Berlin Daily 19.04.2021
Online-Ausstellung: Negotiating Borders

mit Lee Bul, Minouk Lim, Kyungah Ham, Tobias Rehberger, Künstlerkollektiv SUPERFLEX (bis 23.5.) im Rahmen des Real DMZ (Demilitarisierte Zone) Projects des Koreanischen Kulturzentrums in Berlin.

Andres Veiel und Andreas Dresen im Gespräch

von Daniela Kloock (09.04.2019)
vorher Abb. Andres Veiel und Andreas Dresen im Gespräch

links: Andres Veiel, Foto © Karsten Kampf
rechts: Andreas Dresen, Foto © Klaus-Dieter Fahlbusch


Eine Spurensuche vor Publikum – so ließe sich diese Begegnung am besten beschreiben, die auf Einladung der Akademie der Künste letzte Woche stattfand. Anlass war die Buchpremiere „Streitbare Zeitbilder – das Kino von Andres Veiel“ der Autorin Claudia Lenssen, die die Veranstaltung auch moderierte.

Sichtlich gutgelaunt betraten die ungefähr gleichaltrigen Männer das Podium. Wiewohl schon lange Zeit miteinander befreundet, betonten beide zunächst ihre unterschiedlichen Herkünfte. Andres Veiel, 1957 in einem Vorort von Stuttgart in einem eher stickigen Elternhaus geboren, war eine Film-Karriere nicht unbedingt in die Wiege gelegt. Seine Jugend war geprägt von der Auseinandersetzung mit der deutschen NS-Geschichte, von der Verstrickung des Vaters in Bezug auf Schuld und Täterschaft. Auch die Zeit der Stammheim-Prozesse, die Spaltung der (schwäbischen) Gesellschaft in zwei Lager, hatte er hautnah miterlebt. Die Begegnung mit Claus Peymann, der damals das Schauspielhaus Stuttgart leitete, machte Veiel deutlich, dass Theater bzw. Kunst die Kraft hat, sich einzumischen. Der berühmt-berüchtigte Theatermacher setzte sich für die RAF-Gefangenen ein und kam über die protestantisch geprägte Landeshauptstadt hinweg in die Schlagzeilen, als er für Gudrun Ensslins Zahnersatz Geld sammelte. Dass Kunst also etwas bewirkt, und sei es „nur“ ein Sprechen über Tabus und bisher Beschwiegenes, diese Lektion hatte Andres Veiel bei Peymann gelernt.
Wie Veiel fand Andreas Dresen, 1963 in Gera geboren, seine Lehrer und Vorbilder in der Welt des Theaters der damaligen DDR. Da war zum einen sein Vater Adolf Dresen, Theater- und Opernregisseur, später dann, nach der Trennung der Eltern, trat an dessen Stelle sein neuer Ziehvater Christoph Schroth. Er leitete in Schwerin von 1974 bis 1989 das Mecklenburgische Staatstheater. Auch auf dieser Bühne ging es darum, das Künstlerische mit dem Politischen zu verbinden und in Kontakt mit den Zuschauern zu treten. Schwerin wurde so zu einer „heimlichen“ Pilgerstätte der DDR- Kulturszene.

Während sich also der Eine der politischen Aufarbeitung, der Aufklärung, und der Konfrontation verschrieb und sich an der Schuldfrage der Vätergeneration abarbeitete, hatte der Andere „frei Haus“ gleich zwei künstlerisch und politisch engagierte Vaterfiguren. Ohne Umwege ging es für Andreas Dresen über ein Volontariat bei den DEFA Studios zum Regiestudium nach Potsdam Babelsberg. Andres Veiel hingegen absolvierte zunächst ein Psychologiestudium in Berlin, ehe ein Regieseminar am Künstlerhaus Bethanien (u.a. bei Krzysztof Kieslowski) ihn von der Universität weg zum Theater und Film führen sollte. Ein psychologisch-therapeutisches Moment kennzeichnet jedoch bis heute viele seiner Arbeiten, man denke nur an „Der Kick“ (2006), „Die Spielwütigen“ (2004) oder an „Balagan“, Veiels zweitem Dokumentarfilm von 1993.

Überraschend einig waren sich die Regisseure über das Theater als die Kunstform, die grundsätzlich größere Freiheiten ermögliche als der Film. Eher spielerisch etwas zu erkunden, zu experimentieren, andere, neue Formen der Darstellung zu versuchen, all dies sei nur im Theater möglich. Demgegenüber stehen der enorme Erfolgsdruck und die brutale Verwertungsökonomie des Kinos. Eine grundsätzlichere Kritik an den Produktionsbedingungen oder an der Filmkultur hierzulande blieb jedoch aus, obwohl Andreas Dresen die aufreibende Produktions- Geschichte seines „Gundermann“ Films schilderte. Zehn Jahre hatte er für dieses Projekt kämpfen müssen. Der singende Baggerfahrer, den kein Mensch im Westteil der Republik kannte, fiel als Stoff sowohl bei den Redakteuren der Fernsehanstalten als auch bei den Fördergremien unhinterfragt durch.
Und da war sie wieder die gemeinsame Schnittmenge. Inhaltlich diesmal: Denn so wie Gundermann eine schillernde, ambivalente und schwer zu begreifende Persönlichkeit war, so auch Joseph Beuys, dem sich Andres Veiel in seinem letzten Film zu nähern versuchte (siehe unsere Kritik: Wollen Sie eine Revolution ohne Lachen machen?). Die Beschäftigung mit Künstlern oder Persönlichkeiten, die Querdenker waren, die nicht erst genommen wurden, die gegen Widerstände lebten, das fasziniert beide Regisseure gleichermaßen. Film kann so zu einem Diagnose-Verfahren werden, welches uns über eine bestimmte Zeit, aber auch über uns selbst aufklärt. „Zeige deine Wunde“, Veiel zitierte gern und viel Beuys an diesem Abend - ein deutlicher Hinweis darauf, dass der Regisseur sich u.a. als „Heiler“ versteht, und dass Wohlfühlkino für ihn ein „No-Go“ bleibt. Andreas Dresen demgegenüber scheint das lockerer zu sehen, für ihn ist Film primär ein Erzählmedium und „darüber ergibt sich dann was“ ...

Ein seltenes Glück und sicher eine ganz große Ausnahme dürfte es sein, dass zwei gleichermaßen erfolgreiche Regisseure eine so lange und produktive Freundschaft verbindet. Denn das kam ebenso zur Sprache. Sie teilen nicht nur Erfolge, Zweifel und Ängste, sondern sie stehen sich auch in Krisenzeiten mit Rat und Hilfe bei. Diese Verbundenheit einen Abend lang mitzuerleben, war schön.

Claudia Lenssen
Andres Veiel. Streitbare Zeitbilder
Schüren Verlag
ISBN 978-3-89472-717-8
www.schueren-verlag.de/andres-veiel

Daniela Kloock

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