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Der leise Aufbruch - klassische Moderne aus Lettland in der TVDART Galerie


Der kleine baltische Staat Lettland, der heute gut 2,3 Millionen Einwohner zählt und seit 2004 EU-Mitglied ist, war von 1721 bis 1918 unter der Herrschaft des russischen Zaren. Nach der Proklamation der Unabhängigkeit 1921 entstand hier in den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen eine eigenständige Kunst, die Vorbilder der westlichen Avantgarde - vor allem französischer Impressionismus, Postimpressionismus, Fauvismus und Kubismus wie auch Neue Sachlichkeit - zwar adaptierte, sie aber auf die in der russischen Malerei bereits etablierten Sujets wie Porträt, Stilleben, Landschaft, Interieur- und Figurenmalerei übertrug bzw. sie eigenständig weiterentwickelte. Übernommen wurden meist nur Stilelemente, doch neigte die lettische Avantgarde weder zu Extremen in Farbe und Form wie der Westen noch betrieb sie eine Demokratisierung der Kunst wie die russischen Konstruktivisten nach der Oktoberrevolution, die ihre Ideen in den Dienst der industriellen Produktion und in der visuellen Mobilisierung der - analphabethischen - Massen stellten: Wladimir Majakowskis vielzitierter Aufruf von 1918, die Straßen zum Pinsel und die Plätze zur Palette zu machen, fand in Lettland keinen Nachhall; Kunst wurde in der jungen Republik zum Spiegel der eigenen Kultur und Sozialgeschichte.

Neben dieser avantgardistischen Strömung griff in Lettland ein Neoprimitivismus im Sinne einer archaischen Moderne auf das traditionelle Thema der bäuerlichen Lebenswelt oder - besonders in der angewandten Kunst wie die Porzellanmalerei - auf das eigene ethnografische Kulturerbe, die als "primitiv" angesehenen volkstümlichen Bilder der russischen Vergangenheit, zurück, um dem neuen Nationalbewusstsein seinen Ausdruck zu verleihen. Interessante Neuerungen gingen dabei aus der Synthese ethnografischer und moderner Formenelemente hervor. Viele Maler waren zugleich Bühnenbildner oder in der Gebrauchskunst tätig. Mit dem unblutigen Putsch Karlis Ulmanis 1933 und schließlich ab 1940 mit der Etablierung des Sowjetregimes in Lettland versiegte diese kurze Blüte einer lettischen Moderne, die sich nun dem propagierten Sozialistischen Realismus zu beugen hatte: ideologisch übertünchte gewinnende Szenen aus dem Leben der Bauern und Arbeiter. Das Andenken an emigrierte Künstler wurde verunglimpft, Oppositionelle vom staatlichen Mäzenatentum ausgegrenzt oder mit Ausstellungsverbot belegt, andere wurden verhaftet oder gezwungen, in Sibirien en plein air zu malen. Einen künstlerischen Ausweg bot die Flucht in eine malerische Romantik bzw. in unverfängliche Themen wie Stillleben und Landschaft. Das Tauwetter unter Chruschtschow lieferte zwar die Möglichkeit zu größerer künstlerischer Freiheit, doch erst die Generation der ab 1950/60 Geborenen wagte es, den Kontakt zur internationalen Kunstszene wieder aufzunehmen: sie kam, nun im Rückgriff auf die eigene wie ausländische Avantgarde und auf die Alten Meister zu überraschenden Bildlösungen, welche auch surreale, abstrakte und groteske Elemente und Formen verstärkt integrieren. Die Rückbesinnung auf die eigene Kultur der zwanziger und dreißiger Jahre wurde dabei zu einer wichtigen Voraussetzung für die kulturelle Erneuerung des wieder demokratisch gewordenen Lettlands.

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Ein herausragender Vertreter der lettischen Avantgarde zwischen den beiden Weltkriegen war Gederts Eliass (1887-1975) - neben Malern wie Oto Skulme (1889-1967), Jazeps Grosvalds (1891-1920), Konrad Ubans (1893-1981), Romans Suta (1896-1944) oder dem Grafiker Sigismunds Vidbergs (1890-1970).Mehr als 1000 Ölgemälde, hunderte Aquarelle und Pastelle sowie Artikel zu verschiedenen Kunstfragen hat er hinterlassen; dass der französische Fauvismus nach Lettland gelangte, ist ihm mitzuverdanken. In Jelgava, seinem Geburtsort, ca. 50 km südwestlich von Riga, trägt das Museum für Geschichte und Kunst seit 1975 seinen Namen, hier ist seit 1987 ein Teil seiner Werke öffentlich ausgestellt.

Eliass studierte zunächst in Jelgava im Atelier des renommierten Landschafts- und Figurenmalers Janis Valters, dann in Riga bei Vilhelms Purvitis, dem späteren Direktor des Staatlichen Kunstmuseums und der Kunstakademie, der neben Valters und Janis Rozentals zu den Klassikern der lettischen Malerei zählt. Nach der Teilnahme an der russischen Revolution von 1905, die auch auf das Baltikum übergriff, studierte Eliass von 1908 bis 1913 an der Königlichen Kunstakademie in Brüssel, wo bereits James Ensor und van Gogh Schüler gewesen waren, anschließend in Paris, hier unter anderem an der unabhängigen Académie Julien. Von 1916 bis 1917 lebte Eliass in Moskau, seit 1918 wieder in Lettland. Berlin, das nach dem Ersten Weltkrieg Zufluchtsort und Durchgangsstation für viele exilierte Russen war, hat er übersprungen. 1920 wurden erstmals seine Werke in Riga in der retrospektiven Ausstellung der "Gruppe der Expressionisten" gezeigt; bis 1940 stellte er in Lettland und europäischen Kunstzentren aus, nach dem Zweiten Weltkrieg waren seine Bilder nur noch selten zu sehen. Von 1925 bis 1953 mit Kriegsunterbrechung lehrte er an der Kunstakademie von Riga, beteiligte sich an der Herausgabe eines lettischen Lexikons in Sachen Kunstfragen und veröffentlichte 1940 zusammen mit seinem Bruder Kristaps Eliass ein Buch über die "Französische Malerei der Neuzeit". In der Nachkriegszeit hielt er Vorträge über einzelen Künstler und die erzieherische Rolle der Kunst, die für ihn eine eigene Sprache hatte, die man erlernen musste, um ein Kunstwerk zu verstehen. 1953 war er gezwungen, die Kunstakademie zu verlassen, 1962 wurde ihm der Ehrentitel "Volkskünstler der Lettischen Sozialistischen Sowjetrepublik" verliehen. Die letzten zwanzig Jahre seines Lebens verbrachte er einsam, neuere größere Werke entstanden kaum noch, seine Arbeiten finden sich dennoch in den Museen von Paris, Helsinki, Oslo, Prag oder Moskau.

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Eliass ging von Prinzipien der klassischen Kunst wie den Vorbildern der französischen Avantgarde aus, integrierte sie aber in den Kontext seines eigenen Volkes. Er trug die Neuerungen aus Paris nach Riga, auf der anderen Seite zeugen aber seine vor allem in den dreißiger Jahren entstandenen naturalistischen Darstellungen des bäuerlichen lettischen Lebens von seiner tiefen Verbundenheit mit seiner Heimat und deren volkstümlicher Kultur - dies in einer Zeit, als der neue Diktator Ulmanis eine folkloristische Kunst protegierte, die nichts mehr mit der Internationalität der jungen lettischen Avantgarde gemein hatte. In seinen klar aufgebauten fauvistischen Stilleben, Figurenbildern und Akten, die nie die Prätentiosität und ornamentale Dekorativität eines Matisse haben, vereinfachte er die Formen der Gegenstände und Modelle, konturierte sie schwarz und setzte sie vor buntfarbige oder buntgemusterte Hintergründe. Meist ohne Modellierung von Schatten ließ er das Licht aus den kräftigen Farben heraus leuchten, die zugleich so etwas wie Freude über die neue nationale Eigenständigkeit durchschimmern lassen. Vor allem die Hintereinanderstaffelung der einzelnen Motive, Auf- und Untersichten suggerieren Räumlichkeit. Überflüssige Details werden ausgespart zugunsten einer verknappten Aussage, die an die Bildersprache des russischen volkstümlichen "Luboks" als Spiegel des Lebens und der Gesellschaft erinnert. Schwermütig und von eher düsterer bzw. gedämpfter Palette dagegen sind seine Szenen aus dem bäuerlichen Leben, von Vieh und Landwirtschaft, die sich gerade durch eine Fülle erzählerischer Details auszeichnen und an die realistischen Bauerndarstellungen des frühen van Gogh denken lassen. Die Porträts von Familienangehörigen wiederum zeugen von seiner genauen Kenntnis der Grundregeln konventioneller Bildnismalerei.

Die Werkauswahl in der TVDART Galerie in Berlin-Charlottenburg zeigt mit 27 Ölgemälden eine Werkauswahl aus dem Schaffen Gederts Eliass und liefert damit ein vielschichtiges Bild des Künstlers, der von sich selbst behauptete, nie Anhänger eines bestimmten Stils gewesen zu sein. Die Ausstellung erinnert nach 15 Jahren, nachdem in Berlin 1990 erstmals nach dem zweiten Weltkrieg die lettische Avantgarde der westlichen Öffentlichkeit vorgestellt wurde und trotz des Mauerfalls die baltische Kunst in den europäischen Medien nur spärlich zum Zuge kam, wieder an diese rege Zeit des Aufbruchs, der jedoch damals vom Westen kaum wahrgenommen wurde.

Angelika Leitzke



Die Ausstellung, deren Exponate unverkäuflicht sind, ist ein gemeinsames Projekt mit dem Gederts Eliass - Museum und der Galerie "Maksla XO" in Riga.


Valerij Tarasenko
Niebuhrstraße/Ecke Schlüterstraße 54
10629 Berlin
Tel.: 030 / 88 91 44 45 | Fax : 030 / 88 62 73 48
tv.proart@gmx.de

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 13.00 bis 19.00 Uhr Samstag 12.00 bis 16.00 Uhr


(Einspieldatum: 16.09.2005)



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