(Einspieldatum: 07.10.2005)

Shirin Neshat im Hamburger Bahnhof (noch bis 4.12.05)


Hamburger Bahnhof
Hamburger Bahnhof, Außenansicht

Im Hamburger Bahnhof werden bis zum 4. Dezember 2005 Shirin Neshats neue Filminstallationen "Mahdokht" (2004) und "Zarin" (2005) gezeigt (letzteres als Weltpremiere), sowie die berühmte Doppelprojektion "Rapture" (1999). Begleitet werden die Filme von acht großformatigen Schwarz-Weiß Fotografien, die vorrangig aus der international bekannten Fotoserie "Women of Allah" stammen (1993-1997).

Während sich auf der Leinwand die ihre Taten bereuende kindliche Prostituierte Zarin ihren kläglich mageren Körper bei einer rituellen Waschung blutig schrubbt, steigert sich meine Unbehaglichkeit bis zur schwindelnden Übelkeit. Beim Verlassen der neuen Ausstellung von Shirin Neshat im Hamburger Bahnhof hätte ich mich am liebsten auch von Kopf bis Fuß in ein Tuch gehüllt, wie die meisten Protagonistinnen ihrer Filme und Fotografien, so sehr hatten mich die Filmszenen in ihren beiden neuen eindringlichen Video-Installationen berührt. Zum ersten Mal hatte ich in Bezug auf derartige islamische Frauenbekleidung nicht die westlich geprägte Assoziation von uniformer Kleiderordnung und Unterdrückung der Frauen in diesen, für mich so fremdartigen Ländern. Die den Körper gänzlich umhüllende Kleidung kann auch tröstlichen Schutz bedeuten, zu erfahren in "Zarin", und die Uniformität des schwarzen Tschadors den Zusammenhalt der Frauengruppe in "Rapture" verdeutlichen. Shirin Neshat öffnet mit ihren Werken die Tür zu einer anderen Welt mit seltsamen Sitten, die dem Betrachter der rätselhaft metaphorischen Filmarbeit "Mahdokht" auf assoziative Art und Weise fast begreiflich erscheinen. Am Ende jedoch entziehen sich ihre symbolgeladenen Werke einer definitiven Interpretation und so müssen auch die Schriftzeichen auf den Gesichtern und Händen der Frauen, der "Women of Allah", für die meisten Besucher im Hamburger Bahnhof, des Arabischen nicht mächtig, eine geheimnisvolle kalligraphische Ornamentik bleiben. Wie auch die Künstlerin selbst, so gehören ihre Werke zwei Kulturkreisen an und "erst wenn sie in beiden Welten gesehen werden, wird sich der volle Sinn ihrer Arbeit entfalten", prophezeit die Pressemitteilung.

Die Künstlerin fungiert als eine Art Vermittlerin zwischen der westlichen Kultur und der islamischen Welt, die sie als siebzehnjährige verließ, um an der University of California Kunst zu studieren. In ihren Fotografien und Video-Arbeiten thematisiert Shirin Neshat die Gegensätze zwischen diesen beiden Kulturpolen, aber auch jene zwischen Männern und Frauen, Beschränkung und Begehren, Individualität und Gesellschaft. Dabei handelt es sich keinesfalls um eine banale bipolare Unterteilung, denn innerhalb dieser Gegensätze ist jeder dieser Themenbereiche in all seiner Komplexität von Neshat beobachtet worden. Dokumentiert die Künstlerin beispielsweise "die islamische Welt", so verdeutlicht sie auch hier Gegensätzliches: "Die persische Kultur basiert auf ganz anderen Werten als die muslimische ... Sie ist weniger rigide, viel poetischer, viel literarischer, es ist eine sehr alte Tradition. Die neue Regierung brachte eine strenge, pure Form des Islam ins Land; sie haben versucht, die persische Geschichte auszuradieren und durch eine allgemeine, islamische Kultur zu ersetzen". Der Iran, den Neshat als komplexe Paradoxie empfindet, ist immer noch das wichtigste Thema ihrer Kunst, für die sie durch die Einflüsse iranischer und europäischer Filmemacher eine universelle und poetische Bildsprache gefunden hat. Seit 1997 erzählt die iranisch-amerikanische Künstlerin mit ihren Schwarzweißfilmen eindringliche Geschichten ohne Worte, die sich dem Gedächtnis des Betrachters sofort einschreiben. Allerdings fällt auf, daß der Blick auf die bereits bekannte Arbeit "Rapture" heute, nach jüngsten politischen Ereignissen wie 9/11, unweigerlich ein anderer ist, als noch 1999.

Shirin Neshats Faszination für die persische und zeitgenössische islamische Literatur ist auch in ihren neuen Arbeiten eine wichtige Inspirationsquelle. "Mahdokht" und "Zarin" sind Teil des geplanten fünfteiligen Spielfilms "Women without Men", basierend auf der gleichnamigen Novelle der iranischen Schriftstellerin Sharnoush Parsipur, die in ihrem amerikanischen Exil zu einer engen Freundin Neshats wurde. Seit ihrem Erscheinen 1989 bis heute stehen diese lyrischen Erzählungen von Frauen, denen unter dem kulturellen und religiös-gesellschaftlichen Druck nur der Ausweg in den Irrsinn oder den Selbstmord bleibt, im Iran auf dem Index verbotener Bücher. Daß diese beiden Filme ausschließlich in Farbe produziert sind, hebt sie aus dem bisherigen Oeuvre Neshats hervor, und in "Zarin" wird sogar gesprochen. Zwar handelt es sich um arabische Sprache, doch diese bleibt für unsere Ohren längst nicht so unverständlich, wie die Schriftzeichen in den Fotografien - der Betrachter erkennt auch ohne die Bedeutung der einzelnen Worte zu kennen, welche Gemütsregung die Sprecherinnen bewegt, und insofern bleibt Neshat der universellen Verständlichkeit ihres Werkes treu. Außerdem bedeutet die musikalische Untermalung der neuen Videoinstallationen, wie bei den früheren Schwarzweißfilmen, eine zusätzliche Steigerung an sprachenübergreifender emotionaler Suggestivität. Auch auf visueller Ebene überwinden Neshats Filme in ihren eindringlichen Bildern kulturelle Grenzen, um gesellschaftspolitische Inhalte zu vermitteln. Die Künstlerin will an einem "bildlichen Diskurs zum Thema Feminismus und zeitgenössischer Islam" arbeiten, "nicht als Expertin", wie sie einschränkend formuliert, aber als "leidenschaftliche Forscherin".

Wenn auch Shirin Neshats Werke sicherlich zu einem hohen Grad grenzenübergreifend verständlich sind, so stellt sich in diesem Zusammenhang eine ganz andere Frage. Es ist bekannt, daß Neshats Werke in der islamischen Welt – so fern sie überhaupt dort gezeigt werden – eine äußerst ambivalente Reaktion hervorrufen. Wird diese Verfilmung eines verbotenen Buches dort in nächster Zeit überhaupt zu sehen sein? Auch diese Fragestellung wirft die Ausstellung im Hamburger Bahnhof auf, und damit verbunden auch das Bewußtsein der eigenen Situation, dieses Werk hier sehen zu können, während es vielen anderen Menschen wohl bis auf weiteres nicht vergönnt sein wird.


Shirin Neshat im
Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart
Ausstellungsort: Invalidenstr. 50-51, 10557 Berlin
Ausstellungsdauer: 1.10.2005-4.12.2005
Kuratorinnen: Dr. Britta Schmitz (Hamburger Bahnhof) und Beatrice E. Stammer (Gastkuratorin)
Öffnungszeiten: Di-Fr 10-18 Uhr, Sa 11-20 Uhr, So 11-18 Uhr
Eintrittspreise: 8 Euro, 4 Euro ermäßigt. Donnerstags ab 14 Uhr freier Eintritt.
www.hamburgerbahnhof.de

Begleitet wird die Ausstellung durch einen deutsch-englischen Katalog und ein Rahmenprogramm bestehend einem Symposion ("Fotografischer Orient" am 5. November 2005 im Hamburger Bahnhof) und einer von Shirin Neshat ausgewählten Filmreihe im Kino Arsenal

Christiane von Gilsa

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Daten zu Shirin Neshat:

- * 1957 in Qazvin, Iran.
- Art Basel 2013
- Art Basel Miami Beach 2013
- documenta 11, 2002
- Istanbul Biennial, 1995
- Istanbul Biennial, 1997
- La Biennale de Montréal, 2014
- MoMA Collection
- Museo Reina Sofía, Collection
- Prospect New Orleans 1, 2008
- Solomon R. Guggenheim Collection
- Thyssen-Bornemisza Art Contemporary,Wien
- Whitney Biennale 2000

Kataloge/Medien zum Thema: Shirin Neshat

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Titel zum Thema Shirin Neshat:

Shirin Neshat im Hamburger Bahnhof (noch bis 4.12.05)
Ausstellungsbesprechung: Seit 1997 erzählt die iranisch-amerikanische Künstlerin Shirin Neshat mit ihren Schwarzweißfilmen eindringliche Geschichten ohne Worte, die sich dem Gedächtnis des Betrachters sofort einschreiben.

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