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Berlin Daily 24.05.2019
Festival Offenes Neukölln

24. bis 26. Mai 2019. Alles weitere siehe Website.

(Einspieldatum: 22.02.2019)

Searching Eva

bilder

Searching Eva
Panorama 2019
DEU 2019
von: Pia Hellenthal
© Janis Mazuch / CORSO Film


Der jüngst auf der BERLINALE gezeigte Film trägt seinen Titel zurecht. Wer ist diese Frau? Und was kann man überhaupt glauben von dem, was da gezeigt wird?

Eva Collé, den Namen hat sie sich selbst gegeben, ist mit 14 von zu Hause weg, hatte heroinabhängige Eltern, ist mehrfach vergewaltigt worden, nimmt bis heute Drogen, lebt aus zwei Koffern überall und nirgends. Sie verdingt sich als Sexarbeiterin, ist aber auch Model, Musikerin, Genderaktivistin, Feministin und manische Bloggerin. Tabus sind ihr fremd, Privatsphäre eine altmodische Kategorie. Ihre freimütigen zuweilen pornografisch wirkenden Selfies posted sie seit über 10 Jahren auf Instagram und Tumblr. Man sieht Eva mit Männern im Bett beim Geschlechtsverkehr, mit Frauen in der Badewanne koksend und knutschend, nackt auf der Toilette, mehr oder weniger bekleidet in freier Landschaft oder bei Modeaufnahmen in Paris. Eva veröffentlicht wie in einem Tagebuch online alles, was sie fühlt und denkt. Stimmungsabhängige Befindlichkeiten lösen sich mit feministischen Fragestellungen und dekonstruktivistischen Aufforderungen ab: Kreiere dich selbst! Erfinde dich immer wieder neu! Denn das, was man von sich zeigt, ist eh immer nur ein Teil. Und überhaupt, was ist „das Selbst“? Einmal sieht man Eva im Film durch eine Straße tanzen, dabei trägt sie ein T-Shirt mit der Aufschrift „Free of the bondage of self“.
Abertausende followers hat sie. Die geben ihre Kommentare ab, formulieren ihren Hass, ihre Ablehnung, aber auch ihre Bewunderung. In einer Art Zwischentitel werden diese Aussagen immer wieder eingeblendet. „I am afraid, you are an alien“ schreibt da jemand.

Über drei Jahre hat die Regisseurin Pia Hellenthal Eva begleitet. Dabei hat sie das erfahren, was wohl auch die Zuschauer fühlen: hier werden alle Grenzen aufgehoben, alle altgedienten Rollenbilder über den Haufen geschmissen, hier werden wir mit unseren eigenen Ängsten und Zwängen konfrontiert. Repräsentation ist immer Konstruktion, Identität eine Chimäre, das ist die Botschaft. Die online Medien befeuern diese Auflösungen, und Eva Collé scheint uns zu zeigen, dass dieses Spiel Spaß macht. Sie erschafft sich selbst, immer wieder neu. Mann, Frau, Trans, nackt oder verkleidet, Wahres oder Erfundenes erzählen, egal!

Dass in Zeiten von einem allumfassenden online-Leben, Diversifikation und LGBT traditionelle Geschlechter- und Identitätspolitiken nicht mehr greifen, Bedeutungen und Kategorien nichts mehr fassen und nicht mehr gelten, diese Provokation oder Verunsicherung leistet der Film zweifelsohne. Mich hat aber eher die Protagonistin selbst in Bann gezogen. Das liegt einerseits an ihrer unglaublichen Leinwandpräsenz, an der perfekten „Selbst“-Inszenierung ihrer posts, aber auch an ihrer schönen, ruhigen Stimme, denn ab und an spricht sie aus dem off eigene Texte ein. Auch die Machart des Films fasziniert. Die Montage ist brilliant, Yana Höhnerbach musste 110 Stunden Material bewältigen und hat ein veritables Kunststück vollbracht. Und die Kamera (Janis Mazuch) begleitet Eva quasi unauffällig in ihrem ganz normalen Alltag, bei der Wohnungs- bzw. Zimmersuche, im Schwimmbad, bei ihrem Vater in Italien pastakochend, dann wieder in ihrem Nacht- und Sexleben - alles dankenswerter Weise ohne Kommentare, ohne Intervieweinschübe. Der Film hat ungemein eindrückliche Sequenzen (die zuweilen an Pipilotti Rist erinnern in ihren Tempi-Wechseln und in ihrer Untermalung durch Musik). Stark sind aber vor allem die Bilder, die eher wie Standbilder, Fotografien oder Tableaux Vivantes funktionieren. Es verwundert also nicht, dass es im letzten Jahr bereits eine Fotoausstellung im Museum Winterthur, quasi in Vorbereitung zu dem Film, gab. Eine der eindrücklichsten und traurigsten Szenen zeigt Eva Collé vor einem nächtlichen Panoramafenster, im Hintergrund Trabantensiedlungen und die Detonationen und Illuminationen von Silvesterböllern.
Sie sitzt in einem schwarzen Negligé auf dem Boden, blickt wie so oft mit ihren ausdrucksstarken dunklen Augen in die Kamera, während eine lange Wunderkerze in ihrer Hand abbrennt. Dazu läuft der poetische und vieldeutige Song der Bee Gees: „I started a joke which started the whole world crying... I finally died which started the whole world living...“ Da fallen Bild, score und Darstellerin in eins, welch seltenes Glück!

Searching Eva
R.: Pia Hellenthal
Deutschland 2019

Daniela Kloock

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Titel zum Thema Berlinale:

Searching Eva
Filmbesprechung: Der jüngst auf der BERLINALE gezeigte Film trägt seinen Titel zurecht. Wer ist diese Frau? Und was kann man überhaupt glauben von dem, was da gezeigt wird?

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