zwischen Maskerade und Verzweiflung bewegen. Parallel liegt eine einzelne Person in einem trostlos anmutenden Zimmer vor ihrem Computer, dazwischen immer wieder Schwenks in ein denkwürdiges Konzert des Rappers Kanye West 2016. Der Musiker steigert sich in eine konfuse Wutrede über Politik („I´m on my Trump shit“) und Medien („Google lied to you“) hinein, fordert die Besucher*innen auf, ihre Handys hochzuhalten (aber nur die Iphones). Das Publikum reagierte aufgebracht. Der Film collagiert auf spannende Weise Situationen, die sich schwindelerregend um Medien, soziale Vereinzelung, Macht, Politik, Emotionalität und Rebellion im digitalen Zeitalter drehen.

Mindestens so schwindelerregend ist die menschliche Kanonenkugel, als die sich ein Artist im Rahmen eines Kunstfestivals von der mexikanischen Seite über die Grenze hinweg auf US-amerikanisches Gebiet katapultieren lässt. Ein Film dokumentiert die von dem Künstler und Filmemacher Javier Tellez 2005 in Zusammenarbeit mit Patient*innen einer Psychiatrie und David „Cannonball“ Smith Senior initiierte Aktion. Als Mischung aus Zirkus und Protest legt sie die Skurrilität von Ländergrenzen offen. Durch diesen kollektiven Charakter steht die Aktion dann auch im Kontrast zur sozialen Fragmentierung, die in Steffen Zilligs Arbeit zu Tage tritt.

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Installationsansicht, Galerie im Körnerpark, mit Arbeiten von Julian Röder (Fotografie) und FAMED, © Nihad Nino Pušija

Der im Vergleich eher klassische Protest in Form von Demonstrationen wird ebenso in einigen Werken thematisiert. Julian Röders Fotografien verfolgen zeitgeschichtliches Geschehen und zeigen Polizist*innen und Demonstrant*innen während G8-Treffen zwischen 2001 und 2008. Dabei stellt Röder teils ironische und komische Szenen heraus: Eine Gruppe von Polizist*innen findet sich beispielsweise in voller Montur beim Entspannen in einer idyllischen Landschaftsaufnahme wieder – ein absurdes Resultat der erzwungenen Verlegung der Proteste in ländliche Gebiete, die selbige eindämmen sollten. An anderer Stelle handelt es sich eher um bildgewaltige Aufnahmen der Demonstrationen.

Neben Fotografien, Installationen und den Videos hängen im Galerieraum Zeugnisse von Demonstrationen in Form von Bannern von den Wänden, die das russische Kollektiv Chto Delat produzierte. Chto Delat bedeutet übersetzt so viel wie „Was ist zu tun“. Die Banner kombinieren Zitate der Sowjetkultur und linker Ikonen mit Figuren, hinterfragen Geschichte und politische Theorie im Kontext heutiger künstlerischer Praxis.

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Installationsansicht, Galerie im Körnerpark, mit Arbeiten von FAMED (Vordergrund) und Chto delat, © Nihad Nino Pušija

Darauf, dass Demonstrationen in vielerlei Hinsicht nötig sind, verweist auch die Zusammenstellung von Interviewfragmenten der Künstlerin Luise Schröder während der Demonstration am Frauen*kampftag in Leipzig 2018. Sie sind einem Gespräch zwischen Schröder und der Theoretikerin und Autorin Bini Adamczak gegenübergestellt, bei dem ein Innehalten empfehlenswert ist. Hier geht es um Geschlechterverhältnisse und Beziehungen in historischen und aktuellen revolutionären Zusammenhängen sowie um verdrängte Potenziale aus der Geschichte gescheiterter Revolten und die Frage, wie diese für die Gegenwart fruchtbar gemacht werden können.

Der angestoßene Rückblick auf die Geschichte führt fast zwangsläufig zur Infragestellung aktueller gesellschaftlicher Verhältnisse, die auch schon in der rhetorisch anmutenden Frage im Ausstellungstitel anklingt: Are you satisfied? Denn die Demonstrationen zum Frauen*kampftag zeigen beispielsweise, dass die Frage in vielen Hinsichten mit „Nein“ beantwortet wird. Auch die zuletzt begonnenen Gelbwesten-Proteste in Frankreich offenbaren, dass viele Menschen ganz und gar nicht zufrieden mit den gesellschaftlichen Verhältnissen sind. Diese Relevanz des Themas spiegelt sich in der Ausstellung wider und wird auf vielfältige Weise aufgegriffen. Zufriedenheit stellt in diesem Sinne allenfalls wegen der Qualität der Ausstellung ein.

Laufzeit: 19. Januar – 3. April 2019
Künstler*innen: Lars Breuer, Julia Bünnagel, Chto delat, FAMED, Harun Farocki und Andrei Ujica, Stéphanie Lagarde, Julian Röder, Luise Schröder, Javier Téllez, Steffen Zillig
Die Ausstellung wurde von Peter Kruska und Sönke Kniphals für die Stadtgalerie Kiel konzipiert und von Dorothee Bienert und Natalia Raaben für die Galerie im Körnerpark adaptiert.

Begleitprogramm
Donnerstag, 14. Februar 2019, 19 Uhr
Panzerkreuzer Potemkin mit Alternativsoundtrack von Jan Brauer
Film- und Musikabend

Der Stummfilmklassiker Panzerkreuzer Potemkin von Sergej Eisenstein aus dem Jahr 1925, der den Matrosenaufstand und die gescheiterte Russische Revolution im Jahr 1905 thematisiert, wird von Jan Brauer am DJ-Pult live neu vertont.
Jan Brauer ist Musiker und Sounddesigner, Gründungsmitglied des Trios Brandt Brauer Frick sowie des Brandt Brauer Frick Ensembles.

Öffnungszeiten
täglich 10 – 20 Uhr
Eintritt frei

Galerie im Körnerpark
Schierker Str. 8
12051 Berlin
Galerie im Körnerpark
www.berlin.de

Rabea Kaczor

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Titel zum Thema Galerie im Körnerpark:

Wie zufrieden sind Sie? Eine Ausstellung widmet sich zeitgenössischer Kunst und Revolutionen
„Are you satisfied? Aktuelle Kunst und Revolution“ in der Galerie im Körnerpark nur noch bis Mittwoch.

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