Berlin Daily 31.05.2020
Better Alchemists in Dialogue

16 h: mit Monika Rinck, Haytham El-Wardany,
Jasmin Mersmann, Babes Bar. Vortrag, Lesungen, Gesprächen und Performance.
RUINE DER FRANZISKANER KLOSTERKIRCHE | Klosterstr. 73a, 10179 Berlin

(Einspieldatum: 10.03.2020)

Das digitale Diptychon Data-Verse von Ryōji Ikeda im Kunstmuseum Wolfsburg

von Urszula Usakowska-Wolff
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Blick in die Ausstellung Ryoji Ikeda, data-verse, Kunstmuseum Wolfsburg, data-verse 1 (r), data-verse 2 (l), 2019, commissioned by Audemars Piguet. With special thanks to The Vinyl Factory. © Ryoji Ikeda Studio. Foto: Marek Kruszewski

Bunt, beweglich, berauschend

In seiner monumentalen Videoinstallation Data-Verse macht der gefeierte Medien-und Soundkünstler Ryōji Ikeda die Entstehung und Verbreitung von Daten und Datenströmen sichtbar und hörbar.

White Cube als Black Box: Es dauert eine Weile, bis sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnen. In der riesigen Haupthalle des Kunstmuseums Wolfsburg ist es zappenduster, die Wände sind schwarz gestrichen, das sonst lichtdurchflutete Dach und das Holzparkett mit schwarzem Stoff verkleidet. Das finstere Ambiente mutet wie eine Höhle an, aus der langsam die Umrisse von zwei in einem Winkel von 90 Grad platzierten Leinwänden, jede zehnmal 16 Meter groß, auftauchen. Darauf werden parallel zwei 12-minütigen Videos projiziert. Beide gleichzeitig zu sehen, ist fast unmöglich und recht anstrengend, und so wandert der Blick von einem Screen zum anderen, oder der Betrachter müht sich, dem Geschehen zuerst auf dem einem, dann auf dem anderen Bildschirm zu folgen. Die davor oder dazwischen Stehenden werden von einer Bilderflut und Klangkulisse mitgerissen, in der es bunte Feuerwerke, hochfrequentes Piepen, tieffrequentes Wabern und Weißes Rauschen gibt. Stille und Stillstand kennt der digitale Pop Artist Ryōji Ikeda (* 1966 in der Präfektur Gifu, Japan, lebt in Paris) nicht. Seine Kunst ist crazy noisy und weltweit sehr beliebt, denn er verfolgt damit kein geringeres Ziel als „das Universum der Daten nachzuzeichnen und die Welt bis ins kleinste Detail hinein zu erfassen.“

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Blick in die Ausstellung Ryoji Ikeda. data-verse, Kunstmuseum Wolfsburg, data-verse 1, 2019, commissioned by Audemars Piguet. With special thanks to The Vinyl Factory. © Ryoji Ikeda Studio. Foto: Marius Maasewerd


Farben explodieren, Körper vibrieren

Eine Kostprobe seines Schaffens ist die Soloschau Data-Verse, die das Publikum des Kunstmuseums Wolfsburg mit akustischen und optischen Reizen überwältigt. Ikedas digitales Diptychon zeugt von der perfekten Beherrschung modernster Technik; die Schnitte sind furios, die audiovisuellen Sequenzen flimmern und rauschen in einem atem- und ohrenbetäubenden Tempo bis an die Grenzen der körperlichen und sinnlichen Belastbarkeit. Alles bewegt sich, die Farben rot, blau, grün und gelb rotieren und explodieren, um sich im nächsten Bruchteil der Sekunde in eine Lava zu transformieren. Kein fixer Punkt ist zu erkennen, kein fixes Bild, nichts, woran sich das Auge nur einen Moment festhalten kann. Die Bilder bewegen sich mal nach links, mal nach rechts, sie fließen von oben, von unten oder seitlich auf die Leinwände, werden eingeblendet und sofort ausgeblendet, damit andere Bilder folgen können. Sind die Rezipienten schwindelfrei und wohlauf (das Museum weist darauf hin, „dass die Ausstellung für Menschen mit Erkrankungen wie Epilepsie, Herz- oder Gehörproblemen nicht geeignet ist), können sie dieses Spektakel mindestens 24 Minuten goutieren und im rasenden Rhythmus vibrieren. Oder auch viel länger bleiben, denn die beiden Data-Verse laufen als Loop. Sie zeigen eine kurze Geschichte der Welt, die der Künstler mithilfe von frei zugänglichen Daten darstellt oder solchen, die von Forschungszentren wie NASA, CERN und dem Human Genom Project stammen.

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Blick in die Ausstellung Ryoji Ikeda, data-verse, Kunstmuseum Wolfsburg, data-verse 2, 2019, commissioned by Audemars Piguet. With special thanks to The Vinyl Factory. © Ryoji Ikeda Studio. Foto: Marius Maasewerd


Alles im Fluss und Überfluss

Ikedas Streifzug durch das Universum beginnt mit den Elementarteilchen, die sich umgehend zu Gehirnen, Skeletten, Silhouetten, Zahlenkolonnen, Stadtplänen und Luftaufnahmen der Städte formen. Immer wieder hastet ein Punkt durch den Bildschirm und macht piep. Linien verbinden sich zu Gittern und Netzen, die unseren Planeten mit einem dichten, unentwirrbaren und grenzenlosen Geflecht bedecken. In Data-Verse ist alles im Fluss und im Überfluss. Das Kleine erreicht ungeahnte Größe, das Einzelne wird seriell und verwandelt sich schließlich in eine unüberschaubare Masse. Und wenn es wieder piept, bleibt der Punkt für ein Weilchen stehen, umringt von einem zuckenden Kreis, der wie ein Radar aussieht. Dieser Radar taucht in Ryōji Ikedas Installation immer wieder auf. Es ist kein Zufall, dass seine immense und berauschende Arbeit Data-Verse heißt. Dieser Name klingt zwar poetisch, hat aber etwas anderes im Sinn. Vordergründig geht es darin um die Entstehung der Welt und ihre unaufhaltbare technische Entwicklung. Heute erleben wir die Anfänge der digitalen Zivilisation. Unser Universum wird, vor allem in den Ländern, deren Bürgerinnen und Bürger sich die entsprechenden Geräte leisten können, immer mehr zu einem Dataversum.

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Blick in die Ausstellung Ryoji Ikeda. data-verse, Kunstmuseum Wolfsburg, data-verse 1, 2019, commissioned by Audemars Piguet. With special thanks to The Vinyl Factory. © Ryoji Ikeda Studio. Foto: Marius Maasewerd


Vor und hinter dem Monitor

Computer aller Art bestimmen und beeinflussen unser Leben, soziale Medien und Datenhändler sammeln alle Informationen und Spuren, die wir im World Wide Web hinterlassen. Wer bekommt Einsicht in unsere Konsumpräferenzen, häufig leichtfertige Äußerungen zu privaten oder politischen Fragen? Ryōji Ikeda antwortet darauf indirekt, indem er zum einen die Entstehung und Verbreitung der Daten bebildert und mit vertraut klingenden digitalen Sounds untermalt. Zum anderen deutet er an, dass es hinter den PC-Monitoren, den Tablet- und Handydisplays eine andere, klandestine, kaum wahrgenommene und gefährliche Wirklichkeit gibt, in der jeder Klick registriert, kontrolliert und für immer archiviert wird. In wessen Hände diese persönlichen Datensammlungen gelangen, was und wann sie damit machen, bleibt im Dunklen, und die im Dunklen sieht man nicht. Es kann sein, dass die heimliche Botschaft, die der Künstler mittels seines vieldeutigen Opus Data-Verse senden will, lautet: Passt auf! Wir, die unsichtbaren Datenfänger, haben dich auf dem Radar!

Ryōji Ikeda: Data-Verse
Kurator: Andreas Beitin
bis 29. März 2020

Kunstmuseum Wolfsburg
Hollerplatz 1, 38440 Wolfsburg

Di-So 11-18 Uhr
Jeden letzten Mittwoch im Monat freier Eintritt, am 25. März 2020 von 16 bis 21 Uhr
www.kunstmuseum-wolfsburg.de

Urszula Usakowska-Wolff

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